Backe, backe Kuchen!

Es ist doch jedes Jahr dasselbe. Alle Welt wünscht sich Besinnlichkeit, Ruhe und Zeit für die wichtigen Dinge im Leben, aber tatsächlich nerven wir uns gegenseitig mit all den doch viel wichtigeren Sachen, die unbedingt noch in diesem Jahr erledigt werden müssen. Ohne Aufschub, Erledigung unausweichlich. Die letzten guten Vorsätze für 2012 sind zu schaffen, Geschenke müssen gekauft, Weihnachtsfeiern überstanden und notwendige Verwandtschaftsbesuche zum Teil erlitten werden. Zu allem Überfluss fordert das Finanzamt die Steuererklärung für 2011. Wir haben das alle so nicht verdient. Unabhängig vom drohenden Weltuntergang sollten wir die Dinge ändern und Weihnachten wirklich einmal in Ruhe verbringen. In innerer Ausgeglichenheit und Harmonie, mit Freude und Besinnlichkeit. Besonders wohltuend ist in diesem Zusammenhang ein Backnachmittag, ganz für sich allein. Ohne Versagensängste, ohne Kinder, die mehr Mehl im Raum verteilen, denn in die Schüssel bringen und ohne den Zwang, irgendwelche Dosen zu befüllen, deren Inhalt später unschuldigen Menschen ein „Oh, die sind aber lecker!“ abringen soll. Verbringen Sie deshalb die Zeit der Besinnung einmal anders! Besorgen Sie sich Milch, Zucker, Mehl, Eier, Butter, Salz, Nüsse, Orangen und Zitronen in handelsüblichen Mengen. Seien Sie bei der Auswahl individuell und einzigartig. Wichtig ist einzig und allein, dass Sie außerdem eine Flasche irischen Whiskey kaufen. Ich empfehle Ihnen derzeit einen Midleton Very Rare (malzig, mit Noten von Apfel und Banane, lang und trocken im Abgang, mit einem Hauch Eiche und Getreide), aber Sie können natürlich auch mit der Spirituose Ihres Vertrauens backen, es soll ja ein Erlebnis sein, das allen Freude bereitet. Ganz nach Gusto setzen Sie also bei den kommenden Anleitungen statt Whiskey eben Whisky, Cognac, Rum oder Brandy ein. Bier geht gar nicht. Wein und Sekt auch nicht.

Beginnen Sie also das Backen mit einem drei Finger breit gefüllten Glas Whiskey und überfliegen Sie die Vollständigkeit der Zutaten. Katalogisieren Sie die Zutaten alphabetisch auf einem Blatt Papier. Holen Sie sich danach eine Rührschüssel und trinken Sie noch einen Whiskey. Schauen Sie, ob Sie einen Mixer haben. Haben Sie einen, trinken Sie bitte darauf. Haben Sie keinen, trinken Sie auch. Prüfen Sie danach bitte, ob auch der mittlere Teil des Whiskeys geschmacklich in Ordnung ist. Legen Sie anschließend die Zutaten dekorativ zurecht, verändern Sie nun die Reihenfolge auf einem weiteren Blatt Papier entsprechend der ästhetisch besten Anordnung und belohnen Sie sich für diesen Arbeitsschritt mit einem ordentlichen Schluck.
Inzwischen dürfte Ihnen warm sein. Schalten Sie nun die Heizung aus und machen Sie Licht im Ofen. Schmücken Sie ihn und sich selbst mit Lametta und hängen Sie sich zwei rote Kugeln an die Ohren. Da es gerade so besinnlich geworden ist, trinken Sie einen drauf. Inzwischen ist es Ihnen egal, ob der Kuchen was wird, die Geschenke vollständig sind oder der Weihnachtsbraten gelingt. Sie erreichen Ihre innere Mitte, finden zu Ruhe und Frieden. Genau darum geht es bei Weihnachten! Belohnen Sie sich für diese Erkenntnis mit fünf Finger breit. Stellen Sie sich jetzt bitte mit schulterbreit auseinanderstehenden Beinen in die Mitte des Raumes und stimmen Sie „Stille Nacht, Heilige Nacht“ an. So laut, wie Sie nur können. Auch für die Nachbarn ist Weihnachten. Lassen Sie es raus, befreien Sie Ihre bisher unterdrückte, kreative Ader. Trinken Sie anschließend einen Schluck. Formen Sie aus den zwei Blatt Papier je einen Flieger, gehen Sie auf den Balkon und testen Sie die Flugfähigkeit der tollen Objekte. Achten Sie dabei darauf, dass Sie weder die Kugeln an den Ohren, noch das Lametta verlieren. Freuen Sie sich dann über Ihre Backkünste, Ihre wiederenteckte Kreativität, die Dummheit der Leute, die Sie gerade von der Straße her blöde angeschaut haben und holen Sie sich ein weiteres Blatt Papier. Schreiben Sie die Kündigung an Ihren Arbeitgeber und Ihre Bewerbung für „Deutschland sucht den Superbäcker“. Leeren Sie nun die Flasche, ohne das Glas zu benutzen. Machen Sie im Ofen das Licht aus,  gehen Sie ins Bett und schlafen Sie bis Neujahr. Alles wird gut.

1 Kommentar zu „Backe, backe Kuchen!“

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