Nachruf für ein wunderbares Leben

In der Kapelle verteilt sitzen Menschen, die allesamt die vierzig überschritten haben. Ich schaue in rotgeränderte Augen, sehe Tränen und Taschentücher und vor allem entdecke ich Gesichter wieder, die ich von früher kenne. Doch sie haben sich mit der Zeit verändert. Das Haar ist lichter und grauer geworden, die Körper sind fülliger, überschüssige Haut hängt am Kinn, Falten durchziehen die Gesichter, manchen machen sie markant, die meisten aber grimmig. Männer haben Brüste bekommen und ihre Doppelkinne liegen auf den Schlipsknoten. Auf der sichtbaren Haut haben sich Altersflecken breit gemacht. Es ist normal, wenn man nach Jahren Menschen wiedersieht. Dann sind sie gealtert. Doch wie ist es mit denen, die man jeden Tag sieht? Wann genau passiert das? Auch ich habe graue Haare bekommen, zwischen meinen Augenbrauen vertieft sich eine Furche, die meistens zum Nachdenken taugt, sich manchmal aber auch aus Ärger vertieft. Heute schaue ich in den Spiegel, sehe meine grauen Haare und die Falten. Ich bin älter geworden. Doch wann genau ist das passiert? Eines Tages wachst du auf, schaust in den Spiegel und bist alt. Die Menschen, die dich jeden Tag sehen, machen genau dasselbe. Der eine schneller, der andere langsamer. Doch wir alle bewegen uns unaufhaltsam in Richtung Tod.
Und genau das ist der Grund, warum ich in einem schwarzen Anzug, mit weißem Hemd und schwarzer Krawatte in dieser Kapelle stehe. Neun Tage zuvor ist mein Trainer gestorben. Der Mann, der mir das Boxen beibrachte, der mich die ersten zwei Jahre im Sparring nach Strich und Faden vermöbelt hat. Damals war ich fünfzehn und er achtundvierzig. Nun sehe ich ihn wieder vor mir. Ein Mann, der immer sportlich war und auf seine Gesundheit geachtet hat. Der nicht rauchte, nicht trank und bis an die sechzig heran mittrainiert hat. Nun schaue ich auf sein Porträt, das vor seinem Sarg steht. Einundsiebzig Jahre alt ist er geworden. Gern würde ich ihn anlächeln, aber es geht nicht. Ich weine und sage zu mir selbst, dass er mir fehlt. Dass ich gern mehr Zeit mit ihm verbracht hätte. Und dass ich ihm gern einmal so etwas wie einen Titel geschenkt hätte. Wir standen kurz davor, aber bei den Deutschen Studentenmeisterschaften habe ich im Finale verloren. Bei den Gedanken an diese Zeit muss ich doch schmunzeln. Auf der Fahrt nach Berlin haben wir abgewogen, wie groß meine Chancen sind, nachdem ich drei Wochen nicht trainieren konnte. Und wir haben so gelacht, weil ich ihm beichten musste, dass meine Hodenentzündung nicht vom Vögeln kam, sondern einfach so, vielleicht sogar wegen eines Mangels am Vögeln. Und jetzt kann ich es sehen. Ganz eindeutig. Sein Porträt auf dem Bild von ihm am Sarg lächelt wirklich zurück. Wir waren uns immer nah und sind es noch. Wer war er für mich? Mein Trainer und väterlicher Freund. Die Nähe eines Einzelsportlers zum Trainer ist eine andere als bei einer Mannschaft. Es ist ein ganz besonderer Moment, wenn du das erste Mal deinem Trainer im Sparring überlegen bist. Wenn du ihm weh tun könntest, es aber nicht tust. Weil all das, was du nun kannst, nur deshalb da ist, weil er es dir gelehrt hat. Und natürlich hat er die Größe, nicht neidisch auf dich zu schauen und seiner verlorenen Jugend hinterher zu trauern. Nein, er weiß, dass das, was du kannst, vor allem sein Verdienst ist. Und das macht ihn stolz. Das war ein großer Moment. Für uns beide. Wir haben viel Zeit in der Turnhalle verbracht, bei der gemeinsamen Arbeit am Sandsack und bei der Pratzenarbeit. Bei meinen Kämpfen stand er in meiner Ecke und vor den Kämpfen war er noch aufgeregter als ich. Und wie er sich freuen konnte! Bei einem Dinnerboxen habe ich im letzten Kampf des Abends durch K.O. gewonnen. Schwergewicht und einer geht zu Boden. Das wollen die Leute sehen. Keinen Clinch, kein ewiges Tänzeln. Die Ursprünglichkeit der Auseinandersetzung, der echte Kampf Mann gegen Mann, das zieht die Leute zum Boxen. An diesem Abend war er völlig ausgelassen und es war schön, ihn so zu sehen. Diese Freude, dieser Stolz. Und bei einer Niederlage war er für mich da. Weil die Schläge dann nicht nur im Gesicht weh getan haben. Dann hat er sein Herz aufgemacht und mir Einlass gewährt. Schon ging es mir besser. Der Trainer, der mich forderte, förderte, mit dem ich lachte und weinte. Der mir freundschaftlich zur Seite stand, der meine Frauengeschichten kannte, sich an meinen Spinnereien erfreuen konnte und meine Bücher las. Mein ältester Freund. Das war der Teil von ihm, der für mich reserviert war. Für andere war er Opa, Vater, Arbeitskollege, Mann, Geliebter, auch ein Freund oder Nachbar. Jeder nimmt sich einen Teil einer Person und leitet daraus ab, was er für ein Mensch ist. Dabei ist er doch am Ende nur vollständig durch die Summe seiner Teile. Ich denke darüber nach, ob die Menschen wirklich nur das sind, was wir von ihnen wahrnehmen. Sehr wahrscheinlich ist das nicht. Sie sind viel mehr. Und wenn ich es genau bedenke, lernen wir wohl nicht einmal selbst alle unsere eigenen Fassaden im Leben kennen. Der Teil von ihm, den ich kenne und liebe, wird bei mir bleiben.
Der Pfarrer spricht in einer Rede über sein Leben. Von der Kindheit über die Jugend und das Erwachsenenleben bis hin zum Alter, zur Krankheit, zum Tod.
Ich hatte nicht das Gefühl, dass er vor dem Tod Angst hatte. Als ich ihn zum letzten Mal im Krankenhaus gesehen habe, schmal geworden, ohne Haare und im Schlafanzug auf seinem Bett sitzend, war er trotzdem fröhlich und optimistisch. Über seine Krankheit redete er wie über einen guten Freund, nicht bedauernd und lamentierend. Sie ist da und gehört nun zu ihm, basta. Das hat mir gefallen. Diese Akzeptanz von Krankheit und letztlich auch vom Tod. Das scheint uns etwas verlorengegangen zu sein. In einer Welt, in der vielleicht alles, aber mindestens vieles machbar geworden ist. In einem Leben, in dem wir unsere Träume ausleben, uns ausprobieren können und unendlich viele Möglichkeiten haben, erscheint der Tod nicht mehr passend. Irgendwie nicht zeitgerecht. Wir haben doch alles so wunderbar im Griff! Planen unser Leben, wissen, was wir morgen tun oder übermorgen, dass nächstes Jahr der Urlaub dorthin geht und in dreiundzwanzig Jahren und fünf Monaten unser Haus abbezahlt ist. Gegen eine Krankheit gibt es mindestens eine Pille, wenn die nicht hilft, eine Spritze oder Operation.
Der Tod ist doch ein mieser Schurke. Hält sich an nichts. Klopft an unsere Tür zum Leben, kommt rein, ohne dass er hereingebeten wurde, und nimmt uns mit. Feierabend für die Träume, Zapfenstreich fürs Leben. So war das nicht ausgemacht. Nicht in einem Leben, das wir beherrschen! Wo kämen wir denn hin, wenn wir unser Leben nicht mehr im Griff hätten und uns eine andere Macht sagt, wo es langgeht?
Und doch kann das nur noch einer und das ist der Tod. Über den habe ich nun durch meinen Trainer etwas gelernt. Warum brauchen wir den Arzt, der uns sagt, dass es nur noch ein paar Monate sind, um zu begreifen, dass das hier das Leben ist? Vielleicht nicht das Einzige, womöglich kommen wir irgendwo irgendwie wieder. Aber es ist mindestens doch die Einzigartigkeit, die wir genau jetzt und hier haben. Verplanen wir sie nicht. Leben wir sie. Mit all dem, was es ausmacht. Mit dem Guten und dem Schlechten. Mit der Freude und der Trauer. Mit dem, was uns mit dem Himmel verbindet, was uns göttlich erscheinen lässt, aber auch mit den Dämonen in uns, die wir nicht loswerden, es aber auch gar nicht erst versuchen sollten. Leben wir alle Teile von uns, weil dieses Puzzle Mensch nur komplett wunderbar ist. In Gedanken verschwimmt das Porträt am Sarg zu einem Puzzle und ich lege es Teil für Teil wieder zusammen. Als ich fertig bin, lächelt er mich an. So, wie er es so oft getan hat. Niemand stirbt wirklich. Es ist genau das, was weiterlebt. Eine Erinnerung in mir, Bilder, die ich jederzeit abrufen kann. Bilder von einem Leben, das wie ein Samen in andere Leben getan wird. Auch wenn da keine Erde ist und kein Keimling im eigentlichen Sinne. Aber kernlose Trauben vermehren sich doch auch, irgendwie.

Lieber Wilfried, während ich das hier geschrieben habe, sind viele Tränen meine Wangen herunter gekullert, aber ab und zu konnte ich lächeln. Du bist da, ich vergesse dich nie.

Für Wilfried Korm, geboren am 28. Mai 1941, gestorben am 01. Mai 2013.

2 Kommentare zu „Nachruf für ein wunderbares Leben“

  1. Es ist die Erinnerung an die Erlebnisse, an das Gefühl wenn man den Menschen angefasst hat, die Erinnerung an die Stimme und den Geruch. Jedes Mal, wenn ich das Bild meines Papas anschaue, kommt all das. Dein Text ist so wahr und ich muss sagen, dass ich niemanden diese Trauer wünsche, sie einem aber eines mit auf dem Weg gibt. Die Vergänglichkeit des eigenen Lebens ins Bewusstsein zu rufen und das Leben in all seinen Facetten zu genießen.

  2. Viele Erinnerungen kommen beim Lesen zurück in mein SEIN, Erinnerungen an einen Menschen, den ich grenzenlos geliebt, aber in unserer gemeinsam erlebten Zeit nicht erkennen konnte. Leider konnte ich ihm auch nicht helfen und musste gehen. Nie war er mir so nah, als seit seinem Tod und täglich erinnere ich mich an ihn und all die Dinge, die er mich lehren wollte. Ich sehe ihn in unseren beiden wunderbaren Söhnen und verstehe, wie sehr er mich geliebt hat – auf seine Art!

    Schön, dass es Dich JETZT für mich gibt!

    DU siehst was ich tue und verstehst, was ich fühle. Es bedarf nicht der Schriftform, um meine Entwicklung zu sehen. Für alle anderen sei dieses Geschenk:

    Das perfekte Herz

    Eines Tages stand ein junger Mann mitten in der Stadt und erklärte, dass er das schönste Herz im ganzen Tal habe. Eine große Menschenmenge versammelte sich, und sie alle bewunderten sein Herz, denn es war perfekt. Es gab keinen Fleck oder Fehler in ihm. Ja, sie alle gaben ihm Recht, es war wirklich das schönste Herz, das sie je gesehen hatten. Der junge Mann war sehr stolz und prahlte noch lauter über sein schönes Herz.

    Plötzlich tauchte ein alter Mann vor der Menge auf und sagte: „Nun, dein Herz ist nicht mal annähernd so schön, wie meines.“ Die Menschenmenge und der junge Mann schauten das Herz des alten Mannes an.
    Es schlug kräftig, aber es war voller Narben, es hatte Stellen, wo Stücke entfernt und durch andere ersetzt worden waren. Aber sie passten nicht richtig, und es gab einige ausgefranste Ecken…. Genau gesagt, an einigen Stellen waren tiefe Furchen, wo ganze Teile fehlten. Die Leute starrten ihn an: wie kann er behaupten, sein Herz sei schöner, dachten sie?

    Der junge Mann schaute auf des alten Mannes Herz, sah dessen Zustand und lachte: „Du musst scherzen“, sagte er, „dein Herz mit meinem zu vergleichen. Meines ist perfekt und deines ist ein Durcheinander aus Narben und Tränen.“

    „Ja“, sagte der alte Mann, deines sieht perfekt aus, aber ich würde niemals mit dir tauschen. Jede Narbe steht für einen Menschen, dem ich meine Liebe gegeben habe. Ich reiße ein Stück meines Herzens heraus und reiche es ihnen, und oft geben sie mir ein Stück ihres Herzens, das in die leere Stelle meines Herzens passt.
    Aber weil die Stücke nicht genau sind, habe ich einige raue Kanten, die ich sehr schätze, denn sie erinnern mich an die Liebe, die wir teilten.
    Manchmal habe ich auch ein Stück meines Herzens gegeben, ohne dass mir der andere ein Stück seines Herzens zurückgegeben hat.
    Das sind die leeren Furchen. Liebe geben heißt manchmal auch ein Risiko einzugehen. Auch wenn diese Furchen schmerzhaft sind, bleiben sie offen und auch sie erinnern mich an die Liebe, die ich für diese Menschen empfinde… und ich hoffe, dass sie eines Tages zurückkehren und den Platz ausfüllen werden. Erkennst du jetzt, was wahre Schönheit ist?“
    Der junge Mann stand still da und Tränen rannen über seine Wangen.
    Er ging auf den alten Mann zu, griff nach seinem perfekten jungen und schönen Herzen und riss ein Stück heraus.
    Er bot es dem alten Mann mit zitternden Händen an. Der alte Mann nahm das Angebot an, setzte es in sein Herz. Er nahm dann ein Stück seines alten vernarbten Herzens und füllte damit
    die Wunde in des jungen Mannes Herzen. Es passte nicht perfekt, da es einige ausgefranste Ränder hatte.
    Der junge Mann sah sein Herz an, nicht mehr perfekt, aber schöner als je zuvor, denn er spürte die Liebe des alten Mannes in sein Herz fließen.

    Sie umarmten sich und gingen weg, Seite an Seite.

    Narben auf dem Körper bedeuten, dass man gelebt hat….

    Narben auf der Seele bedeuten, dass man geliebt hat….

    Danke, Mark, für diesen gefühlvollen Nachruf.
    Danke, Werner, für zwei wundervolle Söhne und all Deine Liebe.

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