Frohes Fest!

Es kann losgehen! Die Zutaten für das Festtagsgericht liegen vor mir und entgegen meinem ansonsten eher spärlichen Hang zu Ordnung und Disziplin habe ich alles gemäß Rezept vorbereitet. Das Gemüse habe ich klein geschnitten, die Innereien des Tieres dazu, Tomatenmark steht bereit, ebenso wie die Hühnerbrühe. Die Gans schmort im Ofen. Den Rotkohl habe ich bereits fertig und zuvor sogar selbst geschnitten und mit einem Apfel verfeinert. Karla hat sich zu einem kleinen weihnachtlichen Workout verabschiedet, was zum einen gut für ihre Figur und zum anderen bestens für den internen Weihnachtsfrieden ist, denn die Küche bleibt so Männergebiet. Das Refugium für Testosteron, Balsamico und Küchenbullen. Jede partnerschaftliche Auseinandersetzung zu Zubereitungsalgorithmen würde den Prozess auch nur verlangsamen und der Qualität wenig förderlich sein. Nicht zuletzt besteht die eigentliche Herausforderung heute darin, Karlas Eltern zu beeindrucken. Nachdem wir letztes Jahr die Ente samt selbst gemachter Klöße und erlesenem Gemüse des Herrn Schwiegervater in spe mehr als die Geburt des Herrn Jesus lobpreisen durften, wurde beschlossen, dass wir in diesem Jahr dran sind. Meine Schwiegereltern Kurt und Helga sind ausgewiesene Gourmets, die kurz vor der Pensionierung stehen und die Krönung des ehelichen Miteinanders nur noch in der Küche erleben. Zudem ist Kurt als Geschäftsführer irgend so einer Chemiebude gebildet und akkurat und Helga als Lehrerin am Gymnasium nicht minder erhaben über das Wissen der Welt, nicht zuletzt am Herd. Sie beäugen mich Schreiberling immer mit einer gewissen Abscheu, als hätte sich Karla einen Speil in den Fuß getreten, der nur schwer rauseitert. Ja, für die einzige Tochter der gutbürgerlichen Verschmelzung hätte der Markt mehr hergegeben als einen mittellosen Autor, der auch noch Zwielichtiges zu Papier bringt.
Ein letzter Blick auf die sonnengebräunte Gans, die im Herd vor sich hinbrutzelt, und schon lege ich los. Für die Sauce brate ich die Möhren und den Sellerie an und werfe die Zwiebel dazu. Bereits jetzt werde ich hungrig, denn ein angenehmer Duft strömt mir in die Nase. Als ich einige Minuten später die Kleinteile und Innereien der Gans dazugebe, wirbeln meine olfaktorischen Rezeptoren durcheinander. Nun noch etwas Tomatenmark dazu, Salz und …
Huch! Rotwein! So gar nicht meine Domäne. Wenn aber im Rezept Rotwein steht, kann ich schlecht einen Bowmore hinzugeben. Zum Glück hält Karla für hohe Feiertage solche Getränke vor und ich finde in ihrem Weinregal eine Flasche, die ich für angemessen halte. Eine Flasche »Puriri Hills« von 2008. Ich erinnere mich dunkel, dass sie die einmal von ihrem Chef geschenkt bekommen hat, und subsummiere dieselbe Ebene einer Hierarchie: Chef – Eltern von Karla. Sollte also passen. Außerdem klingt es ja nicht gleich so elitär wie beispielsweise ein »Midleton Very Rare 18 Jahre«. Karla selbst trinkt diese Tröpfchen wahlweise bei besonderer Euphorie ob beruflicher Erfolge oder aber nach Gesprächsrunden mit mir, die unsere Beziehungsebene zum Gegenstand haben. Ich entkorke den Wein und gieße ihn komplett in einen Liter-Messbecher. Laut Rezept muss ich dreihundert Milliliter einkochen lassen. Er verströmt bereits beim Einschenken ein wunderbares Aroma. Ich bin angenehm überrascht und stelle fest: ein guter Koch muss kosten. Also hebe ich den Becher zum Mund und trinke. Wow! Als Nichtrotweinkenner und -trinker muss ich anerkennend feststellen: Sehr lecker! Ich trinke gefühlt bis an die 300-ml-Markierung und stelle beim Absetzen fest, dass ich sie leicht unterschritten habe. Mist! Außer mir sitzen in zwei Stunden drei Pedanten mit am Tisch und Kurt wird jede Abweichung vom Rezept im Nanobereich rausschmecken. Ich gieße also die knapp 250 Milliliter in ein Glas und gehe erneut an Karlas Weinregal. Dort finde ich einen Wein mit einem recht hübschen Etikett. Es kommt nicht an das des »Oban 14 Years« heran, aber immerhin. Ich lese »Chateau Mouton-Rothschild« und denke, dass es den Gästen und der Gans angemessen sein sollte. Wieder in der Küche angekommen, trinke ich den Rest des Glases aus und messe nun genau 300 Milliliter im Messbecher ab, damit ich nicht wieder Probleme bekomme. Fix gieße ich den Wein auf und lasse ihn einkochen. In der Küche verbreitet sich ein wunderbares Aroma und in meinem Kopf wirkt der Rotwein Wunder. Ich schaue nochmal aufs Etikett des »Puriri Hills« und lese 13,3%. Nicht schlecht! Die Wirkung ist wie ein isotonisches Getränk: Geht sofort ins Blut. Ich warte, bis der Rotwein im Topf völlig einkocht ist. Derweil trinke ich ein paar Schlückchen aus der Flasche des »Chateau«. Mundet richtig gut. Meine Karla hat Geschmack. Ich notiere mir im Geiste, dass ich das unbedingt erwähne, wenn sie zurück ist. Die Hühnerbrühe gieße ich über den schon ansehnlichen Fond und nun habe ich endlich eine Viertelstunde Zeit. Ich beschließe, mir diese mit einem netten Buch auf der Toilette zu vertreiben. Das Klo ist neben der Küche die letzte wirkliche Bastion und wahrer Rückzugsort des Mannes geworden. Deshalb auch die vielen Kochshows. Das hat gar nichts mit Essen, sondern viel mehr mit Meditation und Besinnung zu tun. Bloß eine Kloshow gibt es noch nicht. Aber es wird sicher nicht mehr lange dauern. Während ich in meiner Leibesmitte die Totalentspannung erfahre, blättere ich ein wenig in Goethes »Faust« und lasse den Rotwein durch meinen kompletten Schädel kreisen. Eigentlich ist das schon ein sehr festlicher Moment. Viel schöner kann der Tag nicht werden. Nachdem ich fertig bin, das Buch zur Seite gelegt und mich sanitär-hygienisch erstversorgt habe, betätige ich die Spülung und erhebe mich. Und schon sehe ich das Malheur. Das Klo ist verstopft. So ein Mist! Gerade jetzt! Schnell springe ich in die Küche, um nach der Gans im Herd zu schauen und die Sauce umzurühren. Wieder zurück auf dem Klo hat sich nichts verändert. Der Mist läuft nicht ab. Wo hatte ich beim letzten Mal doch diese blöde Spirale hingetan, die man gefühlte hundert Meter in die Kanalisation schrauben kann? Mir fällt es einfach nicht ein, aber ich brauche eine Lösung. Eine schnelle Lösung. Mir wird sehr warm und das liegt nicht mehr nur am Rotwein. Ich kann schon Karlas Gesicht vor mir sehen, wenn sie mich so sieht. Ich koche in aller Seelenruhe das Weihnachtsmahl, habe natürlich nur eine Unterhose und ein Hemd an, vom Rotwein habe ich eine leichte Hacke und das Scheißhaus ist verstopft. Ihre gesamte innere Mitte und das Wohlgefühl durch den feiertäglichen Sport wären schneller weggespült, als meine Exkremente in unserer Toilette. Ha! Da fällt es mir ein. Als wir eingezogen waren, musste ich eine neue Badarmatur kaufen, weil Karla es nicht mit sich und ihrer Hygiene vereinbaren konnte, die Brause des Vormieters in die Nähe ihres Körpers zu bringen oder gar an ihr Allerheiligstes zu halten. Ich würde einfach diesen blöden Schlauch nehmen, ihn mit dem einen Ende in das Klo einführen und in das andere Ende hineinblasen, bis sich die Verstopfung gelöst hat. Ich renne in den Keller und hoffe darauf, dass mich dabei niemand sieht. Die Erklärung meiner Situation würde sicher Erstaunen hervorrufen. Im Keller finde ich zum Glück sofort den Brauseschlauch und renne wieder nach oben. Nun ist der Rotwein überpräsent und ich bin ziemlich daneben. Schnell stopfe ich den Schlauch ins Klo, wobei mir neben dem inzwischen recht dominierenden Geruch auf der Toilette ein anderer in die Nase sticht. Die Gans! Fast in derselben Sekunde stehe ich vor dem Herd, öffne ihn und wende den Vogel. Die Haut des Vogels ist leicht lädiert aber ich werde ihn einfach auf die andere Seite legen, wenn wir ihn unseren Gästen präsentieren. Sicherheitshalber gieße ich etwas Wasser auf das Vieh und spüle meinen aufkommenden Ärger mit einem Schluck Rotwein runter.

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Dann hetze ich wieder ins Bad und stelle mit Erschrecken fest, dass dieser blöde Schlauch wieder aus dem Klo geploppt ist. Mist! Welches Ende hatte ich denn nun schon in der Schüssel?? Für ausgedehnte Überprüfungen habe ich keine Zeit mehr, denn Karla wird gleich zur Tür reinschweben. Deshalb schnappe ich mir das Ende mit der höheren Wahrscheinlichkeit, stopfe es in das Klo und nehme das andere Ende in den Mund. Ich atme tief durch, denn es schmeckt wie die richtige Entscheidung. In der Kloschüssel blubbert es gewaltig und Unaussprechliches tritt zu Tage. Es stinkt erbärmlich. Nach mindestens zehn Luftstößen, die mich kurz vor die Ohnmacht bringen, kann ich weder durch Nase, noch durch den Mund einatmen, aber der Scheiß läuft ab. Ich spüle ein paar Mal nach, säubere alles mit der Bürste und einem Lappen und schnappe mir den Schlauch. Wieder renne ich in den Keller, verstaue das stinkende Teil notdürftig und eile nach oben. Dort angekommen, rühre ich den Fond um, bewege die Gans und schaue auch nach dem Rotkohl. Ich bin fix und fertig, setze mich an den Tisch und trinke noch etwas Rotwein. Kein Wunder, dass in der Zeit um das Fest die meisten Streitereien in Familien stattfinden. Ich bekomme das alles nicht einmal allein in Ruhe auf die Reihe. Ich bin völlig durchgeschwitzt, meine Hände riechen nach dem Brauseschlauch und ich habe noch eine knappe Stunde, bis Kurt und Helga kommen. Gerade als ich sehnsüchtig an meine Karla denke, höre ich das Türschloss und meine Geliebte in die Wohnung treten.
»Aaaaahhh!!« Sie schreit. »Mark, was ist hier los?«
Ich torkele in unseren Flur und schaue sie an. Sie hat sich gleich nach dem Fitnessstudio schön gemacht und mir fällt es sofort auf. Sie wird stolz auf mich sein. »Du siehst toll aus, mein Schatz! Sogar noch besser als nach dem Friseur.«
Karla hat einen nochroten Kopf, schält sich aus ihrem Mantel, und wenn ich nicht so hacke wäre, würde ich ihr auch raushelfen. Dann steht sie vor mir und brüllt lauter, als dies auf diese Entfernung notwendig wäre: »Kannst du mir bitte mal erklären, warum es hier überall nach Scheiße riecht?«
Ich glaube, dass sie mich gleich töten wird. Deshalb versuche ich sie zu besänftigen. »Geh einfach in die Küche, dort riecht es nach Gans!«, sage ich ihr und an ihrem Blick kann ich ablesen, dass ich eigentlich schon tot bin. Sie geht aber tatsächlich an mir vorbei in die Küche und ich bin noch nicht ganz bei ihr, als ich sie schon wieder schreien höre. »Aaaaahhh!! Jischinski!! Bist du völlig geisteskrank? Du sollst hier ein tolles Gericht für meine Eltern zaubern, schickst mich dafür extra außer Haus, damit ich dich auf keinen Fall störe, und was machst du? Du stehst im Slip und Hemd vor mir, im Flur riecht es nach Scheiße und ich will die Erklärung gar nicht wissen, die Gans sieht halb verkohlt aus, aber die Krönung, wenn es da überhaupt noch eine gibt, ist, dass du meine zwei wertvollsten Weine zum Kochen und offensichtlich auch zum Saufen verwendet hast!«
Ich muss mich im Türrahmen anlehnen, als ich frage. »Echt, die sind wertvoll? Also lecker sind sie allemal und die Sauce wird bestimmt klasse.«
»Aaaaahh! Ja, die sind wertvoll. Der Australische kostet um die achtzig Euro und der Chateau sollte um die zweihundertfünfzig wert sein.«
Es ist deutlich hörbar, wie ich Speichel herunterschlucke. Um das Thema zu wechseln sage ich »Und das mit der Scheiße im Flur kann ich erklären. Die Toilette war leider verstopft und ich habe sie wieder frei bekommen.« In einem dieser Beziehungsratgeber habe ich neulich gelesen, dass es in jedem Streit Wunder wirkt, wenn man den Partner in den Arm nimmt und tröstet. Deshalb schwanke ich auf Karla zu und lege vorsichtig meine Hände auf ihre Wangen, streiche mit den Fingern ganz zart darüber, vorbei an ihrer Nase …
»Aaaaahh! Deine Hände riechen nach Scheiße!« Wutentbrannt löst sie sich von mir los, schnappt sich das Telefon und verbarrikadiert sich im Schlafzimmer. Durch die Tür höre ich, wie sie ihren Eltern absagt. Die Begründung will ich gar nicht mehr hören. Ich gehe in die Küche, trinke den restlichen Rotwein und bin mir sicher: Die gesamte Ratgeberliteratur ist völlig überbewertet. Kochbücher, Do-it-yourself-Bücher für den Haushalt und diese bescheuerten Beziehungsratgeber. Beim nächsten Mal essen wir wieder bei Kurt und Helga.

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