Aus aktuellem Anlass…

Endlich war es soweit. Sein erstes Mal. Er hatte die Sache sorgfältig durchdacht, lange geplant und er war auch überaus aufgeregt. Zudem hatten ihm ein paar Freunde berichtet, dass sie es auch schon getan hätten und sehr zufrieden mit dem Ergebnis waren. Bisher hatte er sich an den Vorgang noch nicht so recht heran gewagt. Zu viele Geheimnisse und Vorurteile rankten sich darum. Würde er noch derselbe sein, wenn er es hinter sich hatte? Was würde seine Partnerin sagen, wenn er seinen Vorschlag an sie heran trug? Das waren die Fragen, die ihn vorher beschäftigten. Überraschenderweise reagierte seine Partnerin völlig gelangweilt auf seine Mitteilung, endlich auch zu denen zu gehören, die die Sache selbst machten. Völlig ohne fremde Hilfe. Es war dabei allerdings fast so, als hätte sie gar kein Interesse daran, als wäre es ihr egal! Und er hatte sich vorher extra reichlich belesen und ganze Nächte mit der theoretischen Vorbereitung auf die Angelegenheit zugebracht. Am Ende stand er mit seiner Begeisterung ganz allein da. Am Abend vor dem großen Ereignis ging er mit seinen Kumpels noch einmal ordentlich einen trinken. Es war, als würde er alles hinter sich lassen und endlich zu einem Mann, ja mehr sogar, zu einem erwachsenen Staatsbürger, zu einem vollwertigen Mitglied der Gesellschaft werden. Seine Freunde hänselten ihn noch ein wenig, weil er sich schon so lange dagegen wehrte und eine gewisse Scheu an den Tag legte.
Mit einem ordentlichen Brummschädel gesegnet, machte er sich am folgenden Sonntag an die Arbeit. Er fragte seine Freundin noch, ob sie dabei sein wolle, aber sie winkte nur ab und verdrückte sich ins Fitnessstudio.
Er hatte sich alles nach Hause schicken lassen und nun lag der diskrete Umschlag unschuldig vor ihm. Ein unscheinbares Braun, das davon zeugte, dass der Versender sein Handwerk verstand. Was sollten auch die Nachbarn denken, wenn sie vom Inhalt erfuhren? Er strich noch ein wenig gedankenverloren darüber, bevor er ihn genüsslich öffnete. Er entnahm dem Umschlag alles und breitete es vor sich aus. Das war also das große Mysterium! Nun lag es vor ihm und genau wie seine Bekannten würde er alles ganz allein tun, völlig ohne fremde Hilfe.
Er überlegte kurz, ob er einen billigen Kuli nehmen sollte oder den Kalligrafiefüllhalter, den ihm seine Freundin zum Geburtstag geschenkt hatte und der bislang noch auf seinen ersten Einsatz wartete. Er entschied sich aber für einen Bleistift, falls unerwartet ein paar Fehler auftraten. Die Ernüchterung folgte nach einer reichlichen Stunde. Das also war sein erstes Mal. Völlig enttäuschend! Wie haben die anderen das bloß gemacht? Ganz allein, ohne fachlich versierte Hilfe? Er hatte sich durch ein wahres Labyrinth gekämpft und auch nicht davor zurückgeschreckt, die sterbenslangweilige Bedienungsanleitung zu studieren. Er gedachte sogar der armen Geschöpfe, die ihrem Geist einen solchen Unsinn abringen mussten. Wurden die dafür entschädigt, oder machten sie das auch noch gern?
Das erste Mal wurde ihm unheimlich. Bis zu diesem Zeitpunkt war er immer der Meinung, über einen gesunden Menschenverstand zu verfügen, der den normalen Ansprüchen eines bürgerlichen Lebens Genüge tat. Nun aber war er mit seinem Latein am Ende. Insbesondere, weil sein Freund Joachim damit prahlte, es sich schon seit Jahren selbst zu machen und dass sich die Sache bei ihm immer auszahlte. Das Einzige, das er aber bekommen würde, wäre eine schwere Hirnhautentzündung, wenn er seinen Geist weiterhin damit quälte. Er nahm sich alles für einen letzten Versuch vor.
Es war zum Verzweifeln. Nach einer weiteren Stunde ungläubigen Staunens gab er endgültig auf. Er kramte seine Buntstifte hervor und malte auf allem rum,  füllte Kästchen aus und peppte die Bedienungsanleitung auf. Ein bisschen wie Malen nach Zahlen, bloß mit bildungsbürgerlichem Anspruch. Es sah am Ende richtig schick aus. Völlig erschöpft bettete er sich zu einem Mittagsschlaf. Als er aufwachte, lagen neben seinem Kopf ein Zettel und eine Visitenkarte. Auf dem Zettel stand: „Hallo Schatz, bin Kaffee trinken mit Moni. Sie kennt einen guten Steuerberater. Ruf dort einfach an. Sie sagt, dass der unsere Steuererklärung machen kann. Übrigens: Tolles Bild!“

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