Entkellere dein Leben

Die Sonne strahlt über uns wie zum Hohn, es ist angenehm warm und vor allem trocken. In den Straßen stehen bereits Berge von Unrat, Schutt und aufgequollenen Möbeln. Nun müssen auch wir unsere Keller leer räumen. Weil die Stadt nicht ewig die Möglichkeit bieten wird, den ganzen Plunder auf einmal zu entsorgen. Also muss alles raus.

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Wir haben Glück, denn im Gegensatz zu einigen anderen sind bei uns nur die Keller vom Hochwasser betroffen. Kaum auszudenken, wie es ist, wenn die Wohnung unter Wasser steht und alles weggeworfen werden muss, was wirklich zum Leben notwendig ist. Auf der Treppe zum Keller riecht es modrig, nass und nach Schimmel. Aber halt, da ist noch etwas anderes, was sich derb stechend in die Nase bohrt. Als Erstes entfernen wir deshalb einen Haufen Scheiße, bei dem wir gar nicht erst klären wollen, ob er menschlichen oder tierischen Ursprungs ist. Die nächste Überraschung findet sich beim Öffnen der Kellertüren. Das Wasser hat alles auf den Kopf gestellt. Nichts ist mehr dort, wo es einmal war. Bücherkisten sind aufgequollen, Schränke liegen irgendwo im Raum, dazwischen verstreut liegen Kinderspielzeug, alte Elektrogeräte, ein Satz Winterreifen und Dinge, die wir sowieso nicht mehr brauchten. Diese hochwasserbedingte Zwangsräumung des Kellers hat neben all den negativen Aspekten durchaus positive Seiten. Aus dem »Wir müssten mal den Keller entrümpeln. Irgendwann.« wird ein »Wir müssen den Keller ausräumen. Jetzt.« Das hat doch etwas sehr befreiendes. Ein Raum voller historischer Möglichkeiten, was wir alles mit welchem Ding noch machen wollten und warum es unbedingt aufgehoben werden musste, reinigt sich von selbst und die geistige Liste der unerledigten Dinge verkürzt sich rapide. Aus dem »Simplify your Life« wird »Simplify your Cellar« und das Zweite führt automatisch zum Ersteren. Wenn sich das Hochwasser nur auf den Keller beschränkt, und nicht die Wohnung verwüstet und unbrauchbar macht, könnte man glatt ein Stockholmsyndrom zum Wasser bekommen. Aber wie erkläre ich das meinem Therapeuten? »Ich mag das Wasser. Es hat mich und meinen Keller befreit.«
Wir schleppen sechs Stunden lang den Hausrat von vier Mietparteien vor die Tür. Mein Teilnehmerheft für das Ferienlager taucht ebenso auf, wie die Handschuhe, in denen ich vor 25 Jahren Boxen gelernt habe oder das Werbematerial für mein erstes Buch. Kein Wunder, dass keine Sau das Buch kennt, wenn die Postkarten im Keller liegen.

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Fotos zeigen aufgequollene Erinnerungen an frühere Urlaube und meine Bücherkisten sind so schwer, dass es unmöglich ist, sie am Stück zu transportieren. Allerdings wird das sowieso nichts, weil es den Karton um die Bücher herum nur noch theoretisch gibt. Beim gefühlt hundertsten Weg nach draußen, wo auf den Bürgersteigen auf langer Flucht die Müllberge wachsen, sehe ich zwei Männer im Müll herumstochern. »Was ist mit dem Stuhl hier?«, fragt mich der eine, den ich ethnisch in rumänische Gefilde einordnen würde, obwohl er emsig Unrat in einen Touareg mit Jenaer Kennzeichen räumt. »Der kann weg«, sage ich. »Wir müssen aber noch über den Preis verhandeln.«
Ungläubig schielt er mich an. »Warum Preis? Ist doch Schrott!«
»Mag sein«, antworte ich, »aber dieser Holzstuhl ist von meiner Oma und er hat sehr wertvolle Schnitzereien an der Lehne. Vor Ihnen waren schon dreiundvierzig andere hier und wollten ihn haben. Das höchste Gebot steht bei dreißig Euro. Für fünfunddreißig können Sie ihn haben. Ohne Quittung natürlich.« Ich muss aufpassen, dass ich keinen Lachkrampf bekomme. Die Fragezeichen über seinem Kopf sind deutlich sichtbar. Fast schon traurig stellt er den Stuhl wieder hin.
»Das war ein Scherz! Nehmen Sie ihn bitte mit.« Nun kann er wieder lachen. Wir können ja nicht sechs Stunden in Müll und Schutt wühlen, ohne Spaß zu haben. Einfach undenkbar. Wir sind schließlich nicht auf den Müllhalden von Kalkutta. Ich gehe wieder in den Keller und trage die nächsten Kisten nach oben. Dort angekommen, treffe ich einen Bekannten, der zwei Straßen weiter einen Keller ausräumt.
»Sieh dir nur diese Scheiße an«, begrüßt er mich freundlich. »Neunzig Prozent mussten sowieso weg. So einfach bekommen wir nie wieder unsere Keller frei. Nur schade, dass es in fünf Wochen wieder eine Flut geben wird.«
Ich schaue an ihm vorbei auf die Müllberge und die Menschen, die wie Ameisen aus ihren Häusern kommen und die Berge mit ihren maritimen Gaben erhöhen. »Ich wusste gar nicht, dass du Meteorologe bist? Oder arbeitest du nebenher als Wahrsager?«
»Nein. Das habe ich in der Zeitung gelesen«, antwortet er ernst.
»Aber das ist doch nicht schlimm. Nun sind die Keller leer und können noch mal durchgespült werden und außerdem kann sich der Krisenstab der Stadt Gera ein wenig länger vorbereiten. Das kann nur gut sein.«
»Hm. Aber glaubst du wirklich, dass denen fünf Wochen reichen werden?«

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1 Kommentar zu „Entkellere dein Leben“

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