Die Krankheit zum Tode

»Das Leben ist ein zeitweiliger Sieg über die Ursachen, die zum Tode führen.«
Sylvester Graham

Im Warteraum der Praxis riecht es muffig. Die abgegriffenen Zeitschriften waren vor Jahren tagesaktuell und auf jeder Seite kann Paula Schöffler die Bakterien und Krankenakten aller Patienten fühlen. Paula ist fünfunddreißig, die Haare sind eine Spur zu fettig, die Haut ist angegriffen, in ihren Augen fehlt jeder Glanz und mit ihren gichtigen Fingern blättert sie gelangweilt durch die Magazine, ohne wirklich etwas wahrzunehmen. Gelangweilt überfliegt sie die Diätweisheiten, während sie sich in eine ihrer Speckrollen kneift und ihr Doppelkinn kratzt. Klappt sowieso nicht, der ganze Mist. Tausendmal probiert und es ist doch nur Verarsche. Am Ende ist man fetter als vorher. Die erste Aufregung in der Praxis hat sie bereits durch die Anmeldung hinter sich. Die Sprechstundenhilfe am Empfang hat mit einiger Sicherheit Vorfahren aus Targaryen. Mit jedem Satz, jeder Frage nach Chipkarte und Befinden, stößt sie kleine Rauchwolken aus ihren Nüstern und unter ihrem weißen Umhang richten sich auf ihrem Rücken deutlich sichtbar Flügel auf. Nach einer gefühlten Ewigkeit wird Paula pünktlich eine Stunde nach dem vereinbarten Termin aufgerufen. Die Scheiße nimmt also kein Ende. Sie erhebt sich mürrisch und geht zum Sprechzimmer. Dort begrüßt sie der Doktor freundlich.
»Hallo Frau Schöffler, wir haben uns aber lange nicht gesehen! Wie geht es Ihnen?«
Sie gibt ihm die Hand, setzt sich, atmet tief durch und mustert den Herrn Doktor ausgiebig. Braun gebrannt, semmelblondes Haar, ein wacher Blick aus blauen Augen, ein paar, aber nicht zu viele Lachfalten. Alles in allem ein attraktiver Mittvierziger. Das Gejammer der Ärzteschaft über Budgetierungen und elementare Einschnitte bei den Leistungen der Krankenkassen scheint an ihm vorbeizugehen.
»Alles ist Scheiße, Herr Doktor«, entfährt es ihr schroff.
»Das ist nun doch sehr allgemein. Könnten Sie etwas genauer werden? Was fehlt Ihnen denn?«, fragt der Doktor, während er sich erste Notizen macht.
»Ich kann nicht mehr. Meine Arbeit ist Mist, es kotzt mich alles an. Die Vorgänge, die Kollegen und die Kohle stimmt auch nicht.«
»Soso. Ihre Arbeit also. Mögen Sie die gar nicht oder nur an manchen Tagen nicht?«
»Gar nicht!«, bescheidet sie ihm knapp. Sie schiebt ihre Unterlippe über die obere und ihre Stirn liegt in Falten. »Früher hat sie mir mal gefallen. Aber inzwischen fühlt sie sich nicht mehr gut an. Vielleicht sollte ich etwas anderes machen, vielleicht auch nicht. Ich weiß auch nicht.«
»Aha!«, sagt der Arzt, der in solchen Fällen immer »Aha!« sagt. »Und wie sieht es mit den Kollegen aus? Werden Sie gemobbt?«
»Nein. Aber die sind alle Arschlöcher.«
»Wenn Sie mehr Geld bekämen, würde das die Arbeit und die Arschlöcher erträglicher machen?«
»Wahrscheinlich nur, wenn es im Millionenbereich wäre und dann auch nur vorübergehend.«
»Aha! Wie sieht es in Ihrem Privatleben aus? Haben Sie nicht einen Partner, mit dem Sie sich austauschen können, der sie liebt und den Sie lieben? Kinder, bei denen Ihr Herz aufgeht? Und haben Sie ein Hobby, das Sie von Herzen gern ausüben?«
Ihr Kopf gewinnt an Farbe. Die Stimme an Kraft. »Der?! Der versteht mich doch gar nicht. Für den bin ich selbstverständlich. Und außerdem müsste der sich erst einmal gehörig ändern, damit ich ihn wieder lieben kann. Mit der Erziehung meines Mannes habe ich genug zu tun, da bleibt keine Zeit für ein zweites Kind. Und für ein Hobby habe ich erst recht keine Zeit.«
»Aha.« Der Doktor kaut auf einem Bleistift herum und wippt in seinem Stuhl. Dann beugt er sich zu ihr vor. »Darf ich das für Sie zusammenfassen? Zurzeit ergibt alles für Sie keinen Sinn, weil sie eine Arbeit haben, die Sie nicht mögen, Arbeitskollegen, die alle Arschlöcher sind und privat haben Sie einen Partner, den Sie lieben könnten, wenn er sich ändern würde. Sie müssen sich darüber hinaus um seine Erziehung kümmern, weshalb Sie für ein Kind keinen Raum sehen. Zeit für ein Hobby, das Ihnen Freude gegen könnte, haben Sie auch nicht. Sie fühlen sich insgesamt unverstanden, erschöpft und wissen nicht mehr weiter.«
Endlich mal einer, der sie versteht. »Richtig. Sagen Sie, habe ich einen Burn-Out?«
»Nein, keinesfalls. Sie leiden lediglich an Entscheidungsunfreundlichkeit. Sie machen alle anderen für Ihr eigenes Glück verantwortlich, wo Sie es doch selbst in der Hand haben, sich zu entscheiden und glücklich zu sein. Dafür müssten Sie aber zunächst einmal wissen, was Sie wirklich wollen. Auf Arbeit und im Privatleben. Wissen Sie das denn? Und wenn Sie das dann wissen, können Sie Entscheidungen treffen, um den Weg zu ebnen. Auf Arbeit kündigen, eine neue Arbeit anfangen, sich Ihres Partners wieder mehr bewusst werden, die Liebe neu entdecken oder aber ihn verlassen und sich frei machen. Vor allem für die Liebe für sich selbst, dann kommt der Rest von ganz allein.«
Er mustert sie noch einmal, um dann fortzufahren: »Nun, wissen Sie, was Sie eigentlich wollen?«
Sie überlegt eine Weile. Ihre Handflächen werden feucht und ihre Lippen zittern. Ihr Gesicht ist so bleich wie die fahle Visage ihres Mannes, in die sie jeden Morgen schauen muss. »Ich würde es bestimmt wissen, wenn die anderen mich nicht dauernd runterziehen würden. Bei mir ist alles in Ordnung! Meine Seele leidet nur unter den anderen.« Nachdem sie ihm dies beschieden hat, fühlt sie sich wieder sicher und schaut ihn herausfordernd an. Der Doktor wippt in seinem Designerdrehstuhl. Vor und zurück. Immer wieder. In ihm arbeitet es. Sie kann nicht sehen, was passiert, hat keine Ahnung, was hinter dieser faltenarmen Stirn vor sich geht, aber sie spürt es. Wenn sie nur genauer seine Emotionen lesen könnte, würde sie die Wut fühlen. Seine Enttäuschung, dass immer wieder Menschen dieser Art zu ihm kommen. Leute, die nicht verstehen, dass alles Leid, aller Kummer immer nur in ihnen selbst entsteht. Dass sie selbst der Schlüssel zur Lösung sind. Dass sie das aber nicht begreifen und wie unerleuchtete Idioten in Platons Höhle hocken und die Schatten der anderen für alles verantwortlich machen.
Zynisch entfährt es ihm: »Ihre Seele leidet unter den anderen, soso!«
Dann kaut er weiter auf dem Bleistift. Und wippt weiter im Stuhl vor und zurück. Deutlich energischer, denn sein Puls schnellt nach oben. Aber er ist erfahren genug, sich das nicht anmerken zu lassen. Immer nur die anderen, nie bei sich selbst anfangen. Es sind ihm die liebsten Patienten und die lassen ihm die grüne Galle hochkommen. Mit einem Ruck fährt er nach vorn und beugt sich weit über den Schreibtisch zu ihr und brüllt sie an:
»Ich hab’s! Ihre Seele leidet wirklich! Es ist wie beim Sex ohne Eindringen, verstehen Sie? Ihre Seele hat ein Vorspiel für das richtige Leben schon über Jahre. Während Sie glauben, dass die Nässe die pure Vorfreude auf das baldige Glück ist, sind es doch nur die Tränen der Seele. Und wissen Sie, warum Ihre Seele den lieben langen Tag nur weint?«
Dumpfes Unverständnis ihm gegenüber. Er hat es nicht anders erwartet. Paula Schöffler ist wie alle anderen auch. Sie wird die Wahrheit nicht vertragen, ja nicht einmal verstehen.
»Sie hat die ganze Zeit in Ihnen nur einen vorgetäuschten Organismus.«

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