Lebe deinen Traum

Die rosa Rose auf meinem Tisch ist verwelkt. Müde hängen die Blütenblätter nach unten, kräuseln die inzwischen braunen Ränder, als wollten sie sagen, dass sie das Leben satt haben.

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Am Tisch gegenüber sitzen zwei Männer. Wortfetzen dringen an meine Ohren. Spritverbrauch, Anlagemöglichkeiten, Renditen, Steuerersparnis. Von einem Herrn Uthof wird geredet. Er sei Chef der Firma sowieso und habe mit dem Panamera keine guten Erfahrungen gemacht. Der jüngere der beiden hat mit dem 5er gute Erfahrungen gemacht, gerade auf langen Reisen. Erstaunlicherweise blüht die Rose am Tisch der Herren grandios. Volle Pracht, das Rosa fast leuchtend. Eine Wirtschaftsrose, eine Blume der Oberflächlichkeit, die unter widrigsten Umständen gedeiht. Ist meine dann die Rose des Redens, die verkümmert, weil ich allein und schweigend am Tisch sitze? Einen Tisch weiter frühstücken zwei Frauen. Die Rose steht wie eine eins, kein Wunder. Die Mittvierzigerinnen in edlen Kostümen mit einem Zweitgesicht aus Cremes und Farben haben sich mit Perlen und Geschmeide geschmückt. Ihre Rose ist wohl eine Kolibrirose. Die beiden genießen ein verspätetes Frühstück. Die Brötchen verströmen von ihrem Tisch her einen wunderbaren Duft und sie knacken verführerisch, wenn die Frauen mit ihren überweißen Zähne hineinbeißen. Marmeladenreste lecken sie gekonnt und durchaus ästhetisch mit der Zunge von den Lippen, um sich sicherheitshalber trotzdem danach mit der Serviette abzutupfen.
Einer der Herren bewegt sich hastig zum Tresen und bestellt zwei Wasser. Eigentlich könnte er warten, bis der freundliche Kellner zum Tisch kommt. Der bedient aber gerade eine ältere Frau, die ganz hinten in der Ecke sitzt und in Zeitlupe aus der Speisekarte diktiert, was sie haben möchte. Doch so ein Wasser kann eben nicht warten. Und Zeit ist in diesem Falle wohl wirklich Geld. Zumindest tippt der am Tisch verbliebene Mann auf seinem iPhone herum. Er hält es direkt vor sein Gesicht und öffnet den Rechner. Ich kann mit auf das Display schauen, während er eine drei und acht Nullen eingibt. Das ganze nimmt er er mal fünf und schaut gefühlte zehn Minuten auf das Ergebnis. Wenn die Wirtschaftselite unseres Landes für das Lösen dieser Aufgabe einen Taschenrechner braucht und danach ganze Äonen benötigt, um das präsentierte Ergebnis zu deuten, sollte es uns dann noch wundern, in welcher Lage wir uns befinden? Sind so Finanzlöcher bei Banken entstanden? Begann auf diese Art die Eurokrise? Gibt es in Zypern überhaupt Taschenrechner?
Mit zwei Wassern bewaffnet kommt der Geschäftspartner zurück zum Tisch, stellt die Flaschen ab und bekommt das iPhone vors Gesicht gehalten. »Oh«, entfährt es ihm, »nicht schlecht!«
Schon beim Hinsetzen flatuliert sein Mundwerk munter vor sich hin. Ihm entfahren weitere Worthülsen, die Dinge wie Abschreibungspotential, Schuldenbremse, Sicherheiten und Fonds zum Inhalt haben. Ich schalte derweil auf Durchzug. Aus der Frauenecke fliegen mir »ein schlechtes Gefühl«, »Bauchschmerzen«, »starker Ausfluss« und »seit letzter Woche esse ich deshalb vegan« zu.
Inzwischen sind wie von Zauberhand eine weiße Schokolade und ein Stück Marzipan-Mohn-Torte auf meinem Tisch erschienen. Hinter den beiden Herren stehen weiße Buchstaben im Fenster. Sie verbinden sich auf wundersame Weise zu »Lebe deinen Traum«. Ich schließe die Augen und beginne zu träumen. Die Dame in der Ecke sitzt noch im Café und auch der freundliche Kellner eilt von Tisch zu Tisch. Überall sitzen Menschen, die einander anlächeln, die echt sind und Freude am Leben haben. Sie reden nicht über Geld, sie berühren einander, mit Worten und Gesten. Manche lesen ein Buch und sind in Gedanken verloren. Auf jedem Tisch steht eine blühende Rose. Ich beginne zu lächeln. Als ich die Augen wieder öffne, sind die Frauen und Männer weg. Nun genieße ich mein Stück Torte und die weiße Schokolade. Die alte Dame winkt aus der Ecke und wir prosten einander mit unseren Tassen zu. Aus meiner Tasche hole ich einen Füller und ein Moleskine. Die Sonne wirft endlich ein paar Strahlen durch die Fenster und ich beginne damit, meinen Traum zu leben.

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1 Kommentar zu „Lebe deinen Traum“

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