Worstseller 2015

Der Herr Verleger ruft wieder einmal an.
„Jischinski, kommen Sie am nächsten Sonntagabend mit zum Essen? Ich will ein kleines Verlagsfest feiern und ich lade alle Autoren ein. Sogar Sie.“
„Ja, gern. Freut mich“, antworte ich pflichtschuldig.
„Klasse! Die Hansen kommt auch und die Hustern. Die Verlagsmiezen halt. Bei der Gelegenheit werde ich auch die Verkaufszahlen für das letzte Jahr veröffentlichen und es gibt schon mal die Tantiemenabrechnung in die Hand gedrückt.“
„Das freut mich aber! Ist da auch eine für mich dabei?“, frage ich hoffnungsfroh.
„Jetzt werden Sie mal nicht vermessen, Jischinski! Ich schaue in Ruhe nach und dann machen wir eine schöne interne Hitliste. Ich hoffe, dass der Neumeier und die Nau auch noch kommen, dann hätten wir alle beisammen. Sie dürfen aber nicht vergessen, dass ich schon wieder in Vorleistung gehen muss. Der Welterklärer Zwo und Ihre irische Geschichte hauen ganz schön ins Kontor.“

Iren ist menschlich
Da er schweigt, sage ich „Hm, aber vielleicht werden zur Abwechslung mal ein paar verkauft.“
„Bei der Hustern mache ich mir keine Sorgen, aber Ihr Schinken? Nicht, dass ich Ihre Schreibe nicht mag, aber seit ‚Ein Mann unter Druck‘ haben Sie keinen Roman mehr zuwege gebracht. Für ‚Spatzenmuse‘ und ‚Wankelmuse‘ brauchten Sie die Hilfe vom Sahneschnittchen Hansen. Mit der würde ich ja auch mal was schreiben, aber noch lieber würde ich ihr die Leviten lesen. Aber lassen wir das. Die Leute wollen nicht Ihre kurzen, aber angenehm kranken Geschichten lesen, sondern was langes, mehrere Abende füllendes. Einen richtigen Roman eben. Fragen Sie mal den Neumeier!“
Er hat ja recht. Ich sollte mal wieder ein richtig schön langes Romanprojekt angehen. Dabei habe ich ja einen in der Schublade. Komplett fertig, aber wenn ich den vorlege, denkt der Verleger, dass ich jetzt eine Vollmeise habe und wenn er es doch machen würde, denken die Leser, dass ich nun komplett meschugge bin. Zumindest die zehn, die ihn lesen werden.
„Jischinski, sind Sie noch dran?“
„Ja.“
„Jetzt machen Sie mal keinen auf Mimose! Und ich glaube, dass Sie auch mal ein Honorar bekommen. Lassen Sie sich überaschen. Wussten Sie eigentlich, dass der Diogenes Verlag veröffentlicht, welches seine Worstseller sind?“
„Ja“, sage ich traurig.
„Von Brian Moores ‚Hetzjagd‘ wurden gerade einmal 74 Bücher im Jahr 2012 verkauft. Da wären Sie froh, wenn Sie das hätten und wir würden fast von einem Bestseller sprechen, oder?“
Ich lasse den Herrn Verleger ganz in Ruhe auslachen. Dann fängt er sich.
„Vielleicht klappt es ja wirklich mit diesem irischen Schinken. Und denken Sie daran, dass es noch schlimmere Erfahrungen für wesentlich bekanntere Schreiberlinge gibt. Von Liam O’Flahertys ‚Silbervogel‘ hat der Diogenes Verlag im Jahr 2012 nur ganze 30 Stück verkauft.“
„Das habe ich sogar!“
„Ich wusste es! Sie sind in jeder Beziehung ein Ladenhüter!“

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