Ein Hesse in Berlin

Ein Hesse ist mit dem Auto vor einen Pfeiler des Brandenburger Tores gefahren. Nun könnte man ethnische Überlegungen anstellen, warum es ausgerechnet ein Hesse war und ob dies beispielsweise einem Thüringer auch passiert wäre. Wichtiger ist aber der Unfall an sich. Erst neulich habe ich mit meinem Bekannten Bernd über die Gefährlichkeit des Lebens gefachsimpelt. Da es ja mit dem Tode ende, sei es per se gefährlich, meinte er. Und schließlich sagten schon Philosophen, dass das Unglück der Welt damit begänne, wenn die Menschen am Morgen das Haus verlassen. Rein logisch gesehen ist das Autofahren fraglos gefährlich. Geschwindigkeit mal Fehleranfälligkeit des Menschen ergibt ein unschönes Produkt. Und so sinnierten wir weiter über die sicherste Art der Fortbewegung, weil wir uns einigen konnten, dass es zwar sicherer ist, sich gar nicht zu bewegen, am Ende doch aber sehr langweilig. Mein Bekannter Bernd meinte, dass Fliegen die statistisch sicherste Variante der Fortbewegung sei. Das kann ich nun gar nicht nachempfinden, denn ich fliege wirklich ungern. Klar kenne ich diese Statistiken und weiß darüber Bescheid, dass Fliegen angeblich die sicherste Art der Mobilität sein soll. Aber so richtig sicher fühle ich mich mit dieser Behauptung nicht. Deshalb teilte ich Bernd meine Bedenken mit: Alle Verantwortung gebe ich ab und plötzlich befinde ich mich in der Macht eines Piloten, den ich nicht einmal beim Vornamen kenne. Hat er genug geschlafen, hat er private Probleme, wird er gemobbt, ist er Alkoholiker? Ohne auch nur die kleinsten, aber notwendigen Vorbereitungsmaßnahmen oder den mindesten Vertrauensbeweis begebe ich mich in eine riesige Maschine und weiß, dass die Möglichkeit besteht, dass ich mit ihr abstürze. Ich höre schon die Kollegen Statistiker einwenden, dass ich viel größere Angst beim Einsteigen in ein Auto, vor allem in das eines Hessen, haben müsste, zumindest laut Statistik. Doch wenn ich dann im Himmel ankomme, werden die Statistiker wahrscheinlich die ersten sein, die mich nach einem kleinen Sektempfang mit einer Liste begrüßen, in der ich mich erfassen muss. Geburts- und Sterbedatum, Todesursache Flugzeugabsturz. Dann wird einer dieser Oberlangweiler draufschauen und süffisant sagen: „Tja, da sehen Sie mal. Wir brauchen halt immer ein paar, damit die Statistik stimmt. Aber seien Sie nicht so traurig. Rein statistisch hätten sie irgendwann Demenz bekommen. Also, wenn sie alt genug geworden wären.“
Dann laufe ich durch den Himmel, grüße hier, winke dort und freue mich über die Freunde von einst. Alle sind fröhlich gestimmt, bis auf einen. Der hockt in einer Ecke und heult. Ich frage den Oberlangweiler mit der Liste, was mit diesem Menschen los ist. Er schaut rüber, beugt sich dann zu mir und flüstert mir ins Ohr: „Der ist gar nicht tot. Den haben wir aus Mitleid genommen. Wollte sich am Brandenburger Tor zerschießen. Hat aber nicht geklappt.“ Dann schaut er sich noch einmal um und spricht noch leiser: „Seien Sie nachsichtig, er ist ein Hesse.“

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