Zeitreise

Vor vielen Jahren musste ich jeden Tag mit dem Bus zur Schule fahren. Es war gefühlt mitten in der Nacht, tatsächlich aber kurz vor um sieben in der Früh, als es losging. Ich saß mit den anderen Schülern im Bus und je nach Tagesverfassung waren wir mehr oder weniger müde. Manchen Morgen wurde mir im Ikarus-Gelenkbus 280 so schlecht, dass ich sogar das Unwohlsein wegen einer vergessenen Hausaufgabe verdrängen konnte. Wenn es uns allen aber gut ging, wünschte man sich im Stimmengewirr des Busses sofort zurück in sein Bett. Es wurde gestänkert, getratscht und gequasselt. Diverse Gegenstände flogen durch die stickige Luft des Busses, der aus meiner Sicht etwa die Hälfte seiner Abgase in den Innenraum leitete. Hausaufgaben wurden ausgetauscht, Sammelkarten von komischen Kartenspielen auch und eines wurde ganz bestimmt nicht: geschwiegen.

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Aufgrund einer kapitalen Fehlentscheidung der Exekutive bin ich derzeit gezwungen, mich mit dem Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln fortzubewegen. Man erhofft sich dadurch innere Einkehr und eine tiefe Einsicht meinerseits, was meine demokratische Grundeinstellung zu Werten wie Geschwindigkeitsbegrenzungen und Vorsicht und gegenseitige Rücksichtnahme im Straßenverkehr angeht. Jedenfalls sitze ich derzeit, umringt von schulpflichtigen Personen im Bus und der Straßenbahn, und was habe ich außer der Einsicht in mein Fehlverhalten vor allem? Meine Ruhe!! Die Schüler und Schülerinnen von heute kommen, perfekt gescheitelt, geschminkt und gestylt in den Bus, klatschen Kumpels ab, busseln ihre Freundinnen, hocken sich betont locker und entspannt hin und machen dann was? Schweigen! Tiefstes, meditatives Schweigen, begleitet von flinken Fingergriffen auf dem Handy. Eine Horde stiller Zombies, die in ihre Plastikschalen glotzen, als seien es Taktgeber für das Leben. Sie stöpseln sich Kopfhörer in die Ohren und entfliehen diesem misslichen Ort der Realität, schweifen in sozialen Netzwerken in die wirklich schöne neue Welt ab und verharren so wie eine Leuchtdiode, die unter Strom gesetzt wird, auf ihrem Platz. Ich frage mich, wann die ihre Hausaufgaben machen. Und ich staune. Gedanklich sehe ich den Lehrer toben, wenn sie ihre Sprachzentren im Unterricht wiedergefunden haben und endlich miteinander reden. Vorher aber ziehen sie sich zurück, lassen sich beschallen und suchen ihre Mitte bei einer schwarzen Beere, einem Dreistern oder einem Apfel.
Ich fuhr früher im Bus mit einem Mitschüler, der ein ernstes Problem hatte. Selbst auf der halbstündigen Fahrt zur Schule wurde er nicht Herr über seine abscheuliche Flatulenz. Das Jüngste Gericht und eine Jauchegrube waren Orte der Erholung im Vergleich zu dem Platz neben ihm, wenn er sich kräftig entlud. Heute Morgen habe ich ihn mir herbeigesehnt. Zwischen diese Neuzeitheranwachsenden hätte ich ihn gern gesetzt. Würden sie mitbekommen, dass sie mitten im olfaktorischen Armageddon sitzen oder würden sie verwundert prüfen, ob das Kabel oder gar das Handy schmort? Hätten Sie so viel Chuzpe wie wir früher, die allesamt nach einer mörderischen analen Entgleisung unseres Freundes strafend und kopfschüttelnd fremde Reisende so lange anschauten, bis diese einen hochroten Kopf bekamen und es am Ende selbst für möglich hielten?
Sie könnten ihn nicht hören und da sie gefesselt von ihren Minibildschirmen sind, auch nicht sehen. Sie würden nur merken, dass es ganz entfernt, irgendwo stinkt. Aber zum Glück nicht in ihrer Welt.

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