Bürgernähe

Sie hat diesen Blick voller Wärme, Barmherzigkeit und Milde, den ich damals gebraucht hätte, als ich erfahren habe, dass mein Meerschweinchen Susi stocksteif im Käfig liegt. Dazu gesellt sich eine Stimme, die mir sirenenhaft übermittelt:
„Leider haben wir hier eine Strukturreform durchgeführt und zum Wohle der Bürger, zur Erhöhung der Transparenz und vor allem zur Verkürzung von Wartezeiten können wir die Antragsteller nicht mehr direkt zur Bearbeitung vorlassen. Sie müssten sich bitte im Erdgeschoss eine Marke mit einer Nummer ziehen und dann kommen Sie wieder.“
„Aber im Moment ist doch niemand bei Ihnen!“, versuche ich so sanft wie möglich, meinen Unmut über die sicher wohldurchdachten Vereinfachungen und Verbesserungen zu kaschieren. „Und ich will nur mein Auto bei Ihnen abmelden. Das ist doch nicht viel.“
„Das ist richtig, aber ich kann das leider nicht machen. Ohne die Marke gibt es keinen Vorgang, den ich anlegen kann und ohne Vorgang gibt es keine Bearbeitung.“
Sie schenkt mir noch ein Lächeln, das mich merkwürdigerweise auch an Susi erinnert und verschwindet in ihrem Refugium rechtschaffender Beflissenheit.
Ich gehe in das besagte Erdgeschoss, um mir eine Nummer zu ziehen. Am Nummernschalter stehen zehn Leute und warten. Eine Bedienstete mit einer Angorafrisur fragt die Antrag- und Bittsteller nach Ihrem Begehr und versorgt sie dann mit einem kleinen gelben Schein, auf dem eine Nummer eingedruckt ist. Nach einer halben Stunde bin ich an der Reihe. „Guten Morgen! Ich möchte mein Auto abmelden.“
„Haben Sie alle notwendigen Papiere dabei?“, fragt sie mich in einem Ton, der für säbelschwingende, brandschatzende und plündernde Volksstämme etwas von Freundlichkeit enthalten könnte.
„Welche sind denn dafür nötig?“, frage ich vorsichtig.
„Das steht in unserem Faltblatt, das Sie sich aus dem Ständer an der Pforte nehmen können.“
„Oh, den habe ich gar nicht gesehen! Sagen Sie mir einfach, was ich alles brauche?“
Sie schaut mich an und ich bin mir sicher, dass sie die Nase rümpft, wie es Susi getan hat, dann noch ihre Frisur … kurz überlege ich, ob ich sie frage, wie sie mit Vornamen heißt. Doch sie wird eine Nuance unfreundlicher, wirklich nicht viel, noch immer bürgernah: „Nein! Wir sind hier für Vereinfachung! Was auf dem Faltblatt steht, können SIE lesen, das brauche ich Ihnen demzufolge nicht noch einmal zu erklären. Und außerdem ist es so, dass niemand etwas mit einer Erklärung versteht, wenn er es allein ohne nicht hinbekommt!“
Sie funkelt mich an. Das kann unmöglich die Reinkarnation meiner Susi sein! Eine fanatische Bürokratin, das ist ganz sicher nicht die neue Lebensaufgabe meines wiedergeborenen Nagers. Außerdem sieht die Nummernausgeberin trotz ihrer dies nahelegenden Frisur weniger einem Angorameerschwein ähnlich, als vielmehr einem großen Pampahasen.
„Bekomme ich jetzt meine Nummer?“, versuche ich das Gespräch abzuschließen.
„Nein!“, faucht sie mich an.
„Warum denn nicht?“
„Weil ich noch nicht sichergestellt habe, ob Sie alle notwendigen Unterlagen dabei haben. Sehen Sie, wir sind hier für eine Verschlankung der Verwaltung und meine Aufgabe ist es, bereits alles zu filtern, was den übrigen Betrieb unserer nunmehr schlanken Verwaltung verschlacken würde. Die Mitarbeiter sollen sich in Ihrem Sinne ganz auf Ihr Anliegen konzentrieren können und nicht durch vermeidbare Lappalien, wie zum Beispiel unvollständige Unterlagen, vom Wesentlichen abgelenkt werden.“
Ich frage mich kurz, ob es in diesem Land möglich ist, dass reinkarnierte Pampahasen ein politisches Amt anstreben dürfen. Vom Gebaren her würde sie das locker schaffen, doch im Moment versperrt sie mir den Weg zur Nummer, die es mir wiederum ermöglicht, eine Etage nach oben zu kommen und mein Auto abzumelden. Was macht man in einem solchen Fall? Menelaos hat für Helena Troja angegriffen. Dafür hat er ein hölzernes Pferd geschnitzt und die Trojaner überlistet. Nach Artikel 24 der Haager Landkriegsordnung sind Kriegslisten erlaubt. Wie aber komme ich im 21. Jahrhundert an einer Schalterbeamtin mit dem unbeugsamen Willen einer talibanösen Selbstmordattentäterin vorbei, die Herrin über einen Papierstreifen mit aufgedruckten Nummern ist und deren Inbrunst in den Augen flackert wie die Flammen des Jüngsten Gerichts? Ich atme tief durch und versuche mich an die Eckpunkte der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg zu erinnern. Leider fallen sie mir nicht ein. Ich bekomme aus meinem Unterbewusstsein nur Bilder von Panzern am Kursker Bogen, die sich aufeinander zubewegen. Was hilft nun mehr? Friedliche Konfliktlösung oder Angriff nach dem Unternehmen Zitadelle? Ich entscheide mich für etwas, das ich irgendwo dazwischen ansiedle.
„Sie können mich mal“, bescheide ich ihr knapp, aber noch höflich.
„Wie bitte?“
„Ich brauche die Nummer nicht mehr. Ich melde mein Auto online ab.“
Ihre Augen glühen, der Kopf wird hochrot und fast explodierend faucht sie: „Dazu brauchen Sie eine Online-Zugangsnummer! Und die bekommen Sie von mir nicht!“ An mir vorbeischauend sagt sie, nun deutlich freundlicher: „Der Nächste bitte!“

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