Sonntagmorgen

In Ruhe Zeitunglesen ist ein großer Luxus. Entschleunigung par excellence. Wenn es dann noch an einem Sonntagmorgen geschieht, bleibt dem Auge auch genügend Zeit, um die wirklich kostbaren Zeilen zu erfassen. Zum Beispiel: »Liebe Heidi M., du hast keine Telefonnummer und keine Adresse hinterlassen. Bitte melde dich!«

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Soso, liebe Heidi M., so läuft das also! Einfach so auftauchen, die Welt und noch mehr versprechen, den Körper und Lust schenken, aber den Nachnamen kafkaesk verkürzen und nicht mal eine Rückrufnummer hinterlassen. Ich kenne dich, Heidi M.! Und, nur am Rande, das wäre Carlotta Spatz nicht passiert. Wie helfen wir dem armen Kerl nun? Es wird schwierig für ihn und alle anderen werden, Heidi M. zu finden. Wir bieten ihm einfach ein anderes Juwel auf derselben Seite an:
»Traumfrau, bildhübsch, klug, erotisch, 36, 172 cm, ohne Kinder, aus St. Petersburg, lernt englisch, sucht sehr großzügigen, wohlhabenden Mann (kann noch gebunden sein) um jeden Tag zu genießen.«

SZ
Ich gebe zu, dass ich zunächst das Komma hinter »Kinder« überlesen habe. Das führte zu der drängenden Frage, ob die Frau nun wirklich kinderlos ist oder nur keine Bälger aus St. Petersburg hat. Doch glücklicherweise bemerkte ich meinen Irrtum. Sie ist das ganze Gegenteil von Heidi M.! Die gute Traumfrau aus St. Petersburg wird jeden Tag da sein und nicht einfach so gehen, ohne Telefonnummer und Adresse zu hinterlassen. Wer mag aber der großzügige, wohlhabende Mann (gern auch noch gebunden) sein, der (nennen wir sie) Tamara haben will? Die liebe Tamara, die reinen und offenen Herzens nach Deutschland kommt, um nach wahrer Liebe zu suchen und mit dieser jeden Tag zusammen sein will. Wir brauchen mehr von diesen Tamaras. Mehr von diesen offenen Herzen und anderen offenen Wunden, die es pflegend zu versorgen gilt. Man möchte die Seite schon fast zuschlagen, weil so viel Unglück, zu viel unerfüllte Liebe die Tränen in die Äuglein treibt. Doch dann kommt endlich die Rettung! Sie thront in Spalte fünf ganz oben:
»Maria, 74, seit einem Jahr Witwe, eine einfache, aber sehr hübsche Frau, mit weiblicher Figur und schöner Oberweite, finanziell gut versorgt. Ich koche gern und gut, bin fleißig in Haus und Garten. Welcher Mann, gerne auch älter – hier aus der Gegend – möchte auch nicht mehr einsam sein? Wäre umzugsbereit, habe eigenes Auto und gute Rente. Darf ich zu Ihnen kommen? Dann rufen Sie an …«
Pah! Die biblische Maria, nicht nur vom Namen, sondern auch vom Alter her, sticht klar die schnoddrige Heidi M. und die hureske Tamara aus! Wenn man die Wahl hat zwischen einer finanziell prächtig versorgten Frau, die gut kocht, deren verwitwetes Bett noch nicht ganz erkaltet ist und die einem beim Teigkneten an die mütterlich schöne Oberweite drückt, bleiben One-Night-Heidi-M.-Stands und erotische Tamaras aus der Heimat Raskolnikows auf der Strecke. Würde der von Heidi M. verlassene bei Herzblatt sitzen, fiele die Wahl doch leicht. Und, ganz ehrlich, 74 Jahre, was ist das schon? Wenn es nur noch ein paar Jahre sind, bleibt zumindest vom finanziell gut versorgt sein genügend Geld übrig, um es noch einmal bei Tamara zu versuchen. Oder aber die Zeit ist reif für die Rückmeldung von Heidi M. Liebe ist immer auch Hoffnung.

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