Barbie und ich

Man hat herausgefunden, dass Mädchen ein falsches Körperbild entwickeln, wenn sie nur mit Barbies spielen. Die völlig utopischen Maße einer solchen Puppe würden nach Meinung von Wissenschaftlern dazu führen, dass Kinder einem Körperkult huldigen und ein Schönheitsideal anstreben, das nicht erreichbar ist. Ich lese das, lege die Zeitung beiseite und streiche über meinen Bauch. Neben mir sitzt mein Vater, der sich nicht über den Bauch streicht, aber einen wesentlich größeren hat. Meine Mutter steht vor mir. »Iss noch etwas, mein Junge«, sagt sie freundlich ermahnend. Erziehung hört nie auf, auch wenn die Überzeugungskraft von früher (»Du hast lange Seiten!«) an der Wirklichkeit der breiten Seiten des einstmals Langseitigen scheitert. Ich esse noch etwas. Der Kuchen meiner Mutter schmeckt nach Freude, Liebe und Unbekümmertheit. Nach Kindheit eben. Nach vier Stück merke ich, wie mein Bauch wächst. Außerdem beschließe ich, dass diese Menge hinreichend Ausdruck der Dankbarkeit eines kleinen Jungen ist, zumal der brave Sohn die Vierzig überschritten hat und in seinem Beruf anderen Menschen lehrt, wie man freundlich »nein« sagt.
»Ist der Boden offen?«, frage ich in die Stille.
Meine Mutter und mein Vater sehen sich und dann mich an. »Warum?«, fragt meine Mutter.
»Ich muss mal was nachschauen«, antworte ich.
»Ja, die Tür ist offen«, sagt Papa. Die Fragezeichen leuchten über ihren Köpfen.
Ich erhebe mich und steige die Treppen nach oben. Die Tür öffnet schwerfällig, es quietscht und knirscht. Auf dem Boden hängen mir Spinnenweben vor dem Gesicht, es riecht nach Staub, alten Möbeln, nach Ruhe und Zeit. Ich muss ein bisschen wühlen, einige Kisten öffnen und wieder schließen, bis ich ihn gefunden habe. Er ist in die Jahre gekommen, staubig und muffig. Zwei alte Stühle befreie ich von Spinnenweben und Dreck. Sie stehen übereinander und ich trage sie an einen freien Platz mitten auf dem Dachboden. Ich setze ihn auf einen der Stühle und ich nehme ihm gegenüber Platz. »Also, hör zu«, sage ich leise, während ich mich nach vorn beuge und über seine Wangen streichle. »Früher konnten wir auch über alles reden und es gibt Tage, da vermisse ich dich und unsere Gespräche sehr. Kennst du diese Barbie-Puppen? Nein, sicher nicht. Nun, es ist so, dass Kinder wahrscheinlich eine kleine Hacke bekommen, weil die Barbie so super gebaut ist. Dann entwickeln sie in ihrem Kopf den Wahn, auch so aussehen zu müssen, wie die verdammt scharf gebauten Puppen. Diese Hacke tragen die Mädels ein Leben lang mit sich rum.« Er sieht mich fragend an, lächelt und gibt mir ein Zeichen, dass ich weiter reden soll.
»Ich weiß natürlich auch, dass diesen Wissenschaftlern kaum zu trauen ist. Womöglich waren es wieder irgendwelche Elitefuzzis in Harvard, denen du im echten Leben nicht einmal deinen Autoschlüssel anvertrauen würdest, wenn du einen sitzen hast und nicht mehr fahren kannst. Und was haben uns die Amis schon vernünftiges gebracht? Die NSA, Burger King und Guantanamo? Sicher, es gibt auch gute Seiten. Apple und Pornos in HD zum Beispiel. Wenn ich den Gedanken an die Barbies aber weiterspinne und ihm die Möglichkeit der gedanklichen Entfaltung gebe, dann ist etwas Wahres dran.«
Er zieht seine Stirn in Falten, so, wie er es früher immer getan hat, wenn Unangenehmes zur Sprache kam. Vor allem Unangenehmes, das ihn und mich betraf. Ich habe ein bisschen Angst, weil ich ihn nicht verärgern will, aber wir sitzen da unter Männern und es muss raus. »Nun, schau, ich bin stark behaart. Meine ganze Brust ist voller Haare, beim Rücken hatte ich Glück, da gibt es schlimmere Vorfälle. Männer mit der Behaarung eines Gorillas und einer Matte auf Schultern und Rücken, die man fast kämmen könnte. Aber meine Haare auf Brust, Armen und Beinen reichen mir schon. Und dann sieh dir diese Plauze an. Womöglich ist darunter irgendwo ein Sixpack, aber meistens steht das nur im Kühlschrank. Verstehst du eigentlich, worauf ich hinauswill?«
Er schüttelt mit dem Kopf. Das hasste ich schon früher an ihm, denn er weiß es natürlich ganz genau. Ist schließlich kein Doofer.
»Also, pass auf! Die Mädels ahmen die Figur der Barbies nach, weil sie mit ihnen gespielt und Zeit verbracht haben. Und ich sehe aus wie ein Teddy!«
Nun schaut er so, als ginge ihn das alles nichts an. Wut kocht hoch in mir. Ich schreie ihn an: »Ich sehe aus wie ein Teddy!! Und schuld daran bist du, verdammt nochmal! Hätte ich die Möglichkeit gehabt, mit Ken zu spielen, sähe ich aus wie Ken. Hätte ich statt kleiner dicker Knetmännchen wahre Adonisse aus Suralin geformt, sähe die Welt heute anders aus. Vor allem ICH sähe anders aus! Warum hast du mir das angetan?« Mit meinen letzten Worten stürze ich mich auf ihn, reiße ihn vom Stuhl, verpasse ihm einen ordentlichen Schlag ins Gesicht und werfe ihn in die hinterste Ecke des Dachbodens. Ein paar Mal atme ich durch, dann gehe ich die Treppen nach unten. Meine Eltern sitzen noch am Tisch. Fragende Blicke. Meine Mutter richtet das Wort an mich: »Ist alles in Ordnung bei dir? Du wirkst so in Rage und wir haben deine Stimme gehört.«
»Nein, unmöglich. Das waren bestimmt die Nachbarn. Ich habe nur meinen alten Teddy gesucht.«
Meine Eltern schauen mich an und schweigen. Ich komme langsam zu mir, finde mein Lächeln wieder und bin stolz auf mich. Konfrontationsstrategie! So wird das was. Gehe hin und stelle dich deinen Ängsten! Ich habe mit einem Trauma aufgeräumt, mich innerlich versöhnt und wahrscheinlich werde ich schon bald schlank und unbehaart sein. Aber beim nächsten Besuch hole ich Teddy aus der Ecke und entschuldige mich bei ihm.

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