Blaues Wunder

Endlich hielt er sie einsatzbereit in der Hand. Gar nicht so groß. Aber mit gewaltiger Wirkung. Und teuer natürlich. Die insgesamt zwölf kleinen blauen Pillen hatten sage und schreibe 160 EUR gekostet, doch das war ihm das Wiedersehen mit Petra wert. Er hatte sie bei einem Seminar über Problemfälle bei der Debitorenbuchhaltung kennengelernt und nun stand er mit der Pille in der einen und einem Blumenstrauß in der anderen Hand vor dem Hotel, in dem sie sich verabredet hatten. Er studierte noch einmal die Bedienungsanleitung, damit er das Wundermittel nicht zu früh einwarf. Während des Lesens dachte er darüber nach, wann er es zum letzten Mal mit Birgit getan hatte. War es vor drei Jahren oder vier? Und das Mal davor zwei Jahre her oder zweieinhalb? ›Bei Gott‹, dachte er, ›Weihnachten war nun tatsächlich schon öfter‹.
Seitdem die Kinder aus dem Haus waren, wurde es von Jahr zu Jahr weniger. Aber wenn er seinen gleichaltrigen Kollegen trauen durfte, dann war es völlig normal, dass ein Paar mit Mitte Fünfzig nur noch selten das Bett zum Zwecke des Beischlafs miteinander teilte. Mit Petra aber würde es anders werden. Petra war eine Buchhalterin nach seinem Geschmack. Gewissenhaft, pünktlich, aber eben auch voller feuriger Begierde, die sich nicht in einem Buchungssatz entladen ließ. Zudem war sie noch knackige achtundvierzig und hatte die Figur einer tüchtigen Sportlerin.
Es war inzwischen kurz vor neun und Petra würde natürlich zur verabredeten Zeit ankommen, keine Frage. Das Abendessen mit eingerechnet und ein paar notwendige Zärtlichkeiten dazu, schien es nun der richtige Moment, den Turbo zu starten. Er ging zurück zu seinem Auto und setzte sich hinein. Noch einmal sah er auf die blaue Pille in seiner Hand, dann warf er sie schnell ein und schluckte sie mit einem kräftigen Schluck Wasser herunter.
Zehn Minuten nach neun war er um zwei Erkenntnisse reicher. Die eine war, dass Petra nicht so pünktlich war, wie er gehofft hatte und die andere hatte mit dem unglaublich harten Ding in seiner Hose zu tun. Er hatte sich also bei beiden verschätzt. Doch so lange er im Auto auf Petras Ankunft warten konnte, gab es kein Problem. Außer dem natürlich, dass seine Erektion inzwischen schon heftig schmerzte.
Kurz vor zehn erreichte ihn eine SMS von Petra. Es täte ihr leid, aber sie könne nicht kommen, weil sie ihren Mann zu einem wichtigen Termin begleiten müsse.
›Na toll!‹ dachte er ›und was mache ich jetzt damit?‹ Sein Blick war auf seine Hose gerichtet, in der noch immer der Ständer des Jahrhunderts pochte.
Es gab gar keine andere Möglichkeit. Vorsichtig stieg er aus seinem Auto, richtete sich langsam auf und zupfte seine Jacke so zurecht, dass nicht jeder gleich seine Erektion erahnen konnte. An der Rezeption empfing ihn eine junge Frau, die den Schmerz in seinen Lenden nur noch verstärkte.
»Guten Abend. Liebling mein Name. Ich hatte ein Doppelzimmer reserviert.«
Sie tippte ein wenig auf ihrem Rechner herum und Liebling merkte, wie sich sein Puls bei ihrem Anblick immer weiter beschleunigte.
»Ja. Das ist richtig. Übernachten Sie allein?« fragte sie erstaunt.
»Ja, nur ich allein.« Das »leider« konnte er gerade noch so unterdrücken.
Sie gab ihm den Schlüssel und er ging, ja er rannte fast, zu seinem Zimmer. Dort angekommen, entledigte er sich in Windeseile seiner Hose und onanierte sofort. Es trat keine Linderung ein. Also tat er es noch einmal. Danach wieder. Ohne Erfolg. Das Ding stand da als wäre es in Stein gemeißelt. Liebling dachte nach. Er konnte doch unmöglich so lange an sich herumspielen, bis es nachließ. Niemand konnte ihm sagen, wann das war und wie oft er dazu hätte kommen müssen. Außerdem würde ihm diese Nacht im Hotel schlussendlich eine Sehnenscheidenentzündung einbringen und eine Krankschreibung über Wochen. Und wie er das seiner Birgit hätte erklären wollen, dazu hatte er nicht eine Idee. Er tat sich noch einmal ausführlich gut, hatte aber eigentlich die Hoffnung schon aufgegeben, dass sich etwas ändern könnte. Nach einem letzten, nun schon sehr verzweifelten Versuch, beschloss er kurz vor elf das Hotel zu verlassen und nach Hause zu fahren. Birgit könne er immer noch erklären, dass das Seminar ausgefallen ist und er sich mit ein paar ebenso wie er enttäuschten Kollegen noch ein bisschen über diese oder jene Problemfälle der täglichen Arbeit verständigt hat.
Der überraschten jungen Dame am Empfang gab er den Schlüssel zurück und zahlte mit einiger Pein den Zimmerpreis von einhundertachtzig Euro in bar. Das Geld hatte er schon kurz nach dem Telefonat mit Petra abgehoben, um später keinen Verdacht aufkommen zu lassen und eine Kartenzahlung kam ja sowieso nicht in Frage.
Auf der Heimfahrt probierte er sich noch viermal an der Problemlösung, aber mehr als ein feuchtes Taschentuch kam dabei nicht heraus. Also schlich er sich kurz vor Mitternacht in seine Wohnung, verbrachte noch eine halbe Ewigkeit beim Zähneputzen in der irrigen Hoffnung, irgend etwas an ihm möge sich doch noch verkleinern. Schließlich musste er sich doch mit seiner Prachtlatte neben seine Birgit legen und ein Kloß stieg in seinem Hals auf. Eigentlich wollte er fremdgehen. Ganz vorsätzlich und weil er es sich über die Jahre hinweg verdient hatte. Schlussendlich hatte er aber nur etliche Male onaniert und er dachte schon mit Schrecken an die übrigen elf Pillen in seinem Tresor. Vorsichtig legte er sich auf seine Betthälfte und achtete genau darauf, dass er Birgit nicht berührte. Er drehte sich von ihr weg und versuchte an schwierige Buchungsvorgänge zu denken. Vielleicht half das ja. Mitten in die Schwierigkeiten der Abschlagszahlungsverbuchung spürte er Birgit hinter sich.
»Schön, dass du schon da bist«, flüsterte sie halb schlafend, »erzähl mir morgen alles, ja?«
»Mmh, mache ich. Schlaf gut, mein Schatz.«
Aus bloßer Gewohnheit drehte er sich halb zu ihr, um ihr einen Kuss auf ihre Stirn zu geben und nach der tausendfachen Wiederholung dieses Rituals kam sie ihm ein Stück entgegen. Doch es war ein Stück zuviel des Weges. Irgendwie stieß sie mit ihrem Bauch an seine stahlharte Erektion. Liebling erstarrte.
»Schatz? So lange hast du dich ja schon lange nicht mehr gefreut, mich zu sehen.«
»Mmh.« Bloß nicht zuviel Konversation, dachte Liebling, vielleicht schläft sie gleich wieder ein.
Doch die Hoffnung Lieblings erstarb, denn als hätte Birgit einen Zauberstab berührt, erwachte sie zu neuem Leben.
»Schatz, du arbeitest wirklich zu viel. Kaum unterhältst du dich mit ein paar Kollegen über Buchungsprobleme und schon kommst du mit diesem Hammer nach Hause. Du solltest öfter mit deinen Kollegen sprechen.«
Und schon hatte sie ihn an den Eiern. Als hätte sie all die Jahre auf diesen Moment gewartet, bearbeitete sie Liebling nach allen Regeln der Kunst und nämlicher sah sich um Jahre zurückversetzt an den Beginn ihrer Beziehung, als sie es kaum aushielten und die Hände nicht voneinander lassen konnten.
Birgit empfing ihn bereitwillig und sie schaukelten sich in einen wahren Rausch hinein. Ekstatisch verbrachten sie mehrere Stunden und Liebling vergaß dabei all den Streit der letzten Wochen und Monate und die Verbitterung über die Schwachstellen ihrer Beziehung. Ja, er konnte sogar spielend sein Versagen als Liebhaber vergessen. Doch kurz nach vier stieg Birgit von ihm herab und verließ wortlos das Zimmer. Wortlos. Das hatte eine Menge zu sagen. Liebling traf sie völlig ermattet in der Küche. Sie sah ausgezehrt und kaputt aus. Sie blickte auf seine Erektion.
»Irgendetwas mit dir stimmt nicht. Damit«, sie zeigte auf seinen Penis, »stimmt ganz sicher etwas nicht. Wenn du mich nach all der Zeit umbringen willst, mach es bitte kürzer und schmerzloser. Und außerdem wäre es schön, wenn du diese einmalige Energie auf mehrere Wochen und Monate dosieren könntest.«
»Mmh.« Liebling wusste ja auch nicht mehr weiter. Dabei hatte er das Gefühl, dass die Beziehung zu Birgit gerade wieder auf dem Weg der Besserung war. Und schließlich hatte er noch elf Pillen. Sicherheitshalber ging er zur Toilette und legte noch zweimal Hand an. Keine Veränderung. Er sah in den Spiegel. Wie weit war es bloß gekommen? Er wollte seine Frau betrügen und um dazu überhaupt einen hoch zu bekommen, schluckte er Wunderpillen. Wenn hier jemand umzubringen war, dann doch wohl er. Betrübt schlich er sich zu seiner Frau zurück.
»Sag jetzt bitte nicht: Mmh!«, herrschte sie ihn an. Normal hätte er jetzt den Schwanz eingezogen, aber das war ja gerade unmöglich. »Du hast ja Recht. Ich bin ein Scheißkerl. Kannst du mir noch einmal verzeihen?«
»Wenn du nie wieder Mmh sagst und ab und an wieder so einen Prachtkerl präsentierst, könnte ich es mir überlegen.« Sie drückten einander länger als sonst. »Ich bin müde und lege mich schon einmal hin. Du kannst ja zusehen, wie du das da los bekommst und dann nachkommen.«
Sie küsste ihn und ging schweren Schrittes zu Bett. Liebling und seine Erektion standen ratlos im Raum. Er begann damit, Handtücher und Decken an ihr aufzuhängen, aber der Ständer ließ nicht nach. Er ging unter die Dusche und ließ eiskaltes Wasser darüber laufen. Erfolglos.
Dann setzte er sich vor den Fernseher und schaltete diesen ein. Nach ein paar Senderrunden, die er inhaltslos und ohne körperliche Veränderungen gedreht hatte, blieb er bei Kabel eins hängen. Es lief die schlecht synchronisierte Fassung eines amerikanischen Softpornos. Es dauerte keine halbe Minute. Seine Erektion war verschwunden. Es gibt Dinge, die funktionieren immer.

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