Männer im Büro II

Zwei Wochen später stehe ich auf einem leeren Bahnsteig. Der eisige Wind schneidet mir dicke Kerben ins Gesicht und ich finde es sehr schade, dass ich nicht für ein paar Sommertage bei diesem Seminar an der Ostsee einspringen darf. Vielleicht kann Krautkrämer nur wegen der widrigen herbstlichen Bedingungen nicht. Ist ja auch nicht mehr der Jüngste, der Helmut. Die drei anderen Menschen, die mit mir in den Zug einsteigen, beweisen mir, dass ich in die absolute Pampa fahre, um das Seminar zu besuchen. Ist vielleicht nichts Schlechtes, sage ich mir, mich selbst ermutigend und über den Schmerz in meinem Gesicht hinwegtröstend. Dann bleibt wenigstens die volle Konzentration bei den Inhalten.
Meine Tasche liegt auf dem Platz neben mir und ich kann mich täuschen oder nicht, ich sehe die Einladung, obwohl sie unter meinen Hosen, Hemden und Schuhen ganz unten liegt, ganz deutlich vor meinen Augen. Komisch, denke ich bei mir. Ich werde also durch ein Kommunikationsseminar ein besserer Zuhörer und Redner. Für einen Moment kann ich dabei ausblenden, was ein Zauberkommunikator in der Kreditorenbuchhaltung eines mittlerweile international tätigen Konzerns verloren hat. Aber der Vorteil von Firmen dieser Größe ist nun einmal, dass ziemlich oft die linke Hand nicht weiß, was die rechte gerade tut. Ganz abgesehen davon, dass es in jeder Abteilung ungefähr zehn linke und rechte Hände gibt, die von der Existenz der anderen in etwa so viel wissen, wie wir von intelligentem Leben im All. Außerdem war Krautkrämer auch schon bei Seminaren dieser Art und aus ihm ist nachweislich kein anderer, geschweige denn besserer Kommunikator oder Mensch geworden. Und so wird wohl auch aus mir kein Heilsbringer der Worte und keiner dieser Hokuspokus-Menschen werden. Vielleicht wird es aber ganz anders und ich werde zu einem Mensch, einem ganz Besonderen. Einem, wie ich schon immer sein wollte. In nur wenigen Tagen wird sich mein Leben ändern und ich kann andere Menschen mit meinen verbalen Kunststücken erfreuen, vielleicht sogar verändern. Aber, denke ich bei mir, wollen sich die Menschen wirklich ändern? Und ist es überhaupt möglich, sie zu verändern? Der einzige Mensch, der das Leben von anderen wirklich ändern kann, ist der Henker. Die erste Veränderung, die ich bemerke, ist die, dass ich sofort einschlafe. Toller Trick.
Ein gefühltes Wirtschaftsjahr später wache ich auf und reibe mir die Augen. Das Zugabteil ist mit einigen Menschen mehr gefüllt. Manche unterhalten sich angeregt, die meisten aber sitzen möglichst allein und mit größerem Abstand voneinander und lesen oder hören Musik. Die Luft ist erfüllt von dieser abgestandenen Wärme, die aus Schweiß, Imbissen und der Melange aus vielen individuellen Menschsgerüchen genährt wird. Im Waggon vor mir kann ich den Schaffner entdecken. Langsam bahnt er sich seinen Weg durch die Passagiere, die ihm ihre Fahrscheine wie Opfergaben entgegenhalten. Direkt vor mir auf dem Tisch sehe ich eine Mücke. Der Klimawandel lässt grüßen. Es ist draußen klapperkalt, aber vor mir sitzt eine Mücke. Doch es sind nicht die Gedanken an die Erderwärmung und ein besseres Umfeld für Insekten, die mich beschäftigen. Vielmehr sehe ich die Mücke genau an und versuche, ihre Flügel zu erkennen. Ich schaffe es nicht. Weil ich nicht in der Lage dazu bin. Das menschliche Auge kann Bewegungen bis zu einer Hundertstel Sekunde wahrnehmen. Alles Schnellere wird zu einer Bewegung zusammengefasst. Dabei bewegen sich die Flügel der Mücke eintausend Mal pro Sekunde. Bloß wir können es nicht sehen.  Wenn sich also neben der Mücke ein Geschöpf in einer noch größeren Geschwindigkeit bewegt, können wir es nicht sehen, obwohl es da ist. Wissenschaftler können die Zeit bis auf eine Planck-Sekunde herunterrechnen. Aber eben nur rechnen. Es sind wohl 10 hoch minus 43 Sekunden. Verdammt wenig. Und verdammt weit außerhalb unserer Wahrnehmung. So eine Reise zu einem Seminar vertreibt mir endlich einmal die blöden Gedanken wie Offene-Posten-Listen-Ausgleich und Skontonachforderungen aus meinem Kopf und macht Platz für das, was wirklich wichtig ist. War es nicht auch so, dass es die Gegenwart für uns eigentlich nicht gibt? Weil wir alles, was passiert, immer mit einer gewissen Verzögerung, wenn auch nur zwei hundertstel Sekunden später, mit unseren Sinnen wahrnehmen? Weil unser Hirn akustische und optische Signale zusammensetzt, obwohl wir sie eher hören, als sehen können? Und ich muss mich immer wieder damit zufriedengeben, dass eine Sollbuchung immer eine gleich hohe Habenbuchung nach sich zieht. Was für eine Wahrheit! Eine von Menschengeist geschaffene, mehr nicht. Aber die wirklich entscheidenden Wahrheiten werde ich an meinem Schreibtisch nicht finden können. In einem T-Konto so wenig wie in einem Spezialkontenrahmen. Und in Krautkrämers Weisheiten noch viel weniger.
»Ihre Fahrkarte bitte.« Der Kontrollmessias steht vor mir und brummelt diese Worte durch seinen schwarzen Rauschebart.
Ich greife in meine Jackentasche und reiche ihm meine Papier gewordene Daseinsberechtigung für den Zug entgegen. Er schiebt sie in seinen Locher und hält dann in seiner Bewegung inne.
»Oh, junger Mann, da haben Sie wohl vergessen auszusteigen. Sie hätten in Berlin umsteigen müssen. Nun sind wir kurz vor Hamburg.«
Flattert da neben ihm ein Harlekin in einer nun doch wahrnehmbaren Geschwindigkeit und lacht sich halb tot? Lacht er in sich hinein und ist er verbündet mit bösen Mächten, die nicht wollen, dass ich mit Helmut Krautkrämer über die Möglichkeiten zwischenmenschlicher Kommunikation schwadroniere? Dass ich nicht erkennen soll, wie viel Informationsgehalt der Warenkorb einer allein einkaufenden Frau in einem Supermarkt hat? Ob es Unterschiede zwischen allein einkaufenden Frauen bei Lidl oder Rewe gibt? Die Welt scheint sich gegen mich verschworen zu haben, aber ich werfe einen geringschätzigen Blick auf den Harlekin und dann auf den Schaffner.
»Na dann steige ich wohl mal in Hamburg aus!«, flöte ich ihm ins Antlitz, während ich meine Tasche greife und an ihm vorbei zur Tür laufe.

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