Männerabend

Ich habe kräftig zugenommen, aber letztens hatte ich eine deutliche Gewichtsreduktion zu verzeichnen. Knapp sechzig Kilo verlor ich an jenem Morgen, als meine Freundin Anna mich verließ. Wegen eines Gerippes von Kerl, auf dessen Rücken es schäumt, wenn er sich beim Duschen auf der Brust einseift. Meine Freunde Detlef und Björn laden mich deshalb aus Tröstungsgründen ein, mal wieder einen richtigen Männerabend zu machen. Das ist doch wenigstens etwas. Was Anna wohl zur selben Zeit macht? Träumt sie sich gerade mit ihrem Klappergestell von neuem Freund eine gemeinsame Zukunft? Haben sie Sex bis zur Besinnungslosigkeit? Zupft sie an seinem wahrscheinlich sehr dünnen Schwanz wie an der Saite einer Harfe? Oder hat es nicht geklappt, weil ihre Gefühle doch noch nicht für etwas so großes wie eine neue Beziehung ausreichen? Wenn dem so ist, geht sie dann mit ein paar Freundinnen einen saufen? Wohl kaum. Frauen verarbeiten eine Trennung wahrscheinlich anders. Andererseits kann es mir völlig egal sein. Wer hat hier schließlich wen verlassen? Und ist es nicht reichlich oberflächlich von ihr, mich wegen eines Gerippes mit dünnem Glied oder meines neuen Aussehens oder wegen was auch immer sitzen zu lassen? Von wegen, nur die inneren Werte zählen! Anna ist einfach nur oberflächlich, basta.
Gemeinsam mit Detlef mache ich mich auf dem Weg in einen richtigen Club für Männer, in dem wir uns mit Björn treffen. Eine schlanke Brünette tanzt auf einer Bühne und lässt erahnen, dass sie vor Jahren noch beweglich und eine Augenweide war. Nun haben wir es eher mit einer Trauerweide zu tun. Wir trinken Bier, schauen auf die Alte und schweigen uns ansonsten die meiste Zeit über an. In einem Nebensatz sage ich Björn, dass mich meine Freundin Anna wegen eines Hungerhakens verlassen hat.
»Irgendwie wurde es auch Zeit für dich!«, meint Björn nach seinem dritten Bier. »Wie lange seid ihr zusammen gewesen? Hundert Jahre? Außerdem ist sie doch eine alte Schlampe, wenn sie dich einfach so wegen eines Anderen verlässt. Oder weil du vielleicht ein bisschen zugelegt hast. Heul ihr bloß keine Träne nach, verstehst du?!«
»Natürlich nicht«, höre ich mich sagen, während ich der Turnerin zuschaue, wie sie ihre hübschen Möpse vornüber gebeugt schaukelt. Detlef beugt sich weit nach vorn und betrachtet sich die Brüste sehr genau. Dann schaut er zu uns herüber.
»Die sollte besser vorsichtig sein,« sagt er in seinem typischen Arztton, »sonst hat sie bald einen Bandscheibenvorfall! Das geht in ihrem Alter ganz schnell!«
»Glaubst du, dass sie über die Berufsgenossenschaft abgesichert ist?«, fragt ihn Björn.
»Hier werden doch nicht mal Sozialbeiträge gezahlt, da wäre die Berufsgenossenschaft die bloße Verschwendung.«
Sie tanzt weiter und nach ihr eine weitere und dann noch eine. Die Nachfolgerinnen sind jünger und schöner, aber weder sie noch meine Freunde schaffen es, mich wirklich abzulenken oder gar aufzumuntern. Nach einem Abend mit viel zu viel Alkohol und Phrasen zahlen wir und brechen auf. Wir schwanken zum Taxistand. Als wir endlich in einem sitzen, rülpst Detlef, als wolle er die Seitenscheiben per Druckwelle zerstören und Björn riecht aus jeder Pore nach Bier, Urin und Schlimmerem. Ich komme mir vor wie im Bauch eines großen Tieres. Es hat uns einfach gefressen und meine Freunde beginnen, langsam zu verwesen. Schon bald werden mich die Magensäfte zersetzen und dann ist sowieso alles vorbei. Aber vielleicht ist es auch gut so.
Unser mobiler Magenpförtner entlässt uns an der letzten Nachtbar und so landen wir wieder einmal vor einem Tresen. Gespräche unter betrunkenen Männern bilden im Universum der Worte einen eigenen, weitestgehend luft- und sinnleeren Raum. Womöglich erschließt sich alles aber auch nur ab einem gewissen Alkoholpegel. Björn und Detlef unterhalten sich zu meiner Aufmunterung über ein paar Verflossene und die Angrabversuche, die sie vergeblich unternommen haben, bis sie endlich ihre Herzdamen gefunden hatten. Mein letzter Flirt war der mit Anna und das gebe ich den beiden zu Protokoll. Noch einmal schwelge ich dabei in der Erinnerung an unseren ersten Abend und in meinem Magen dreht sich alles.
»Hat sie dich damals eigentlich gefragt, ob du noch einen Kaffee willst?«, fragt mich Björn fast lallend.
»Nein, ich glaube nicht.«
»Hm. Das klingt nicht gut. Womöglich ist es deshalb auch schief gegangen. Schlechtes Anfangskarma. Das zieht sich natürlich bis zum Ende durch. Kann ja sein.«
»Kann es natürlich nicht«, sage ich mit finsterer Mine.
»Natürlich nicht«, pflichtet mir Detlef schnell bei.
»Aber sollte dich mal wieder eine Dame auf einen Kaffee einladen, achte darauf, wie sie fragt«, wirft Björn ein.
»Wie jetzt?«
»Also, es ist ein Unterschied, ob sie sagt, kommst du mit auf einen Kaffee herein, oder kommst du mit auf einen Kaffee hoch.«
»Ja sicher«, ruft Detlef, »daran kannst du ablesen, ob sie Parterre oder in einem der oberen Geschosse wohnt.«
»Eben nicht! Da sehen wir wieder, dass ihr von Frauen nicht einen Dunst habt! Eine Frau ist die unbestrittene Königin der Kommunikation. Glaubt ihr, sie sagt Dinge ohne Grund, einfach so dahin, wie wir es tun? Natürlich nicht!«
»Jetzt lass dich nicht so bitten. Und wenn du mit deinem Evangelium geendet hast, kannst du uns ja noch erklären, warum in Gottes Namen du trotz deines prallen Wissens mit Simone zusammen bist.«
Björn zeigt einen akkurat ausgestreckten Mittelfinger.
»Also, ihr Ungläubigen, wenn sie sagt, ›Komm mit herein‹, dann ist sie grundsätzlich schon geöffnet für euch. Es geht um ein Hereinkommen, also steht bereits etwas für euch offen. Sei es nur die Haustür, der Kühlschrank, aber vielleicht ist es sogar ihre Körpermitte. Sagt sie aber, dass ihr mit hochkommen sollt, dann müsst ihr erst einen Aufstieg hinter euch bringen. Ihr müsst also eine Herausforderung bestehen. Sie will euch auf dem Weg zu ihr testen, ob ihr würdig seid.«
Stille.
»Was schaut ihr mich so verständnislos an? Mir ist schon klar, dass ihr euch über die Komplexität des weiblichen Denkens noch nie ausreichend Gedanken gemacht habt.«
Detlef und ich schauen uns an.
»Björn«, sage ich, »es ist kein Wunder, dass du keine wirkliche Frau, sondern ein Ausgrabungsobjekt an deiner Seite hast. Auf so einen scheinbar feministisch-semantischen Unsinn kommt nicht mal ein Homo.«
»Und eine Frau erst recht nicht, jedenfalls nicht meine«, pflichtet mir Detlef bei.
»Ihr bleibt ewig unerleuchtet, tut mir leid.«
Freudig stoßen wir noch einmal an. Ich komme keinen Deut bei der Verarbeitung meiner Trauer über die Trennung weiter. Aber irgendwie tut dieser sinnfreie Abend trotzdem gut. Ich könnte das nicht immer haben, doch für den Moment ist es in Ordnung.
Zu Hause angekommen, lasse ich den Abend noch einmal mit all seinen Bildern und ganz bewusst ohne Gerüche an mir vorbeiziehen. Ich war mit meinen Freunden unterwegs, nachdem Anna mich verlassen hat. Und was habe ich gemacht? Mich halb besoffen. Oder ganz. Unsinn geredet, die welken Titten einer Tänzerin angeschaut, die meine Mutter sein könnte. Blödsinn angestellt. Würde eine Frau so etwas machen? Ganz sicher nicht. Und dabei wäre es gänzlich ohne Belang, über welche Art Brüste sie verfügt. Ich sitze auf meinem Bett. Das bedrohliche Geräusch des nachgebenden Holzes habe ich wohl vernommen, verdränge es aber ganz bewusst für den Moment. Ich habe Wichtigeres zu tun, als mir über meine Fettsucht Gedanken zu machen. Anna ist nicht mehr da und es tut mehr weh als der Blick in den Spiegel. Ist sie am Ende doch nur zu Mister Knochen gegangen, weil ich immer fetter wurde? Weil ich nur noch an Essen dachte? Oder weil sie Angst hatte, dass ich noch fetter werde und sie beim Sex zerquetsche, auf dem Sofa übersehe und beim Hinsetzen ersticke oder, noch viel schlimmer, sogar anstecken könnte?
Während ich langsam auf dem Bett niedersinke, sehe ich Anna vor mir, wie sie Geschlechtsverkehr mit dem Knochen hat. Sie merkt vaginal fast gar nichts, dafür spürt sie jede seiner Rippen.

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