Irischer Regen

Kelleys Pub ist unser Leben. Wir sind dort, wenn es etwas zu feiern gibt, wenn wir eine in die Brüche gegangene Liebe betrauern, jemanden zu Grabe tragen oder einfach nur still dasitzen und unser Dasein fristen. Manchmal begegnen sich hier Menschen, die zu Liebenden werden. Später hassen sie sich und alle im Pub wissen darüber Bescheid. Überhaupt gibt es unter uns keine Geheimnisse. Bei Kelley vereinen sich Boulevardjournalismus, Klatsch und Tratsch zu einer Wahrheit, die wir alle gemeinsam wie einen Schatz hüten. Wobei dieser Schatz des Wissens durchaus teilbar ist. Mit Reisenden beispielsweise, denen unser Ort vorkommen muss wie Sodom und Gomorrha. Dabei ist es gar nicht so schlimm. Jede Geschichte wird nur etwas mehr als das tatsächlich Erlebte, weil die Kommunikationskette wie bei einer stillen Post mitunter kein Ende nimmt. Doch eine ganz bestimmte, einzigartige Wahrheit ist es sicher in jeder Stufe.

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Ich sitze wie jeden Abend im Pub und trinke einen Whiskey. Eine Freundin fragte mich einmal, wie es sein kann, dass ein Mann Stunden damit zubringen kann, in ein Glas zu schauen. Ob es in dieser Flüssigkeit irgendetwas gibt, das ihm etwas bringt. Es bliebe doch eindeutig ein Getränk. Etwas ohne Emotionen, ohne Kommunikation. Etwas Nutzloses also.
Ich sagte ihr damals, dass sie keine Ahnung hat.
Einen tieferen Ausdruck von Zugehörigkeit, Genuss, Ruhe und Unendlichkeit kann es unmöglich geben. Es ist Hingabe, Leidenschaft, und gerade weil es wortlos abläuft, ist es ein Universum männlicher Glückseligkeit. Wenn dann noch der rauchige Geschmack vom Gaumen in die Nase steigt, stehen wir an der Himmelspforte. Sie sah mich damals an mit Falten auf der Stirn. Ich hätte ihr noch weiter etwas darüber erzählen können, was der Genuss des »Aqua vitae« einem Mann bringen kann, doch sie erschien mir unwürdig. Ich meine, wie soll man mit einem Partner auf Augenhöhe kommunizieren, der es nicht würdigen kann, was Menschen für großartige Schöpfungen vollbringen können? Dass es uns möglich ist, aus Gerste, Wasser, Feuer und Zeit etwas so außergewöhnliches zu erschaffen wie einen Whiskey, kann nicht oft genug gepriesen werden. Dass sie es nicht verstand, wunderte mich nicht. Es konnte unmöglich sein, dass eine Frau etwas von Whiskey versteht. Das ist unvereinbar.
»Ist der Platz hier frei?«, fragt mich eine dunkle, aber offenkundig weibliche Stimme. Ich mustere die Fremde in der Hoffnung, dass ich sie fragen kann, ob es einen Zusammenhang zwischen der Ablehnung von Whiskey und weiblichen Hormonen gibt. Sie wirkt etwas ungelenk. Aber sie hat blaue Augen, lange blonde Haare, einen ansehnlichen Vorbau und der knappe Rock verspricht ein paar scharfe Beine. So übel ist sie nicht.
»Ja«, sage ich.
Sie schaut mich etwas verwirrt an. Typisch Frau. Stellt eine einfache Entscheidungsfrage, die einzig und allein die kürzeste aller möglichen Antworten nach sich ziehen kann, erwartet dann aber, dass man ein epochales Gespräch beginnt. Warum soll ich das tun? Das Gespräch ist beendet.
»Was trinken Sie da?«
Alles klar. Ein Beobachtungs- und Kommunikationswunder. Die Flüssigkeit in meinem Glas sieht aus wie ein Whiskey, sie riecht wie ein Whiskey und es wird sehr überraschend ein Aporol-Spritz sein.
»Ich trinke Whiskey«, antworte ich.
»Oh, welchen denn?«, fragt sie aufdringlich. Machen manche Frauen jetzt schon auf den weiblichen Jackson? Oder heißt sie mit Nachnamen Schobert?
»Einen Irischen.« Wir wollen die Kommunikation ja nicht gleich übertreiben. Sie verzieht das Gesicht, weitet die Augen und antwortet in einer Art, die ich als genervt bezeichnen würde, wenn wir in einer Beziehung stünden.
»Geht es vielleicht etwas genauer? So klein ist Irland nun auch wieder nicht. Und es gibt dort mehr als eine Destille.«
Eine Besserwisserin also. Schnepfe. Lexikonleserin. Ich mustere sie noch einmal und nehme einen großen Schluck.
»Einen Jameson 18 Years Master Selection. Hat wahrlich nicht jeder Barkeeper im Schrank stehen. Aber Kelley hat ihn.«
»Okay, ich nehme auch so einen. Was kostet der?«
Geizig ist sie also auch noch! Was spielt das für eine Rolle? Und wird sie umfallen, wenn ich es ihr sage?
»Ein doppelter kostet fünfzehn Euro.«
»Das bin ich mir heute wert«, sagt sie, winkt Kelley herbei und bestellt sich tatsächlich einen.
Kelley bringt ihn und sie wiegt das Glas in ihrer Hand, schließt die Augen, riecht daran und schwenkt das flüssige Gold andächtig. Sie wirkt wie ein passionierter Whiskeytrinker, gefangen im Körper einer Frau. Meine damalige Freundin hat mich immer gefragt, was es mit diesem Gehabe um den Whiskey drumherum auf sich hätte. Ob es nicht reichen würde, ihn zu trinken und basta. Sie trinke schließlich auch Rotwein, ohne sich zum Sommelier aufzuspielen. Ich habe ihr damals die wahrste Wahrheit gesagt. Dass es um Souveränität durch Selbstbestimmung geht. Dass ich beim Genuss meine eigene Zeit selbst bestimme. Ein Glas Whiskey ist ein verlorenes Zeitkontinuum auf einem Platz an der Bar. Und genau dort ist der Raum, der frei ist. Frei aus sich selbst heraus, aber auch frei von Hektik, Arbeit, Verpflichtungen und jeglicher Art Fremdbestimmung. Und er wird getragen von einer unsichtbaren Macht. Der Macht des Schweigens. Wenn George Clooney in »Männer, die auf Ziegen starren«, eine Ziege durch pure Willenskraft umwirft, dann ist es diese kaum greifbare Kraft des Schweigens, mit der wir Männer alle und alles niederringen. Vom Ungeheuer, das sich uns edlen Rittern in den Weg stellt, gleich, ob es sich dabei um einen Drachen, einen Steuerprüfer oder die eigene Freundin handelt.  Darüber hinaus wäre es ein Sakrileg, wenn man die Langsamkeit der Herstellung eines Whiskeys bei seinem Genuss Lügen straft. Jahrelang wird er gelagert, dann kann man ihn einfach nicht runterschlucken, wie ein Teenager eine Whisky-Cola.
Ich schaue zu meiner Nachbarin und sehe, wie sie noch immer das Glas schwenkt und mit ihrer Hand den wertvollen Inhalt auf eine trinkbare Temperatur erhitzt. Fünfzehn Euro pures Glück. Da ist es selbst im Bordell teurer. Man sollte immer die Verhältnismäßigkeit sehen. Ich schaue zu, wie sie das Glas zum Mund führt, die Augen schließt und genießt. Stunden vergehen.
»Man könnte sich von seinem Duft irreführen lassen. Sherry und Aprikosen, vielleicht auch ein Hauch Toffee. Aber beim Trinken, wenn er sanft den Gaumen streicht, dann fließt er ganz harmonisch würzig, holzig, aber doch auch süß. Eine gute Empfehlung von Ihnen. Danke.«
Sie schaut mich an und lächelt. Alle Achtung! Das war mit Sicherheit nicht ihr erster Whiskey. Ich sollte mein Frauenbild überdenken. Denn in dem Maße, wie meine Achtung vor ihrem unstreitig fantastischen Urteilsvermögen steigt, wächst auch ihre Attraktivität. Plötzlich steht ein wunderschöner, begehrenswerter blonder Engel vor mir, der auch noch imstande ist, einen Whiskey mit mir zu trinken. Kelleys Bar ist ein Platz von Gottes Gnaden. Ich schwenke um vom kauzigen, wortkargen Kneipenlümmel auf den eloquenten Verführer. Mein Lächeln sitzt, ich finde mein Sprachzentrum wieder und es sprüht Funken, die von Hormonschwärmen in meiner Körpermitte und leicht entflammbaren Synapsen gelenkt werden. Keine fünf Minuten später sitze ich so nah bei ihr, dass sich unsere Körper berühren. Ich lege meinen Arm um sie und meine Stimme verfällt in das, was ich mein Verführer-Tremolo nenne. Wir stoßen an und sehen einander tief in die Augen. Kelley wittert das große Geschäft des Abends und steht mit der Flasche Jameson vor uns.
»Noch einen?«, fragt er schelmisch grinsend.
»Ja, klar«, sagt sie. Es gefällt mir, wie sie energisch die Gläser schnappt und sie von Kelley füllen lässt. Und es erregt mich.
Ich hebe mein Glas und proste ihr zu. »Ich heiße Alex.«
»Christina«, sagt sie, beugt sich zu mir und küsst mich gefühlt so lange, wie ein guter Whiskey im Fass braucht. Wir befreien unsere Zungen voneinander und trinken einen Schluck. In ihren Augen sehe ich Unendlichkeit, Sünde und Hemmungslosigkeit. Also stürze ich mich wieder auf sie. Gierig begegnen sich unsere Zungen, ihre Hände fahren von meinen Schultern über meine Brust bis zu meinen Bauch. Die Luft bleibt mir weg. Sie öffnet ihre Schenkel und setzt sich so auf den Barhocker, dass es mir möglich ist, sie überall zu berühren. Ihr Rock rutscht nach oben und gibt tatsächlich wahnsinnig scharfe Beine preis. Wir werden das Wochengespräch bei Kelley sein. Aber es ist mir egal. Diese Frau ist perfekt. Meine Hände gleiten gierig von ihrer Hüfte zu ihren Brüsten, streichen darüber, fahren zu ihrem Bauch und verharren dort. Unsicher schaue ich noch einmal in den Barraum, während Christina schon damit beschäftigt ist, meinen Schritt zu erkunden. Nach einem letzten Schluck lasse ich mich nicht lumpen, lege meine Hand auf ihren Schenkel und fahre langsam nach oben in Richtung ihrer Heiligkeit. Wir knutschen weiter wild und ich erreiche das Ziel meiner Wanderschaft. Dabei erstarre ich. Während sie mich weiter streichelt und küsst, gefriert meine Zunge und durch den pulsierenden Gegenstand in meiner rechten Hand wird mir klar, dass ich recht hatte. Frauen und Whiskey passen nicht zusammen.

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