Rollentausch

Er ist richtig ins Schwitzen gekommen. Doch wenn er sein Werk besieht, kann er stolz auf sich sein. Im gesamten Flur verstreut hat er Rosenblätter, die nun zwischen den entzündeten Teelichten rot und samtweich liegen. Die ätherischen Öle in den Schalen am Rand haben den Raum in einen holzig-orientalischen Duft getaucht. Er hat einmal gelesen, dass karriereorientierte Frauen klassische bis holzige Düfte mögen. Auf dem Bett im Schlafzimmer hat er das Laken glattgezogen. Und auf dem Bettaufbau und den Nachttischen hat er Staub gewischt. Maria mag es ordentlich und sauber. Natürlich ist die Bettwäsche frisch. Unter dem Bett, in Griffweite, stehen das Massageöl und das Gleitgel. Er will auf alles vorbereitet sein, aber auch nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Auf der Kommode im Flur, kurz vor der Schlafzimmertür, steht neben den Gläsern der Sekt im Kühler. All das wird Maria gefallen, da ist er sich sicher. Es wird für sie wieder ein langer Tag auf Arbeit sein. Sie arbeitet sowieso zu viel. Viel zu oft kommt sie viel zu geschafft zu ihm nach Hause. Doch dann ist es schön, wenn er für sie da ist. Dass sie sich an seine starken Schultern anlehnen und in seinen Armen einschlafen kann. Dafür ist er schließlich da. Sie weiß, dass er sie unendlich liebt und dass er mit Nachsicht auf ihre Überstunden schaut. Natürlich bleibt manchmal dieses Gefühl zurück, dass sie das nicht tun müsste. Und wie oft lobt ihr Chef sie eigentlich? Wann gab es die letzte Lohnerhöhung? Und die Arbeitsbedingungen sind auch nicht gerade die besten. Doch wenn Maria und er nach vorn kommen wollen, müssen sie das gemeinsam durchstehen. Er geht noch einmal den Weg durch die Wohnung bis zur Eingangstür und schreitet gedanklich die kommenden Ereignisse ab. Sie wird eintreten und ihn hören, wie er im Schlafzimmer Gitarre spielt, dann läuft sie den Flur entlang, schließt dabei die Augen, um sich besser auf den wunderbaren und betörenden Duft konzentrieren zu können, lässt ihren Mantel fallen, nimmt sich das bereitstehende Sektglas und gießt sich Sekt ein. Dann öffnet sie die Tür zum Schlafzimmer und erblickt schließlich ihn, wie er auf dem Bett sitzt und Gitarre spielt. Anschließend werden sie anstoßen und trotzdem sie leicht fertig von ihrem Arbeitstag ist, laben sie sich an den Früchten ihrer Körper. Dabei ist er sich sicher, dass sowohl Massageöl als auch Gleitgel neue, noch nicht erprobte Optionen der Vereinigung bieten werden. Da er im Moment das komplette Gegenstück zum olfaktorischen Tempel der Sinnlichkeit ist, beschließt er zu duschen. Unter der Dusche seift er sich gründlich ein und greift auch zu ihrer Intim-Waschlotion, damit er sie durch sich nicht reizt. Sie ist so empfindlich! Ihre sensible Ader gefällt ihm besonders, auch wenn sie nicht selten die starke Karrierefrau für ihn spielt. Aber vielleicht, so denkt er beim kühlenden Strahl der Brause, sind Frauen einfach so. Eigentlich brauchen sie einen starken Mann an ihrer Seite, ganz gleich, wie oft sie so tun, als wäre dem nicht so. Und wenn er es genau betrachtet, ist es ein doch Hohn, dass sie hinter den verschlossenen Türen des gemeinsamen Haushalts versuchen, ihren Mann zu domestizieren, um dabei aus dem wilden Tiger von einst ein zahmes Kätzchen zu machen, das sich die Krallen beim Putzen und Waschen abwetzt. Wenn er dann noch die Pärchen beobachtet, die miteinander einkaufen gehen und sich dabei so sehr streiten, dass er sich immer wieder fragt, ob sich ein gemeinsamer Einkauf überhaupt noch lohnt. Er ist so froh darüber, immer ohne Maria einkaufen zu können, weil sie ja nie Zeit hat. Das hat noch etwas von Jagd! Er geht allein hinaus in den Rewe-Wald oder zu den Lidl- und Aldi-Höhen, um etwas zu erlegen, was er dann seiner Braut präsentiert. Die kommt zwar nicht mehr vom Beerenpflücken nach Hause, um die Höhle hübsch zu machen, aber sie kann die Beute wenigstens schätzen. Die anderen Kerle aber laufen beim Einkauf neben der Bestimmerin her wie ein stummes Tier, das die eigenen Eier mit in den Korb legen muss. Das ist so bemitleidenswert und erbärmlich! Und es erstickt doch den Jagdtrieb völlig! Eigentlich sollten Supermärkte nur von Männern betreten werden, die sich an den Regalen erbitterte Kämpfe um die letzte Margarine liefern oder sich die Nase blutig schlagen, während dem Schwächsten die letzten Steaks aus dem Korb geklaut werden. Das würde Männlichkeit neu definieren und es gäbe den Männern wieder etwas Würde zurück, wenn sie den WC-Reiniger aus einer Schlacht und nicht aus dem vierten Regal in Gang fünf geholt haben. Während er sich dieser Gedanken an eine neue Definition von Männlichkeit hingibt, spült er sich noch einmal gründlich ab und widmet sich der Intimwäsche mit fast religiös-fanatischer Hingabe. Schließlich trocknet er sich ab und hängt das Handtuch an die Stelle, wo es Maria am besten gefällt. Auch vergisst er nicht, die Armaturen abzutrocknen, damit es keine Kalkflecken gibt. Maria mag das nicht. Vor allem nicht, wenn sie nach einem harten Arbeitstag nach Hause kommt und diese Rückstände im Bad sehen muss. In völler Nacktheit setzt er sich auf das Bett, stimmt die Gitarre und spielt ein paar Akkorde zur Einstimmung. Dann fängt er schon einmal mit dem Song an, mit dem er Maria überraschen will. I feel it in my fingers, I feel it in my toes … Love is all around. Besser als The Troggs hätte er es auch nicht sagen können. Er spielt sich ein und immer besser gleiten seine Finger über das Griffbrett. Die Stahlsaiten werden scheinbar geschmeidiger und seine Hände gleiten so zart aber bestimmt von einem Akkord zum anderen, wie sie es in nur wenigen Augenblicken über den wunderbaren Körper Marias tun werden. Fast schon selbstvergessen sitzt er mit seinem Instrument auf dem Bett, als sein Blick auf die Uhr fällt. Halb elf! Maria hat eigentlich schon um neun Feierabend, aber nicht selten kommt ihre Chefin noch einmal zu ihr, weil es eine unaufschiebbare Terminsache mit einem Kunden gibt. Und da die anderen auch nicht auf die Uhr schauen, drückt Maria wieder beide Augen zu und arbeitet eben noch etwas länger. Er ist ihr deshalb nicht böse. Und außerdem: Warum sollte er das sein? Haben sie sich nicht durch ihre Arbeit kennengelernt? Kennen- und liebengelernt? Unglaublich viele Paare lernen sich durch die Arbeit kennen und schließlich hat es zwischen ihm und Maria gleich gefunkt. Es gab sofort diese Anziehung zwischen ihnen und schon kurz nach dem ersten gemeinsamen Auftrag, der noch rein geschäftlich war, haben sie sich privat getroffen. Sicher hatten sie zunächst vor allem über die Arbeit miteinander zu tun, doch nach und nach wurde es immer intimer zwischen ihnen. Irgendwann trafen sie sich öfter außerhalb der Firma und wenig später zogen sie sogar zusammen. Und nun sitzt er nackt auf dem Bett und spielt Gitarre.
Kurz nach elf hört er den Schlüssel in der Eingangstür, er atmet noch einmal durch und versucht die Erregung, die ihn nun richtig packt, herunter zu schlucken. Er fängt an zu singen, während er die Töne auf der Gitarre sauber und genau trifft. Maria läuft den Flur entlang, lässt den Mantel fallen und kommt mit einem Glas Sekt in der Hand ins Schlafzimmer. Sie schaut auf ihn und stürzt den Sekt in einem Zug hinunter.
»Hallo Schatz«, sagt sie, lässt sich auf das Bett fallen und stöhnt. Dabei reibt sie sich den verspannten Nacken mit beiden Händen und schaut auf ihn. Er hat inzwischen die Gitarre beiseite gelegt und sich zu ihr begeben. Sanft schließt er sie in seine Arme, umfängt sie von hinten und küsst sie auf ihren Hals und in den Nacken.
»Wie war dein Tag, meine Liebste?«, fragt er sie flüsternd in ihr Ohr.
»Ich bin fix und fertig«, sagt sie und befreit sich aus seinen Armen. Dann geht sie auf ihre Bettseite, zieht sich aus und legt sich aufs Bett. Die Augen fallen ihr sofort zu.
»Liebling?«, fragt er besorgt, »du hattest einen harten Tag, oder?«
»Ja.«
Es klingt wie von ganz weit weg, gesagt von einer anderen Frau. Gleich wird sie einschlafen und wenn er jetzt nicht die Initiative ergreift, war alles umsonst. Die Rosen, die Teelichte, der Sekt, die neuen Laken. Ja sogar die Intimlotion. Deshalb legt er sich neben sie und beginnt damit, seine Hände über ihren Körper wandern zu lassen. Weil das Zeitfenster klein ist, ist er in seinen Bewegungen zielstrebig und versucht, die ihm bekannten Knöpfe zu drücken.
»Ich will heute nicht, Schatz«, hört er von irgendwo, ganz leise.
Ganz tief in seinem Bauch kann er spüren, wie sich die Gefühle ihren Weg bahnen. Wie sie einer Lawine gleich in sein Bewusstsein drücken und ihn schließlich übermannen. Wut, Enttäuschung und Angst nehmen von ihm Besitz, während sie immer weiter wegdöst.
»Maria!«, schreit er und schon schreckt sie hoch.
»Was?«
»Das geht so nicht! Jeden Abend kommst du fix und fertig nach Hause und für uns hast du gar keine Zeit mehr! Ich kann machen, was ich will, ich existiere gar nicht für dich.«
»Aber Schatz, ich bin einfach nur müde, das ist alles. Ich hatte einen harten Tag und habe gar keine Lust mehr. Kuschel dich einfach an mich und lass uns einschlafen.«
Die Tränen schießen ihm in die Augen, doch er hofft, dass sie das nicht sieht. »Weißt du noch, als wir uns kennengelernt haben? Da hattest du auch viel zu tun, aber wir haben es jeden Tag getrieben. In allen möglichen Stellungen und zu den unmöglichsten Zeiten!«
Maria schaut ihn an, durchbohrt ihn mit ihrem Blick. Sekunden vergehen. Sie fühlen sich an wie Minuten, wie Stunden. »Ich mag Sex nicht«, sagt sie endlich, ohne den Blick von ihm zu wenden. Er hört ihre Worte, doch er glaubt nicht an das, was sie ihm sagen will.
»Wie, du magst Sex nicht?«
»Ich schlafe nicht gern mit Männern, ganz einfach«, sagt Maria ruhig und ungerührt.
Das kann doch nicht wahr sein, denkt er. Wir haben es früher wie die Steinesel getrieben! Das hätte ich doch gemerkt! Natürlich mag sie Sex! Sie hat nur einfach zu viel um die Ohren. Sie arbeitet zu viel, ganz einfach!
»Du solltest mit deiner Arbeit aufhören. Die bekommt uns beiden gar nicht«, sagt er schließlich.
»Nein, die mache ich weiter. Nicht ich und der Sex sind das Problem. Du bist es.« Maria steht nun vor ihm, nackt und wunderschön. Doch statt sich lasziv auf ihn zu werfen und das Problem vergessen zu machen, fährt sie fort: »Du hast mir nie zugehört. Als wir uns kennengelernt haben, hatten wir immer Sex. Jeden Tag. Aber ich hatte keinen Spaß dabei.«
Ihm wird schlecht. »Und all deine Orgasmen?«
»Welche?«, fragt sie und dieses eine Fragewort trifft ihn mit einer stärkeren Wucht, als es ein Faustschlag hätte tun können. Es ist also doch nicht ihre Arbeit, es liegt an ihm.
»Es liegt also an mir? Hast du mehr Spaß mit anderen Männern? Und wenn ja, warum bist du dann zu mir gezogen? Warum?«
Marias Kopf wird rot und zornig wirft sie ihm entgegen: »Nicht der Sex mit dir ist schuld, sondern deine Einstellung ist es! Ich habe mit keinem Mann Spaß am Sex, hatte ich noch nie. Es ist schmutzig, widerwärtig und nervig. Ob nun mit dir oder mit den anderen. Du aber glaubst, weil wir zu Beginn dauernd Sex hatten, bleibt das so und vor allem bleibt es dabei, dass wir es jeden Tag haben. Du bist aber nicht mehr mein Freier, der dafür zahlt, dass ich etwas mache, wozu ich eigentlich keine Lust habe, verstehst du? Du bist jetzt mein Partner, den ich liebe!«
Er steht auf und sucht nach seiner Hose. Sie hängt ordentlich über dem Stuhl, er greift in die Tasche, holt das Portemonnaie hervor, greift nach zwei Fünfzigern und wirft sie aufs Bett.
»Machst du es jetzt?«, schreit er sie an.
Tränen treten in Marias Augen, ihre Lippen zittern und nur mühsam bringt sie die Worte hervor: »Nimm dieses beschissene Geld und hau ab!«
Er greift nach dem Geld, steckt die Scheine zurück in die Geldbörse, sucht sich noch Shirt und Schuhe zusammen, zieht alles an und verlässt die Wohnung.
›Ich habe mich nicht geirrt, sagt er sich auf dem Weg zum Auto, all die Schweinereien soll sie ohne Spaß mit mir gemacht haben? Unmöglich! Außerdem habe ich mich doch nicht in eine Professionelle verliebt, die darauf keine Lust hat und es nur wegen des Geldes mit mir getrieben hat! Aber andererseits; wenn ich es recht bedenke, gab es Französisch nur, während sie mich auf Arbeit bediente. Mit Gummi. Im Privaten aber, in unserer Beziehung, nahm sie ihn nie in den Mund.‹
Und ja! Jetzt fällt es ihm wieder ein! Ein belangloser Streit war es. Zumindest fühlte er sich so an, aber mit Frauen streitet man nie belanglos. Es ging um etwas im Haushalt und es gab auch eine Versöhnung, aber mittendrin sagte Maria, dass sie so ein dreckiges Ding nie in den Mund nehmen würde. In ihr Allerheiligstes sei schon schlimm genug, aber in den Mund? Und auch noch so? Nein, niemals! Warum hat er das nicht gehört? Nicht hören wollen? Er weiß es nicht, will es nicht wissen. Er fährt durch die Nacht und landet schließlich vor Marias Arbeitsstelle. In einer Seitenstraße stellt er den Wagen ab, alte Gewohnheit. Dann läuft er rüber, klingelt und geht in die zweite Etage des Mehrfamilienhauses.
»Hallo«, begrüßt ihn Helga freundlich wie immer, »was machst du denn hier? Maria ist schon los. Die müsste längst zu Hause sein.«
»Ich weiß«, sagt er gereizt, »aber heute will ich nicht zu Maria. Wer ist gerade frei?«
Helga runzelt die Stirn, Röte steigt ihr ins Gesicht, aber Geschäft ist nun einmal Geschäft.
»Jessica ist im Kaminzimmer.«
Er drückt ihr die zwei Fünfziger in die Hand und sagt: »Alles klar. Die Jessica nehme ich gern.«

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