Monty XI

Ich gehe nach Hause und jeder Schritt fällt mir schwer dabei. Die Muster der Gehwegplatten auf dem Bürgersteig ergeben keinen Sinn. Wie so vieles in meinem Leben. Warum musste ich mich zur Nachhilfe für einen Vollpfosten breitschlagen lassen? Warum halfen die anderen nicht? Warum immer ich? Ist es gut, immer zuerst anderen zu helfen und erst viel zu spät an sich selbst zu denken? Hat Sisyphos eigentlich vorher überlegt, ob er jeden Tag wieder den Stein den Berg hochrollen wird, wohl wissend, dass er das Werk nie erfolgreich beenden wird? Und ist Leo nun der Stein oder der Berg? Ich weiß es nicht und ärgere mich vor allem über mich selbst. Andererseits fühle ich mich seltsam wohl. Ich weiß, dass Leo nie begreifen wird, was ich ihm mathematisch beibringen möchte. Und genau das ist das Beruhigende dabei. Ich kenne mein Schicksal. Es ist sicher und beherrschbar. Ein anderes Ergebnis als die Tabula rasa im Kopf Leos wird es nicht geben. Noch besser ist, dass er diese Ausgangsposition selbst durch noch so viele Schläge auf seinen Kopf beim Boxen nicht verschlechtern wird. Das macht mich schon fast neidisch.
Als ich die Wohnungstür öffne, höre ich bereits das nächste, Mensch gewordene Unheil. Es hat meinen einzigen Rückzugsort besetzt und wird ihn auch so schnell nicht wieder verlassen. Das Wesen wird sich über Tage bei uns einnisten, den Drang haben, alles zu putzen, sich überall einzumischen und omnipräsent zu sein. Wenn ich den Sisyphos in mir weiter pflegen will, dann ist es nun nicht der Felsbrocken, den ich einen Berg hinaufwälzen, sondern der Berg, den ich um den Planeten rollen soll. Wieder und wieder. Der Berg hat einen Namen: Oma Hedwig. Und die Krone ihres Besuchs setzt sie sich immer gleich zu Beginn auf. Sie bringt selbst gemachtes Griebenschmalz mit. Meine Eltern sind ganz versessen darauf und rennen mit einem Strahlen im Gesicht durch die Wohnung, als hätten wir einen Sternekoch als unseren persönlichen Küchenhelfer eingestellt. Dabei glaube ich, dass Oma Hedwig einfach nur in eine Schüssel kotzt, ein paar Kräuter reinwirft, dazu Gelatine und wahrscheinlich noch einen Brühwürfel. Es ist einfach nur eklig. »War das gerade die Tür?«, höre ich sie meine Eltern fragen. Und gleich schwebt sie mir entgegen und wirft ihre Arme um mich. »Ach, Monty, bist du wieder gewachsen!«
Dann lässt sie kurz von mir ab, greift mich an den Armen und schaut mir ins Gesicht. Ihr breites Lachen erstirbt sofort. Sie schreit. »Monty! Was haben sie mit dir gemacht? Hast du dich geprügelt? Du weißt doch, dass du Konflikte nicht auf diese Art lösen sollst! Ich muss mit deinen Eltern sprechen.«
Schon ist sie mit der Geschmeidigkeit einer Zwanzigjährigen bei meinen Eltern und der Schüssel Griebenschmalz, obwohl sie satte achtundsechzig ist. Ich stehe verlassen im Flur und frage mich, warum sie mich nicht gefragt hat, wie es mir mit meinem zerschundenen Gesicht geht. Da es sowieso niemanden interessiert, verdrücke ich mich vorsichtig in mein Zimmer und werfe mich auf das Bett. Leo ist doof. Oma Hedwig und das Schmalz sind zu Besuch und meine Birne schmerzt. Das Leben ist nicht immer einfach. Papa sagt, dass ich in solchen Zeiten immer daran denken soll, dass es definitiv noch schlimmer werden kann. In diesem Moment geht die Tür auf. Kein Klopfen, kein vorsichtiges Hereinstecken eines fragenden Gesichts, nein, einfach nur ein schnelles Vorpreschen. Oma Hedwig steht nach drei Schritten vor mir, ein warmes Lächeln auf ihren faltigen Lippen wie der Weihnachtsmann und ihrer rechten Hand hält sie eine Scheibe Roggenbrot mit Griebenschmalz. Es ist in unserer Familie so etwas wie die Melange eines Festtagsbratens mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes.
Sie hält mir das Brot direkt unter meine Nase.
»Hier, riecht das nicht himmlisch?«, fragt sie, während ihr der erste Sehnsuchtstropfen pawlowschen Speichels aus dem Mundwinkel tropft.
Der Geruch steigt mir in die Nase, von dort wird er verwandelt, landet als furchterregende Information in meinem Hirn und konstruiert Bilder, wie ich riesige Schweine, aus deren Poren stinkendes Fett läuft, einen Berg hinaufschiebe, der mit Exkrementen und Schlimmerem beschmiert ist. Und genau in diesem Moment atomisiert sich der Geruch in meinem Inneren und bringt genügend Teilchen in Bewegung, die es schaffen, meinen Magen zu einer vulkanischen Eruption zu bewegen. Das Ergebnis kotze ich in einem geometrisch so ansprechenden Bogen auf den bis dahin schrecklich farblosen Pullover von Oma Hedwig, dass Leo möglicherweise sofort begreifen würde, was das Geheimnis der Kurvendiskussion ist.

 

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