Freundschaftsdienst

Ich habe keine andere Wahl. Mein bester Freund ist Arzt und nur er kann mir helfen. Es ist zwar mitten in der Nacht, doch es muss sein. Ich greife zum Telefon und wähle seine Nummer.
»Ja bitte?«, sagt er leicht verschlafen.
»Hallo Detlev, ich bin es, Mark! Ich hatte gehofft, dass du noch wach bist. Schön, dass ich dich noch erreiche. Wie geht es dir?«
»Bis eben super. Ich habe nach einem wirklich heftigen ehelichen Geschlechtsverkehr geschlafen wie etwas, das nie wieder erwachen will.«
»Oh, dann störe ich wohl? Es war nur so, dass du so schnell am Hörer warst.«
»Natürlich!«, unterbricht er mich etwas zu barsch, »schließlich haben wir die Kinder bei Danas Mutter abgegeben und ich habe nun den Hörer neben mir liegen. Also ausschließlich für die wichtigen Anrufe eben. Kannst du mit dieser Wichtigkeit mithalten?«
»Ich denke schon. Du Detlev, ich glaube, ich bin krank. Jedenfalls irgendwie.«
Stille. Meines Erachtens eine viel zu lange Stille.
»Detlev?? Bis du noch da?«
»Mark, wir kennen uns nun schon lange und du weißt, dass ich einiges ertragen kann. Aber heute rufst du mich mitten in der Nacht nach einem wirklich fulminanten Ereignis zwischenmenschlicher Zuwendung an, um mir mitzuteilen, dass du dich irgendwie krank fühlst?!«
Seine Stimme hebt nun deutlich an.
»Wahrscheinlich kann ich dir bei diesen offenkundig nicht organisch bedingten Leiden nicht helfen. Du solltest mal einen Kollegen von mir besuchen. Der fasst dich nicht einmal an. Der redet bloß mit dir!«
»Detlev, es tut mir leid. Ich weiß aber, dass etwas mit mir nicht stimmt. Dauernd nehme ich zu, werde immer runder und auch meine Haut hat sich verändert. Ich sehe aus wie eine Tonne, Mensch, da kann doch etwas nicht stimmen!«
»Hör zu, ein altes Sprichwort sagt: ›Jedes Pfund kommt durch den Mund‹. Hast du in letzter Zeit mehr gegessen als üblich? Du kannst ehrlich mit mir sein, ich bin nicht deine Frau.«
»Du kannst mir glauben. Keine zusätzlichen Fressorgien, ganz im Gegenteil, ich lebe nahezu eine komplette Diät.«
Die Ernsthaftigkeit meiner Worte lässt ihn wohl nicht mehr so stark zweifeln.
»Hm, wenn das so ist, sollten wir einmal nachschauen. Willst du morgen in meine Praxis kommen, gleich früh?«
»Mir würde es besser gehen, wenn du gleich mal schauen könntest.«
»Sag mal, hast du sie noch alle? Gleich? Hast du vielleicht für einen Moment auf deine Uhr geschaut? Es ist jetzt kurz vor zwei und ich soll dich untersuchen?«
»Warum nicht? Ich habe noch immer eine private Zusatzversicherung. Auch um diese Zeit.«
Da Ärzte nicht selten am Hungertuch nagen, halte ich den monetären Aspekt meines Besuchs für durchaus erwähnenswert. Zumal auch Detlevs Raten für Haus, Auto und Praxis nicht ausschließlich von Kassenpatienten und Budgetierungen gezahlt werden.
»In Ordnung, komm vorbei. Aber beeile dich bitte.«
»Ich danke dir. Du musst nicht lange warten.«
Ich schreibe einen Zettel und lege ihn meiner Freundin ans Bett. Sie schläft als perfektes Löffelchen und atmet durch ihren halb geöffneten Mund. Sie ist wunderschön, wenn sie schläft. Wir werden ein wunderschönes Baby bekommen. Ein Baby, dessen Vater als Texter versagt hat, aber ein toller Paketfahrer ist. Ich sehe unser Kind schon aus purer Verzweiflung in die Tasten beim Musikunterricht hauen, den ich finanzieren kann, weil ich Pakete ausfahre.
Dann schnappe ich mir meine Sachen und schleiche ins Bad. Im Spiegel kann ich mich davon überzeugen, dass es immer schlimmer wird. Ich habe inzwischen echte Titten. Mindestens Größe hundertzehn B ist das. Verstärkt wird das Groteske meines Aussehens dadurch, dass ich nicht unbedingt vorzeigbare Titten bekomme, sondern sie sich ähnlich einem Butterberg in die Umgebung einpassen. Sie hängen also nicht stilvoll umher und trotzen der Erdanziehung, nein, sie verschmelzen mit meinem Bauch zu einer Erhebung, die mehr und mehr eine einzige Titte zu werden droht. Als ich über sie streiche, um dem Juckreiz zu begegnen, merke ich, wie stark mich das trotz meiner Angst erregt. Jede Pore meiner Haut ist empfänglich für meine Berührung, als wäre ich plötzlich zu einer überdimensionierten Eichel mutiert. Eine gänzlich andere Erregung durchfließt mich nun, kaum vergleichbar mit den mir hinlänglich bekannten Samenabgängen. Das ist viel intensiver und ich erschrecke wie damals als halbwüchsiger Teenager, der sich erst langsam an das Onanieren herantasten musste, bis er es eines heiligen Abends endlich durchzog und vor Erschrecken und Beglücken jauchzte.
Ich ziehe meine Hand zurück, wobei ich ein ganzes Büschel Haare von meiner Brust entferne. Nun kann ich die Rötung meiner Haut in ihrer ganzen Pracht bewundern. Es geht wahrlich bergab mit mir.
Kurz vor halb drei stehe ich vor Detlevs Haustür und klopfe leise. Er öffnet mir schnell und sieht mich erstaunt an.
»Sag mal, wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen? Ein Jahr oder zwei? Du siehst so Scheiße aus und wirst immer fetter! Vielleicht hast du einfach zu wenig Bewegung! Mach Sport, schlaf mehr und klink dich vom Stress aus!«
Ich sehe ihn mit einem Blick an, der zu sagenumwobenen Zeiten zu einer Versteinerung geführt hätte. Wenn ich diese Regung grundsätzlich hätte, würde sogar noch Eifersucht hinzu kommen. Detlev sieht selbst um diese Zeit blendend aus. Aus braunen Augen spricht die pure Menschenliebe und sein volles, schwarzes Haar wird wahrscheinlich nie ausgehen, geschweige denn ergrauen. Ob er sich seine strahlend weißen Zähne behandeln lässt, oder ob es überhaupt noch seine ureigenen sind, weiß ich nicht. Sein glatter, gesunder und leicht gebräunter Teint geben mir in diesem Moment den letzten Niederschlag eines in allen Belangen Unterlegenen. Dass er überdies athletisch und schlank ist, verdränge ich jetzt erst recht.
»Kann ich erst einmal reinkommen?«, frage ich leise.
»Oh, ja, natürlich, komm rein. Entschuldige bitte.«
Ich trete an ihm vorbei und er weist mir den Weg in sein Arbeitszimmer.
»Setz dich schon einmal hin. Ich hole nur meinen Behandlungskoffer aus dem Auto.«
Sein Arbeitszimmer ist ein beneidenswertes Symbol von Wissen und Sorgenfreiheit. Mannshohe Regale voller Bücher und ein Geruch irgendwo zwischen Lesesaal und Coffeeshop. Ich kann Detlev richtig vor mir sehen, wie er entspannt in dem Ohrensessel sitzt und in einem Buch liest, neben ihm ein wohl temperierter Darjeeling, und das einzige Geräusch im Raum ist das Ticken der alten Uhr. Ein Raum für Neider. Der von mir Beneidete betritt das Zimmer mit einem schweren Koffer.
»Also, entschuldige noch einmal. Aber du siehst in der Tat schlecht aus. Du hättest wirklich schon früher kommen sollen. Erzähl mal, wie es dazu kommen konnte!«
Also erzähle ich ihm von all den Veränderungen der letzten Wochen. Nachdem ich meinen Bericht abgeschlossen habe, sieht Detlev nicht unbedingt wie ein Arzt aus, der wisse, was des Rätsels Lösung sein kann. Wahrscheinlich wird er an dieser Stelle zu seinen normalen Patienten sagen: ›Soso. Ich verstehe.‹ Dann wird er ein total verständiges Gesicht aufsetzen und innerlich nach einer Lösung suchen, die es aber gar nicht geben kann. Schließlich versteht er ja gar nichts.
»Soso. Ich verstehe. Aber ich weiß leider nicht, was es sein könnte. Möglicherweise etwas Hormonelles. Wie steht es mit deiner Libido? Bist du mehr oder weniger geil als sonst?«
Soll ich ihm sagen, dass mir fast einer abgeht, wenn ich mich auf meiner neuen Brust streichle? Und dass sich das nicht anfühlt wie ein normal aufbrausender Orgasmus, sondern eher so, als würde dir irgendeine himmlische Feder dauerhaft durch deinen Samenleiter gezogen werden? Und dass dieser Samenleiter zudem wie ein Drainagesystem durch meinen gesamten Körper geht?
»Es ist alles wie sonst auch«, lüge ich gänzlich freundschaftlich.
»Hm. Das hilft natürlich nicht weiter. Wir werden aber trotzdem einen Hormontest machen, damit wir den Testosteron- und Östrogenwert haben. Mir scheint bei dir einiges durcheinander zu sein. Nicht zu vergessen ist die Möglichkeit des Metabolischen Syndroms.«
»Des Meta-Was?«, frage ich ihn.
»Das Metabolische Syndrom. Nicht ganz unumstritten, aber es hat in letzter Zeit an Akzeptanz unter den Fachleuten gewonnen. Die Symptome sind abdominelle Fettverteilung, Bluthochdruck, erhöhte Werte bei HDL-Cholesterin und Triglyceride und, nicht zu vergessen, der erhöhte Insulinspiegel.«
Ich schaue ihn ernst an. »Das hat jetzt nur bedingt zu meiner Erleuchtung beigetragen.«
»Hm. Die ersten Punkte sind klar. Du bist fett geworden und hast wahrscheinlich auch erhöhte Blutfettwerte. Das Cholesterin wird womöglich auch über dem erlaubten liegen, aber das bekommen wir alles raus. Das eigentliche Problem ist in der Praxis wirklich das Insulin.«
»Insulin? Ist das nicht das, womit die Diabetiker ihre Probleme haben?«
»Genau. Nur ist es bei dir so, dass durch falsche Ernährung, Stress und mangelnde Bewegung der Adrenalinspiegel und der Insulinspiegel einander beeinflussen und immer höher treiben. Das Problem ist dann nur die Verbrennung der zugeführten Energie. Das passiert nicht mehr im richtigen Maß und du wirst in der Folge fett. Und weil das ein wunderbarer Pingpong-Effekt ist, schaukelt sich das immer weiter auf.«
»Schön und gut. Aber was könnte ich dagegen tun? Also jetzt, oder ab morgen früh?«
»Lass uns erst einmal alle Werte bestimmen und dann schauen wir mal. Es gibt dafür bestimmte Ernährungsprogramme und ausreichend Schlaf, weniger Stress, Bewegung und Achtsamkeit bei der Ernährung helfen eigentlich immer. Und dann,« er gerät ein wenig ins Stocken, was mich nicht unbedingt beruhigt, »dann sollten wir vielleicht auch noch deine Prostata untersuchen.«
Als hätte mich ein Blitz in selbiges Organ getroffen, sehe ich ihn mit weit aufgerissenen Augen an:
»Was soll das denn bringen?? Soweit ich weiß, gibt es nur eine Möglichkeit, dieses Organ zu untersuchen und wir waren bis heute immer sehr gute Freunde, oder?«
»Natürlich«, hebt Detlev beschwichtigend seine Arme, »daran wird sich auch nichts ändern. In dem Moment bin ich einfach nur Arzt, glaube mir. Vertrau mir bitte. Dein Freund, der Proktologe! Wobei ich dir verraten kann, dass ein Proktologe mit der Prostata nichts am Hut hat. Der kümmert sich um medizinische Sahneschnitten wie Analfissuren, Hämorrhoiden oder Abszesse.«
Ich schaue ihn grimmig an: »Wolltest du mich eigentlich beruhigen oder die Sache noch weiter verschlimmern?«
»Aufklärungsarbeit war schon immer gefährlich. Ich wollte nur klarstellen, was ich tue und was nicht. Vertrau mir bitte. Und werde jetzt nicht zur Mimose, bloß weil du mal ein paar Kilo zugelegt hast.«
Schon fummelt er in seinem Koffer und fördert aus dessen furchteinflößendem Universum ein paar Gummihandschuhe ans Licht.
»Beug dich einfach mal über den Schreibtisch. Es tut wirklich nicht weh. Vielleicht magst du es mehr, als du jetzt noch glaubst. Die Prostata gilt nämlich als männlicher G-Punkt. Durch seine Stimulation kann ein Orgasmus her- beigeführt werden, der sich von einem phallisch verursachten Orgasmus deutlich unterscheiden soll. In unserem Kulturkreis hat es immer noch etwas rein Klinisches, wovor die meisten Männer furchtbaren Schiss haben. Aber in der traditionellen chinesischen Medizin, im Tantra und einigen anderen östlichen Lehren ist diese Art der Stimulation schon seit Jahrtausenden bekannt und nicht minder beliebt. Sie wird auch als Prostatamelken bezeichnet, aber dazu…«
»Danke, Detlev, danke«, falle ich ihm ins Wort, »das waren wirklich sehr aufmunternde Worte, aber melken musst du mich nicht. Schlimm genug, dass ich das hier zulasse, aber es würde mir zumindest für heute Morgen genügen, wenn du mir deinen Finger in den Hintern schiebst und völlig unabhängig von fernöstlichen Genüssen kontrollierst, ob da irgendetwas ist, geht das?«
»In Ordnung.«
Er hält mir seine behandschuhte Hand vor das Gesicht:
»Voilà!«
»Na, sehr schön!«
Ich ziehe mir die Hose herunter, den Slip auch noch und dann beuge ich mich auf seine Schreibtischplatte. Mein Kopf landet auf der FAZ vom Vortag und ganz unwillkürlich muss ich daran denken: ›Dahinter steckt immer ein kluger Kopf!‹
Der kluge Kopf hinter mir schickt sich inzwischen durch genau die Finger an, die vor kurzem womöglich noch in der Vagina seiner Frau steckten, mein Rektum zu weiten. Dazu riecht es nach einer widerlichen Creme.
»Damit es nicht so schmerzhaft wird, schmiere ich eine Salbe an deinen Hintern und die riecht nun wirklich gut. Die würdest du in der Praxis nicht von mir bekommen. Die nehmen wir im Normalfall für die zarten Hintern unserer Kinder. Nicht für solche behaarten Ärsche wie den deinen. Also, genieße den Augenblick.«
Ich kneife die Augen schon zusammen, obwohl noch kein Schmerz zu spüren ist, aber die ganze Prozedur ist auf ihre Art eigentlich entwürdigend genug, um die Augen für immer zu schließen.
»Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich bei mir zu Hause noch einen reinigenden Einlauf gemacht«, sage ich recht verbissen als echter, fürsorgender Freund.
»Mach dir keine Sorgen. Ich bin Kummer gewohnt. Das hier ist alles ganz normal. Und außerdem habe ich auch keine medizinische Erklärung dafür, dass an meinen Fingern bei dieser Untersuchung immer ein bisschen Scheiße klebt, wenn ich meine Frau aber einmal anal begatte, ein blitzblankes Rohr zum Vorschein kommt. Vielleicht sind Frauen doch reinlicher, was meinst du?«
Ich kann seine wissenschaftliche Frage nicht in aller Ausführlichkeit mit der notwendigen Logik kritisch hinterfragen, da der Schmerz, den seine Hand in meinem Anus verursacht, meine ganze Aufmerksamkeit auffrisst. Er wühlt noch etwas in mir herum, ohne dass ich ein echtes Hochgefühl erlebe, als plötzlich die Tür aufgeht und seine Frau Dana neben uns steht.
»Hallo Detlev, hallo Mark«, sie beugt sich zu meinem Gesicht herunter und gibt mir einen Kuss auf meine Wange, »ihr habt euch aber lange nicht gesehen, oder? Und du«, sie ist nun wieder bei Detlev, »kannst wohl nicht genug bekommen und musst dir diesen Lustknaben hier mieten?«

(Ausschnitt aus: »Brustapostel«, Roman, erscheint 2014)

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