Bailey ist für alle da

Terry liebt seine Schweine. Selbst dann noch, wenn er in der Fleischerschürze vor ihnen steht. Mögen sie ihn kaum erkennen, weil die schwere weiße Schürze vom Hals bis zu den Waden geht und seine Beine in klobigen Gummistiefeln stecken, merken sie auch in ihrer letzten Stunde, dass Terry ein Herz für sie hat. Weil dem so ist, lässt er sie am Tag vor der Schlachtung ausruhen, tränkt sie nur noch und gibt ihnen nichts mehr zu fressen. Ein ruhiges, ausgeruhtes Tier blutet besser aus, als ein aufgeregtes. Auch das Fleisch nimmt Schaden. Entweder wird es zu weich und wässrig, oder aber dunkel und fest. Das passiert den Schweinen von Terry nie. Sie fühlen sich am Tag vor der Schlachtung wie im siebten Himmel. Am Tag darauf kommt Terry in den Stall, nimmt das auserwählte Tier mit sich, streichelt es und redet sanft auf es ein. Das Schwein trottet gehorsam mit, auch wenn von diesem Mensch im weißen Kittel heute eine andere Stimmung als sonst verbreitet wird. Außerdem hält er in der einen Hand einen komischen Kolben, den er sonst nicht dabei hat. Diesen setzt Terry dann gefühlvoll auf die Mitte der Stirn, wartet, bis das Schwein ruhig steht, schaut noch einmal in diese gütigen Augen voller Wärme und Vertrauen und drückt dann ab. Ziel des Bolzenschussapparats ist es, das Schwein zumindest so zu betäuben, dass es bei der Blutentziehung keinen Schmerz mehr empfinden kann. Nachdem das Schwein umgefallen ist, winkt Terry seine Helfer herbei. Mit einem scharfen Messer erfolgt der Halsstich. Wenn das Messer am Anschlag ist, dreht Terry es in der Wunde um genau einhundertachtzig Grad. Dabei werden die Hauptadern getrennt. Wenn er es gut und richtig macht, quillt das Blut sofort kräftig aus der Wunde. Es spritzt dampfend in einen Eimer, in dem einer der Helfer emsig rührt, damit es nicht gerinnt. Terry streicht dabei immer wieder über die borstige Haut des Schweins. Alles ist Teil einer stillen Vereinbarung, die beide seit der Geburt des Tieres geschlossen hatten. Nie würde Terry auf die Idee kommen, den Stich zu weit unten oder oben anzusetzen. Dann würde man zwischen Rippen und Bug stechen und das arme Tier würde langsam und unvollständig ausbluten. Nach dem Stich ist das Schwein für Terry nur noch ein Stück Fleisch. Es wird gerüsselt, gebrüht und dann mit den Schabglocken abgekratzt. Die Augen und Ohren werden entfernt, die Zunge wird herausgeschnitten. Tausend Mal erledigt, immer wieder dieselben Arbeitsgänge, alles ist Terry vertraut und jeder Handgriff sitzt. Später wird das Schwein aufgehängt, der Bauchmittelschnitt wird vollzogen und dann geht es ans Eingemachte. Längst hat das Tier sein Gesicht verloren. Terry hat seine sentimentale Verbindung spätestens mit dem Herausstechen der Augen gekappt, nun ist alles bloße Routine und vergessen sind die vielen Momente der Zuneigung, das unsichtbare Band zwischen Mensch und Tier ist zerrissen. Die tatsächliche Nähe beim Streicheln wie auch das tägliche Füttern, das Ausmisten; alles ist nicht mehr präsent. Die Arbeitsschritte laufen nun mechanisch ab, bis schließlich Keule, Nuss, Hüfte, Bug, Schaufelstück, Nacken, Kotelett und Lende vor ihm liegen. Irgendwann haben er und seine Helfer auch noch Blutwurst, Leberwurst, Presswurst und Schinken hergestellt. Ein langer Tag geht zu Ende, die Werkzeuge werden gereinigt und die Wurstsuppe mit Nudeln schmeckt allen.
Spät am Abend sitzt Terry auf der Veranda, schaut auf das Feld hinaus, auf das er die Schweine am nächsten Tag wieder treiben wird, und ist mit sich und der Welt zufrieden. Vom Räucherhaus herüber weht ein Duft zum Dahinschmelzen und alle Speicher sind randvoll. Die Helfer hat er reich mit Fleisch und Würsten beschenkt und sie werden ihm auch beim nächsten Mal wieder zur Hand gehen. Er geht ins Haus zurück, duscht und legt sich in sein Bett.
Am nächsten Morgen geht er ausgeruht und voller Tatendrang in den Stall. Berta, Bernhard, Bernadette und Billy freuen sich schon aufs Frühstück. Terry gibt seinen Schweinen ausschließlich Namen, die mit einem B beginnen. Warum, weiß er auch nicht mehr so genau. Als seine Frau Babette ihn vor zehn Jahren verlassen hat, gab es noch Schweine mit anderen Anfangsbuchstaben im Namen. Babette meinte damals, dass die Schweine Terry wichtiger seien als seine Frau. Das war natürlich ein Blödsinn, doch seine Frau war weg und die Schweine blieben ihm treu. Sie wiegen nach der letzten Messung zwischen 113 und 136 Kilogramm und sind wie jeden Morgen hungrig. Gierig stehen sie bereit, schauen ihn aus ihren ehrlichen blauen Augen an und Terry weiß sofort, dass sie ihn mögen. So, wie er sie auch mag. Terry öffnet den Stall und will gerade den Eimer in den Trog entleeren, als er auf einer glatten Stelle ausrutscht, den Halt verliert und mit dem Kopf voran auf den harten Boden knallt. Der Eimer fällt mit ihm und entleert sich auf dem Boden. Berta, Bernadette, Bernhard und Billy quieken vor Schreck auf, springen wild durcheinander und können sich kaum beruhigen. Ohne jede böse Absicht treten sie Terry ins Gesicht, in die Rippen, auf Hände und Beine. Sie schaukeln einander so lange auf, wirbeln das Fressen auf, verspritzen Urin und Kot, bis sie endlich die Tür des Stalles aufstoßen und ins Freie entkommen. Terry liegt leblos am Boden. Sein Gesicht ist blutverschmiert, sein rechter Augapfel ist zertrümmert und das Auge nicht mehr sichtbar. Eine Rippe hat sich in die Lunge gebohrt, eine andere hat nach ihrem Bruch mit dem spitzen Teil des Knochens die Hauptschlagader durchtrennt. Blut fließt über den Boden. Bernadette ist zurückgekommen und leckt es auf. Ab und an stößt sie mit der Schnauze an Terrys Gesicht, aber der bewegt sich nicht mehr. Berta, Bernhard und Billy haben leckeres Fleisch im Hof gefunden. Von Bailey aber fehlt jede Spur und vor allem Billy steht deshalb traurig in einer Ecke. Neulich erst hat er diese Prachtsau bestiegen und er war sich sicher, dass sie tolle Ferkel zur Welt bringen wird. Nun schaut er auf den Hof, kaut auf diesem leckeren Stück Ohr herum und hofft, dass sie eines Tages wiederkommt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s