Mein Leben als Killifisch

Meine Lieblingszeitungsmeldung beginnt mit den Worten »Amerikanische (wahlweise englische, deutsche, französische) Forscher haben herausgefunden, dass … «. Zementiert werden die bahnbrechenden Erkenntnisse meist mit reichlich Zahlenwerk und leicht einleuchtenden Zusammenfassungen.
Es ist zum Beispiel so, dass Frauen mit Piercings häufiger Sex mit verschiedenen Partnern haben, als Frauen, die nicht gepierct sind. Und unter schlanken, unverheirateten Frauen ist das Piercen besonders beliebt. Das haben jedenfalls neuseeländische Wissenschaftler herausgefunden. Bei Männern wiederum gibt es diesen Zusammenhang nicht. Was will uns diese Studie sagen? Steht das Tragen von Fremdmetall am Körper in einer Korrelation zur Aufgeschlossenheit gegenüber sexuellen Handlungen, zur Körperfülle oder gar zur spirituellen Kapazität der Trägerin? Gewinnt die Frau als solche durch kaum nachvollziehbare chemische Reaktionen des Metalls mit Haut- und Schweißpartikeln an Libido? Wächst gepiercten Frauen dadurch früher oder später ein Damenbart? Sind gepiercte Frauen gebärfreudiger als ihre metallärmeren Artgenossinnen?
Wir sehen, die Wissenschaftler werfen mehr Fragen auf, als sie durch ihre Studie zu beantworten gedenken.  Einzig schlüssiger Sachverhalt: Männer – ob gepierct, oder nicht – haben immer gleich viel Sex. Logisch; wer pierct schon seine Hände?!
Weit weniger verwirrend ist die Nachricht, die australische Forscher in die Welt streuen. Stress macht dick. Das unter Stress ausgeschüttete Hormon Neuropeptid Y dockt an Fettzellen an und stimuliert sie zu mehr Wachstum. Das ist auch so neu nicht! Ich wusste schon immer, dass ich nicht durch meine falsche Ernährung und den Mangel an Bewegung fett wurde! Es war der pure Stress! Mein Neuropeptid Y! Und wenn ich es recht bedenke, habe ich weder einen Wohlstandsbauch, noch Hüftspeck, sondern eine Stressbordüre, die für jeden sichtbar, als Ausdruck meiner dauerhaften Überarbeitung meinen Körper ziert.
Ob nun wiederum die fetten, gepiercten und zudem verheirateten Frauen mehr Sex haben, als die schlanken, gestressten und ungepiercten, lassen beide Studien völlig offen. Ebenso ist das Rätsel von Sex zwischen schönen, aber gestressten Frauen und hässlichen, gepiercten, stressfreien, aber trotzdem fetten Kerlen gänzlich ungeklärt. Der Weg für die nächsten Studien ist also frei.
Die alles entscheidende Botschaft aber kommt aus Köln. Denn dort haben Wissenschaftler nachgewiesen, dass ein kleines Stück Schokolade am Tag Leben retten kann. Nun ist »klein« natürlich eine Frage der Definition. Schließlich sieht eine 300-Gramm-Milka-Tafel bei einem Baby anders aus als in unmittelbarer Nähe meiner Stressbordüre.
Und als hätten wir es nicht geahnt – und Gevatter Freud lässt weise grüßen – die Forscher nehmen es mit »klein« sehr genau. Exakt 6,3 Gramm Schokolade fütterten sie ihren Probanden über einen Zeitraum von vier Monaten. Das muss man sich einmal vorstellen! Wie will man verlässliche Ergebnisse gewinnen, wenn man in der Summe gerade einmal knapp 750 Gramm Schokolade zu sich nehmen darf? Wohl kaum erwähnenswert, dass mein Neuropeptid Y dafür sorgen würde, dass diese Menge Schoki in reichlich drei Kilogramm Körperfett umgewandelt werden würde. Ganz zu schweigen davon, dass – wäre ich eine unverheiratete, noch schlanke Frau – früher oder später mein Piercing nicht mehr zu sehen wäre. Wichtig bei der Lebensrettung durch Schokolade ist aber das Folgende: Die Wissenschaftler behaupten Stein und Bein, man könne durch den maßvollen Verzehr von dunkler Schokolade (also nicht Vollmilch-Nuss oder Nougat-Marzipan!) fünf Prozent aller Herzinfarkte und acht Prozent aller tödlichen Schlaganfälle vermeiden. Was sagt man dazu? Mein Opa jedenfalls nichts mehr. Er aß ziemlich häufig so eine eklige Herrenschokolade, die niemand außer ihm haben wollte. Er starb an einem Schlaganfall. Vielleicht hatte er einfach nur nicht die richtige Dosis herausgefunden. Dabei war er schlank, hatte keine Probleme mit Neuropeptid Y und hatte im Übrigen auch kein Piercing. Jedenfalls wenn wir voraussetzen, dass der Granatsplitter in seinem Kopf nicht als solches zählt. Hätte sich Opi mal lieber den südamerikanischen Killifisch zum Vorbild genommen. Der kann nämlich ohne Sauerstoff auskommen – ganze 60 Tage! Herausgefunden haben das die amerikanischen Wissenschaftler.
Bei einer weiteren Studie wurde untersucht, ob es einen Zusammenhang zwischen einer gesteigerten Durchblutung des Gehirns durch Joggen und der dadurch hervorgerufenen positiven Entwicklung der Intelligenzleistung gibt. Dazu führten eintausend Testpersonen Lauf-Tagebücher. Alle zwei Monate mussten sie Intelligenztests unter Zeitdruck durchführen. Und was war das Ergebnis? Die Jogger waren blöder als die Faulen! Grund zum Durchatmen für alle Fitnesslegastheniker? Nein! Weit gefehlt! Es war ein wunderbarer Fake von Neil Postman, einem bekannten amerikanischen Medien- und Wirtschaftskritiker. Kaum hören wir die Worte Studie, amerikanische Wissenschaftler aus einer x-beliebigen Universität und tausend Leute, die es probiert haben, und schon knipsen wir in Pawlowscher Manier unseren gesunden Menschenverstand aus.
Wenn ich all das höre, wäre ich gern ein Killifisch. Ich esse täglich 6,3 Gramm Schokolade, treffe gepiercte Killifischinnen mit denen ich Sex habe, und wenn ich feststelle, dass ich immer fetter und dümmer werde, halte ich einfach für 60 Tage die Luft an.

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