Glauben ist alles

Als er in unserer Firma anfing zu arbeiten, konnten wir nicht so richtig etwas mit ihm anfangen. Er kam als Computerspezialist zu uns. Per Green Card und mit dem Flugzeug. Nashar Mathanian war anders als die Inder, die bisher an unseren Rechnern herum schraubten und Bits und Bytes verschoben. Von ihm ging eine Aura aus, die wir nicht begriffen.
Als er einmal in unserer Kantine saß, setzte ich mich zu ihm. Sein Essen bestand aus Pfeffer mit Hühnerfrikassee. Sein Teller war schwarz, meiner weiß. Nashar löffelte es, als sei es Nutella.
»Du findest mich komisch, oder? Ihr findet mich alle komisch?«, fragte er mich.
»Das würde ich so nicht sagen. Wir finden dich anders. Mehr nicht.«
Ich aß einfach weiter und sah ihn aufmerksam an. Es stimmte irgendetwas nicht mit ihm. Er wirkte so neben sich. Als würde sein Körper essen und sein Geist säße auf dem Platz daneben und führte das Gespräch.
»Ich praktiziere Telekinese. Ich kann mit meinen Gedanken Gegenstände zum Stillstand bringen«, sagte er ganz beiläufig, als würde ich erzählen, dass ich meine Zähne selbstständig putzen kann.
Er erzählte mir noch, dass er übersinnliche Kräfte habe und mit vielen indischen Heiligen und Sadhus verkehrte, denen hohe spirituelle Kräfte nachgesagt wurden. Vor seiner Abreise nach Deutschland habe er viele Lehrjahre durchlaufen und sei nun selbst in der Lage, große Dinge allein durch seine Gedanken zu beeinflussen.
Vielleicht merkte er, dass ich ihm nach einer Weile nicht mehr richtig zuhörte. Ich ließ ihn einfach weiterreden und hing meinen Gedanken nach. Telekinese. Hieß so nicht eine kleine Hundeart? Sollte ich einem Menschen Glauben schenken, der sich von Pfeffer ernähren konnte? Trotzdem konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass dieser kleine Moment mein Leben veränderte. Oder zumindest mein Denken über Nashar. Seit diesem Tag setzte ich mich zu jedem Mittagessen zu ihm. Ihm schmeckte unser Kantinenessen richtig gut. Ganz gleich, ob es Pfeffer mit Hühnchen, Pfeffer mit Nudeln oder Pfeffer mit Suppe gab. Er aß es immer mit großer Freude.
Er ließ mich auch einmal an einem Experiment teilhaben. Dabei stoppte er den Fall eines Löffels vor meinen Augen.
»Glaubst du mir jetzt?«
»Ich weiß nicht, wie du das gemacht hast, aber du wirst mir unheimlich.«
»Ist alles nur die Energie aus mir heraus. Ich habe übersinnliche Kräfte!«
Endgültig überzeugen konnte mich Nashar, als er mich bei mir zu Hause besuchte. Er schüttete eine Packung Nüsse auf meinen Tisch und meinte freundlich zu mir:
»Damit kannst du deine Wäsche waschen. Sie wird viel sauberer als mit deinem Waschmittel und die Umwelt schonst du auch!«
Ich sah ungläubig zu ihm. Jetzt ging es also langsam mit ihm durch. Er nahm Nüsse zum Wäsche waschen. Womöglich würde er mich dazu nötigen, mir mit Schwarzwurzeln die Zähne zu putzen. Oder mich mit einer Kokosnuss zu duschen.
»Jetzt hör auf, Nashar, das sind Nüsse! Vollwaschmittel sieht bei uns anders aus.«
»Probier es einfach aus!«
Während wir bei mir im Wohnzimmer saßen und verträumt einen Bollywood-Streifen genossen, verzauberten Nashars Waschnüsse meine Wäsche in die saubersten Sachen, die ich je gesehen hatte. Nun war ich endgültig überzeugt. Nashar konnte Löffel in der Luft zum Stehen bringen, mit Nüssen Wäsche waschen und Telekinese konnte er auch, ganz zweifelsfrei.
Ein paar Wochen später saß ich in einem sauberen, oder besser nussreinem Hemd neben ihm beim Mittag.
»Ich will nicht mehr IT-Spezialist sein. Mein Karma stimmt so nicht. Ich muss große Dinge vollbringen und es euch allen zeigen. Kannst du für mich etwas organisieren?«, fragte er mich und ich konnte die Traurigkeit in seinen Worten hören. Wenn er für etwas Größeres bestimmt war, warum sollte er auch weiter an unseren Rechnern rummachen?
Er gab mir einen Zettel mit ein paar Anweisungen zur Örtlichkeit und zur medialen Präsenz, die er sich für seine Selbstverwirklichung wünschte. Ich bereitete in den folgenden Tagen alles akribisch vor und hatte das Gefühl, dass Nashar bereits ganz in seiner Welt war. Ich hatte keinerlei Bedenken, dass er alles schaffen würde, was er sich vornahm.
Der große Tag kam. Über die Presse luden wir die gesamte Stadt zur Präsentation von übersinnlichen Fähigkeiten zum Bahnhof ein. Der ICE, der normalerweise nie bei uns hielt, sollte durch geistige Energie zum Bremsen gebracht werden. Nashar stand, ganz in weiß gekleidet, auf dem Gleis und alle blickten erwartungsvoll zu ihm. Er stimmte ein Mantra an und versetzte sich in einen anderen Bewusstseinszustand. Der Zug war inzwischen zu hören. Nashar hob beide Arme über seinen Kopf. Wir konnten Blitze funkeln sehen. Er beschwor magische Formeln und konzentrierte sich übermenschlich. Der Zug raste heran, die Gleise vibrierten, doch Nashar bündelte seine gesamte Energie, sein über die Jahre erworbenes Wissen der Telekinese und wer weiß was noch auf die Gefahr vor ihm. Dann überrollte ihn der Zug tosend. Die Menschen schrien und fluchten, während Teile Nashars durch die Luft flogen. In diesem Moment fiel es auch mir auf. Ich hätte es ahnen müssen! Der Löffel in der Kantine war das eine. Aber die Waschnüsse, die Nummer hätte ich durchschauen können. Auf meiner frisch gewaschenen Hose war tatsächlich ein Fleck!

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