Hinter den Kulissen von Standard & Poor’s (Finale)

David baut sich auf, obwohl er das in diesem Anzug gar nicht tun müsste, räuspert sich und beginnt zu sprechen. »Ich habe alle Lifestyle-Magazine der letzten Wochen durchgeschaut, wirklich auf jeden Hinweis geachtet. Vanity Fair hatte nichts, der New Yorker auch nicht. Aber«, nun lehnt er sich zurück und nimmt seine Lieblings-Gewinner-Pose ein, »es gibt da was.«
Alle Augen sind auf David gerichtet und Greg kotzt dieses Gehabe seines Chefs an. Dieses Gockelhafte, mit dem er sich immer die Sympathien der anderen verschafft. Soll er doch seine Klöten gleich auf den Tisch packen. Mann! Es geht hier nicht um ihn, sondern um eine viel größere Sache! Sie schreiben gerade Geschichte und David muss sich feiern lassen.
»Der Trend geht ganz klar zu Plateauschuhen. Unauffällig getragen, aber du gewinnst locker fünf Zentimeter. Wenn es clever gemacht ist, sogar noch mehr.« David lässt seine Worte im Raum verhallen und die anderen schauen ungläubig zu ihm. ›Wie er das nur macht!‹ steht über ihren Köpfen.
»Klasse, David, ich danke dir«, unterbricht Ed die Stille. »Du bist wirklich unglaublich und ich denke, dass wir auf einem guten Weg sind. Ich habe natürlich auch noch was.«
Es ist klar, dass der große Chef nicht ohne Grund diesen Posten begleidet. »Es ist kein Zufall, dass wir heute alle in unseren Analysen etwas gefunden haben. Ich hatte bereits in der letzten Woche ein kleines Zeichen, nahm es aber nicht richtig ernst. Heute aber, Männer«, er lässt eine längere Pause und schaut jedem Einzelnen in die Augen. Ed weiß, wie Politik gemacht wird. Die ganz Große. »Heute hatte ich Blut im Stuhl und meine Hämorrhoiden quälen mich bestialisch. Dazu habe ich Blähungen, dass es eine Rinderherde graut.« Alle schauen ihn an und nicken. Das verheißt nichts Gutes und die letzte Konsequenz ist bereits jetzt allen klar. Greg spricht sie aus. »Ist Kassandra schon informiert?«
Ed nickt. »Ja, wir können sofort zu ihr gehen. Machen wir uns auf den Weg.«
Sie räumen den Konferenzraum, gehen zum Fahrstuhl und fahren nach ganz oben. In das Herz der Firma. Dorthin, wo Kassandra sitzt. Ed steigt als erster aus und führt die Gruppe an. Dann klopft er an ihre Tür.
»Herein, Ed! Und bring die anderen mit.«
Die Männer nicken sich lächelnd zu. Kassandra weiß alles. Das wird ein Kinderspiel. Sie gehen hinein und stellen sich vor sie. Der Raum liegt in einem diffusen Licht, an den Wänden hängen Tücher, die Fenster sind verschlossen und die Vorhänge zugezogen. Duftkerzen sind im Raum verteilt und verströmen ein ambrosisches Aroma. Kassandra sitzt auf einem Diwan, die Arme sind zur Seite hin ausgestreckt und ihre Beine sind im Lotussitz verschränkt. Das lange, blonde Haar fällt in Kaskaden über ihren Körper, so dass es scheint, sie trüge nichts weiter als ihr Haar. Sie beginnt mit ihrer sanften Stimme, in einem Singsang vollkommener Ausgeglichenheit zu sprechen. »Ihr seid auf dem richtigen Wege. Der Kaffee, das gelbe, buttrige Sputum, das schmerzende Knie, die Frösche, Plateausohlen und blutiger Stuhl, Ed, ihr seid nicht ohne Grund die Besten. Die Welt kann sich auf euer Urteil verlassen. Ihr seid die Analysten der Stunde. Ich will euch noch eine kleine Geschichte auf den Weg geben.«
Greg mag diese Momente, wenn Kassandra ihre Geschichten erzählt. Das erinnert ihn an seine Kindheit, als diese Welt noch eine Ordnung hatte und alles an seinem Platz lag.
»In einem gemütlichen Café sehe ich einen kleinen Mann sitzen. Er trägt einen blauen Anzug und Schuhe mit Plateausohlen. Beim Hinsetzen hat er sich mit seinem Knie an einem der Tischbeine gestoßen. Er bestellt ein Croissant mit Butter, die so buttrig ist, wie Butter nur sein kann. Dazu lässt er sich Froschschenkel kommen. Die letzten Wochen haben ihm zugesetzt. Eine späte Vaterschaft, berufliche Sorgen und dieses ständige Ringen, größer sein zu wollen, als er ist. Das schlägt auf den Magen. Und den Darm. Deshalb hat er enormen Durchfall.«
Die Männer nicken. Das Fund Monitoring ist damit beendet, die Grundsätze des Fund Management Rating Process sind komplett durchlaufen.
»Danke, Kassandra«, sagt Ed. »Kommt, Männer, nun müssen wir es der Welt verkaufen.«
Sie fahren wieder nach unten. Die Arbeit ist schnell verteilt. Pressekonferenz morgen, vorher das Übliche. Ed’s Arzttermin, David muss zur Kosmetik und Greg darf seinen eingewachsenen Zehennagel nicht vergessen. Nicht zuletzt treffen sie sich wie jeden Tag um drei beim Golfen.
Dieses Mal ist Greg dran. Er darf die Nachricht verfassen. Ed neigt immer so zum Prosaischen. Er ist da er eher für das Verknappte. Was wollen sie der Welt auch erzählen? Sie sind schließlich die Profis, nicht die Bekloppten dort draußen. Deshalb tippt er schnell ein: »Downgrade France«. Gerade hat er auf Enter gedrückt, da geht die Tür auf und David schaut abgehetzt rein. Er holt tief Luft und sagt: »Haben Sie es schon abgeschickt?«
»Klar, warum?«, fragt Greg.
»Rick meinte eben am Spa, dass es sein könne, dass sein Sputum doch nicht buttrig war, sondern eher cremig. Und Deven sagte, dass die Frösche einen italienischen Akzent hatten. Da fiel mir ein, dass in den Gazetten auch viel über Haarimplantate stand. Also, so zwischen den Zeilen.«
»Also doch Italien?«, fragt Greg.
»Möglich. Durchaus möglich«, sagt David.
Greg zuckt mit den Schultern. »Die können wir auch noch morgen machen. Es ist zehn vor drei. Lassen Sie uns Golfen gehen. Außerdem muss ich heute noch mit Jessica Schluss machen, bin grad so in Stimmung.«

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