Konsumbarbaren

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Unter der Maske ist es viel zu heiß. Zwei Stunden laufen sie bereits durch diese Ansammlung von vergammelten Häusern, die man früher Innenstadt nannte. Rick und seine Freunde stehen vor einem riesigen Gebäude, zu dem der Reiseleiter gerade via iMessage erklärt:
»Und das hier nannte man ›Die Arcaden‹. Die Menschen gingen zum Einkaufen hinein, saßen im Café oder aßen und tranken etwas in einem der gastronomischen Betriebe. Doch im Vordergrund stand ganz klar der Konsum von Waren. Bekleidung, Schuhe, Schmuck, Bücher und Spielwaren.«
Gemurmel ist hinter den übrigen Masken zu vernehmen. Anna schreibt über Lifebook: »Ätzend! Die sind rausgegangen, um zu shoppen. Voll retroretro! Gibt es Erhebungen darüber, wie hoch der Ansteckungsgrad an solchen Orten war?«
Zehn weiße Gesichtsmasken heben die Köpfe und schauen sorgenvoll zur Fassade. Es muss Soddom und Gomorrha gewesen sein. Viele Menschen auf einen Fleck. In Eile schossen sie durch die Gänge, setzten sich selbst und ganz bewusst auch den anderen Gesundheitsgefahren aus, von denen man jetzt nur noch in Erinnerungen spricht. Wie unwirklich! Auf ihren Message-Screens spielt der Reiseleiter ein Video ein, wie sich Hunderte Menschen tiergleich durch Gänge zwängen, wie sie, eng beieinandersitzend, Nahrung aufnehmen und durch Gespräche, Händedrucke und ungewollte Berührungen Bakterien, Viren und Schlimmeres austauschen.
Rick denkt an das letzte ausgedehnte Shopping mit seiner Mutter zurück. Sie hatten sich in der Küche an den Tisch gesetzt, ihre Message-Screens gekoppelt und sind dann die Onlineshops durchgegangen. Schnell, unkompliziert und günstig. Am nächsten Tag brachte ein Kurierdienst die bestellten Sachen. Was nicht so gut passte, wurde zurückgeschickt und umgehend ersetzt. Fertig. ›Was haben sich die Leute eigentlich damals dabei gedacht?‹, schießt es Ricky durch den Kopf. Sie gingen vor die Tür in eine Welt voller Gefahren, mussten sich der Präsenz anderer Menschen aussetzen, von denen sie nicht im Ansatz wussten, welche Krankheitserreger diese mit sich herumschleppten, sie ergingen sich in inhaltslose Gespräche, die manche iMessage-Unterhaltung noch unterboten und fanden das alles gut.
»Was macht man nun in diesen ›Arcaden‹?«, postet Maria, als der traurige Film zu Ende ist.
»Ein paar Szenekünstler nutzen sie als Ausstellungshalle für Großkunst, aber auch für Retroausstellungen, wie früher einmal Konsum ablief. Für Schulungszwecke gewissermaßen. Lassen Sie uns einfach reingehen.«
Der Reiseleiter lässt via Messagescreen ein »Folgen Sie mir!« auf allen Screens erscheinen und bewegt sich auf den Eingang zu. Die Gruppe von zehn Siebzehn- und Achtzehnjährigen folgt dem Vierzigjährigen. Gesichtsmasken knistern bei der Bewegung und die Latexanzüge stimmen mit einem Quietschen in ein seltsames Orchester der Bewegung ein, als die Gruppe den Haupteingang der ehemaligen ›Arcaden‹ passiert. Lebensgroße Puppen stehen in den Gängen und einigen Parzellen, die man »Geschäfte« nannte, wurden originalgetreu erhalten. In ihnen stehen andere Puppen, die als »Verkäufer« gekennzeichnet sind. Menschen also, die ihren Tag damit verbringen mussten, Ware so anzupreisen, dass andere Menschen die vermeintlichen Vorteile erkannten und in einen Handel einwilligten. Man konnte Lug und Trug riechen. Das Schauspiel eines mittelalterlichen Handels, der nur Verlierer kannte.
Lola postet: »Schaise! Vol gruslig.«
Jeder in der Gruppe kann sehen, dass sie ihr T9 wieder mal nicht aktiviert hat. Seit T9 flächendeckend in der Schule verwendet wird, gibt es keine Benotung mehr in Rechtschreibung und Grammatik. T9 sichert eine einwandfreie Kommunikation. Der Kommunikationsweg über iMessage schafft eine nachprüfbare und klare Kommunikation. Unglaublich, wie die Menschen das früher bewerkstelligt haben sollen. Von Angesicht zu Angesicht unter Verwendung ihrer Münder! Missverständnisse waren vorprogrammiert.
»Ich habe dir doch gesagt, dass …!«
»Nein, hast du nicht!«
Dann der Streit darüber, ob etwas wie gesagt wurde. Heute genügt ein Blick auf den Verlauf der iMessage und schon ist alles geklärt. Ich habe es so und so gesagt. Durch den Verzicht der Face-to-Face-Kommunikation werden falsche Betonungen und Missverständnisse vermieden. Die Klarheit des Wortes schafft Klarheit im Geist.
›Außer natürlich, du heißt Lola und findest den Knopf fürs T9 nicht‹, denkt Rick, während er fassungslos vor einer Puppe steht, die gerade lächelnd einem Konsumenten eine Tüte in die Hand drückt. Eine Plastetüte!! Voll Retro und umweltschädigend auch noch dazu. Diesen Barbaren hatten sie die Gesichtsmaske zu verdanken, die vor schädlichen Strahlungen schützt und die Atemluft so filtert, dass ein gesundes Leben möglich ist. Klar, wenn man die Puppen so sieht, sah man früher zumindest gleich, wie der andere aussieht. Andererseits schminkten sich die Frauen damals zu einem Wesen, was weder sie noch ihr Partner kannten. Eine dritte Person in der Beziehung. Und in ihrem Wunderkarussel der Wünsche nach einem perfekten Leben kamen all die anderen Personen dazu. Koch und Köchin, Mutter und Vater, Liebende und Liebender, Sportler und Sportlerin, erfolgreich im Beruf, erfolgreich im Leben. Kein Wunder also, dass die Menschen damals am Ende alle Psychopathen geworden sind.
»Kommen Sie bitte«, erscheint eine Message des Reiseleiters auf dem Display. Sie folgen ihm, immer wieder ungläubig in die Ausstellungsparzellen schauend. Es müssen in der Summe Zigtausende von Menschen gewesen sein, die sich hier hineingezwängt haben und ihre wertvolle Freizeit damit vergeudeten, in Hast zu konsumieren, Geschwätz von sich zu geben und als unaufgeklärte Verbraucher die gierigen Hälse von Händlern zu füllen. Unglaublich!! Rick schaut und staunt. Heute sitzen wir in Ruhe zu Hause, haben Programme, die Vergleichsalgorithmen ablaufen lassen und mir am Ende das beste Produkt zum günstigsten Preis präsentieren, während ich ein E-Book lesen kann oder mich anderweitig beschäftige. Die Menschen früher mussten vor die Tür, sie mussten mit ihren Autos fahren, parken, dafür auch noch zahlen und dann in diesen Konsumtempel laufen. Hungrig stürzten sie sich dann auf das, was der Reiseleiter nun präsentiert.
»Hier aßen die Menschen in einer Konsumpause«, postet er, während er seine Aussage mit einem Video illustriert, das Menschen zeigt, die eilig Fraß in sich schlangen, um den Wartenden wenig später die Möglichkeit zu geben, dasselbe zu tun. Ein Blick auf die Teller verrät, wo die Zivilisationskrankheiten der 2000er, 10er und 20er Jahre herkamen. Unglaublicher Müll, den heute nicht einmal mehr Haustiere bekommen.
»Was ist das da?«, postet Klara, während sie eine Sequenz des Videos als Foto aufspielt und mit einem Pfeil auf etwas aufmerksam macht, das ein Mann gerade zum Mund führt.
»Oh, das«, antwortet der Reiseleiter in einer anderen Schriftart. ›Wohl, weil er es besonders betonen will, vielleicht kommt er aber auch nur nicht mit der Bedienung des iMessage-Boards zurecht‹, denkt Rick. Alte Leute sind echt wunderlich. Das soll auch früher schon so gewesen sein.
»Das ist ein Brötchen mit einer Roster. Andere Regionen bezeichnen diese Nahrung als Rostbratwurst oder nur Bratwurst. Es handelt sich dabei um Schweinefleisch im Darm, das auf einem offenen Feuer erhitzt und dann im Brötchen mit Senf serviert wird.«
Die Posts bei Lifebook überschlagen sich.
»Krebs!«
»Hat das ein anderer vorher angefasst?«
»In einem Darm, in dem vorher Scheiße war??«
»Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Verfettung, Tod!«
»Fleisch also? In einem Weizenprodukt??«
»In einem richtigen Darm von einem richtigen Schwein? Eklig!«
»Vol kras.« Lola.
Der Reiseleiter, nun wieder in normaler Schrift: »Damals aß man noch Tiere. Unvorstellbar, ich weiß. Seien wir milde mit ihnen. Sie wussten viele Dinge nicht besser. Sie aßen Tiere, shoppten außer Haus und verschaukelten sich gegenseitig mit Hausfrauenpsychologie, die sie ›Marketing‹ nannten.«
Ein Raunen und so etwas wie Lachen ist unter den Masken zu vernehmen. Posts sind zu lesen.
»Lächerlich!«
»Als könnte man die Menschen ohne ›iPsycho-Scan‹ wirklich erkennen! Die waren so anmaßend. Die mussten einfach untergehen.«
»Vol kras und Tire esen get echt nul!« Lola.
Sirenengleich erhebt sich ein Tröten durch die Runde. Alle Teilnehmer des Ausflugs erhalten durch die iFood-Unit ein Signal, dass Nährstoffe zugeführt werden müssen. Sie führen sich den Schlauch aus der Maske in den Mund und bedienten ein paar Felder auf dem iBoard. In Sekundenschnelle werden sie mit einem Brei aus allen wichtigen Nährstoffen versorgt, garantiert frei von irgendwelchen Erregern und ohne Fleisch sowieso. Die Behälter, die sie wahlweise auf ihren Rücken oder in Tragetaschen auf der Seite bei sich führen, leeren sich und werden leichter. Nun können sich alle wieder der Führung widmen.
»Und so wissen wir, dass wir gesund und lange leben. Nicht wie diese Carnivoren vor uns.« Der Reiseleiter.
Sie schauen noch einmal auf die Gruppe der Essenden und schütteln die Köpfe.
Barbaren.
Oder »Babarn!«, wie Lola in die Runde postet.

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