Hinter den Kulissen von Standard & Poor’s (Teil 1)

Der dritte Streit in dieser Woche! Und es ist erst Mittwoch. Wenn sie so weiter macht, fliegt sie raus. Endgültig. Was glaubt sie eigentlich, wer sie ist? Greg’s Puls rast noch immer. Obwohl ihm sein Arzt etwas anderes raten würde, liegt ein Becher Caffé Americano in seiner Hand. Größe Venti. Den hat er sich unterwegs bei Starbucks geholt und jetzt sitzt er in seinem Büro in der Water Street. Und die ganze Aufregung nur, weil er diese Party vergessen hat. Zwei Blöcke weiter im Ulysses Folk House spielt am kommenden Samstag Celtic Cross, die Lieblingsband seiner Freundin Jessica. Sie mit ihrer blöden irischen Kultur, ihren irischen Eltern und einer irischen Ahnentafel, die länger als die gesamte amerikanische Geschichte ist. Vor allem: Irland! Auch eines dieser Pleiteländer!
Sie weiß wirklich nicht, was er tut! Greg schüttelt energisch den Kopf und schluckt Ärger und Kaffee runter. Warum macht sie so einen Aufriss, weil er dieses todlangweilige Konzert vergessen hat? Er ist einer der Top-Analysten bei Standard & Poor’s! Eine der drei wichtigsten Firmen, die es im Moment in der Welt gibt. Was er sagt, hat Gewicht! Er kann Staaten ins Chaos stürzen, Regierungen zu Fall bringen und entscheiden, ob Geld noch etwas taugt, oder auch nicht. Und dann kommt Jessica mit ihren lächerlichen Problemen. Noch so ein Ding und sie fliegt aus seiner Wohnung. Samstag. Spätestens. Kann sich ja beim Konzert ausheulen, die Nervensäge.
Es geht ihm schon besser. Er hat die Beine auf den Schreibtisch gelegt, nippt an seinem Kaffee und genießt die Sonnenstrahlen dieses wunderschönen Herbsttages. ›Ich sollte mich von Jessica trennen. Sobald wie möglich. Völlig unabhängig von unseren Streits. Ich könnte auch andere haben.‹, so denkt Greg, während er den letzten Schluck aus dem Becher nimmt. Er stellt ihn zurück auf den Tisch und wartet eine Zeitspanne ab, die nur er im Gefühl hat. Wahrscheinlich gibt es nur einen Menschen auf diesem Planeten, der genau weiß, wann sich die Restflüssigkeit wieder auf den Boden gesetzt hat. Wann der Moment gekommen ist, in dem eine höhere Macht in einem Becher von 20 oz Wunder vollbringt und ihm sagt, was kommen wird. Jetzt ist es soweit. Er nimmt die Beine vom Tisch und beugt sich vorsichtig nach vorn. Erst inspiziert er nur den Becherrand, dann sieht er an der Wand nach unten bis ganz auf den Boden.
»Scheiße! So eine Scheiße!«, entfährt es ihm. Er springt auf, geht zum Fenster und trommelt mit seinen Fäusten davor. »Verdammt!« Doch er ist nicht ohne Grund dort, wo er ist und er ist unbestritten ein Profi. Deshalb nimmt er den Hörer in die Hand und wählt die Durchwahl 183.
»Hi Greg, was ist los?«, meldet sich die vertraute Stimme seines Vorgesetzten David.
»David, Sie müssen sofort zu mir kommen. Wir haben ein Problem. Ein Großes.«
»Ich komme sofort!«
Keine drei Minuten später steht David im Zimmer. Sein Sechshundert-Dollar-Anzug steht ihm gut, der Kent-Kragen sieht einmalig aus und aus seinem braungebrannten Gesicht strahlen Greg zwei stahlblaue Augen an.
»Und?«
»Schauen Sie selbst«, sagt Greg und reicht ihm seinen Kaffeebecher. David sieht hinein, wird puterrot und schreit: »Shit, Shit, Shit! Holy Shit! Mann, Greg! Sie wissen, was das bedeutet?«
»Klar, David.«
David geht ans Fenster und schaut hinaus. Die Adern an seinen Schläfen pochen, er atmet schnell ein und aus.
»Greg, können wir uns irren?«

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s