Vor den Heiligen

Das war es also. Alexander stand vor einer Tür und er hatte das unangenehme Gefühl zu wissen, was ihn dahinter erwarten würde. In den Vorstellungen der Menschen war alles viel schöner und erhabener. In Wirklichkeit aber schien es eher wie ein Gang in einer Behörde, auf dem er vor dem Zimmer mit der Zuständigkeit für die Buchstaben K bis M stand. Langsam öffnete sich die Tür und hinter einem Schreibtisch konnte er einen Mann in seinem Alter sehen.
»Aha, der Alexander Martin. Kommen Sie, setzen Sie sich.«
Der Mann war sehr freundlich zu ihm. Gab ihm die Hand zur Begrüßung, lächelte. Obwohl es um ihn herum tatsächlich wie in einem Amt aussah. Er blätterte ein paar seiner Papiere durch. Geburtsurkunde, Personalausweis, ja sogar eine Kopie seines Totenscheins konnte Alexander erkennen.
»Und«, hob der Mann die Stimme von Neuem, »wie hat es Ihnen dort gefallen?«
»Eigentlich ganz gut«, antwortete Alexander ehrlich, wobei ihm seine Antwort ein mulmiges Gefühl im Bauchraum bereitete.
»Eigentlich oder ganz gut?«, bohrte der Mann nach.
»Ein paar Sachen hätten schon besser sein können«, überlegte Alexander laut.
»Zum Beispiel?« Der Mann hatte einen Stift zur Hand genommen und machte sich Notizen.
»Ich wäre gern ein paar Zentimeter größer gewesen. Und schöner.«
Der Mann kritzelte etwas auf seinen Block und schaute zu Alexander.
»Das müssen Sie bei Ihren Eltern einklagen, nicht bei mir. Noch etwas? Ein paar andere Mängel?«
»Dann eben Erfolg, Geld und Glück. Hatte ich alles nicht«, antwortete Alexander, nun schon fast traurig.
Der Mann schaute auf seine Aufzeichnungen, dann auch Alexander. Er runzelte die Stirn.
»Nun. Das hätten Sie jederzeit haben können. Es lag in Ihren Händen. Sie wollten bloß nicht.«
»Wollte ich wohl!«, entfuhr es Alexander wie einem trotzigen Kind und er bemerkte seine Überreaktion sofort. Kleinlaut fügte er hinzu: »Entschuldigung.«
Der Mann grinste und blieb ganz ruhig. »Glauben Sie mir. Ich habe Sie beobachtet. Wir beobachten alle. Monate, Jahre habe ich nach Ihnen geschaut. Immer wieder gehofft, bis es mir zu langweilig wurde. Sie wollten nicht.«
Alexander überlegte kurz, ob er etwas entgegnen und diesem Schreibtischtäter ein paar Notwendigkeiten und Zwänge aus dem wirklichen Leben darlegen sollte. Aber zum einen war er sich nicht sicher, was der Mann alles über ihn wusste, und zum anderen gab es an diesem Ort sowieso keine Wirklichkeit mehr. Und das Leben, das er kannte, wahrscheinlich auch nicht.
Der Mann sagte: »Wir wissen alles über Sie. Wie oft Sie krank waren, wie oft Sie gelogen haben, ja sogar, wie oft Sie Sex hatten.«
»Oh ja, tatsächlich?? War es oft, also vergleichsweise?«
»Ich werde mir meinen Wetteinsatz nachher bei meinen Kollegen abholen. Jeder Idiot stellt diese Frage, wirklich jeder. Was sagt Ihnen diese Zahl denn am Ende? Und was bringt Ihnen ein Vergleich? Seien Sie doch einfach froh, dass Sie überhaupt Sex hatten.«
So hatte es Alexander noch gar nicht gesehen. Froh machte ihn es dennoch nicht. Der Mann schrieb und schrieb. Eine scheinbar endlos lange Pause entstand. Alexanders Handflächen begannen zu schwitzen, ihm wurde mal heiß, mal kalt und in seinem Bauch machte sie dieses nicht definierbare Gefühl des Unwohlseins breit. Es wurde Zeit zu handeln.
»Sagen Sie, jetzt, wo es vorbei ist, was passiert nun mit mir?«
Der Mann schrieb weiter und antwortete ihm beiläufig: »In Ihrem Fall dasselbe wie in Ihrem Leben die meiste Zeit. Nichts.«
»Wie, nichts?«
Nun hörte der Mann mit dem Schreiben auf.
»Na nichts! Alexander Martin, jetzt hören Sie mir einfach einmal einen Moment lang zu. Sie Menschen bringen ihr verfluchtes Leben jeden Tag so gut es eben geht hinter sich. Die meisten sehnen sich schon während eines mehr oder minder frei gewählten Berufs danach, irgendwann in den Ruhestand zu gehen, um dann endlich anzufangen mit dem Leben. Sie ertragen ihre selbst gewählte Erbärmlichkeit mehr schlecht und recht und dann kommen Sie zu mir und wollen Glückseligkeit?«
Der Mann schnaubte, atmete noch einmal tief ein und aus und schrieb weiter. Alexander sah ihn mit großen Augen an. »Aber was hätte ich denn tun können?«
»Jetzt meckern Sie mal nicht. Ich dachte, es hätte Ihnen ganz gut gefallen dort unten. Zumindest eigentlich.«
»Hat es ja auch. Eigentlich. Aber ein paar Dinge würde ich jetzt anders machen.« Alexander gefiel die Situation gar nicht. Es war schon bis hierher nicht das Gelbe vom Ei und wenn er gewusst hätte, dass ihn hier das totale Nichts erwartet, wäre er doch lieber in die Kirche gegangen. Oder hätte sündiger gelebt.
»Dafür ist es jetzt zu spät. Ab jetzt ist Nichts und für die meisten ist das auf keinen Fall schlechter, als das Leben, das sie auf der Erde führten.«
Der Mann blickte von seinem Block auf und schaute zu Alexander. Über dessen Kopf konnte er die Fragezeichen sehen.
»Ihr ganz spezielles Problem war einfach nur, dass Sie sich nie getraut haben und immer wieder Schiss hatten. Statt auf die Einzigartigkeit Ihrer Ideen zu vertrauen und Ihren Idealen zu folgen, gingen Sie den Weg der Sicherheit. Sie folgten den Angepassten und kapitulierten wie die vielen Anderen in einer Welt der Möglichkeiten, weil Sie gar nicht wussten, was Sie eigentlich selbst wollten. Überhaupt ist das »eigentlich« eines Ihrer größeren Probleme. Und da es sich so ergab, haben Sie eben keinen besonderen, ja einzigartigen Moment selbst erschaffen, sondern lebten von den geborgten Augenblicken der anderen. Es waren schließlich bereits ausreichend viele da. Bloß fühlt sich Second Hand auch nicht so doll an wie eine selbst geschaffene Einmaligkeit.«
Er machte eine Pause. Dann holte er ein Formular aus seinem Schreibtisch, legte es vor Alexander und reichte ihm einen Stift.
»Würden Sie mir das hier bitte unterschreiben?«
»Was ist das?«
»Ihr Fahrschein ins Nichts.«
»Und wenn ich das nicht unterschreiben will?«
»Dann fahren Sie ohne. Macht keinen Unterschied. Wir vertreiben uns hier eigentlich nur die Zeit, bis der nächste Transport kommt. Und da Sie Menschen Formulare lieben, haben wir in unserer Freizeit ein paar lustige erschaffen, die keiner braucht. Genau wie bei Ihnen.«
Alexander wurde bleich. Ängstlich entfuhr ihm: »Und jetzt?«
»Jetzt geht es los. Kommen Sie bitte?«
Alexander verkrampfte und innerlich sträubte sich sein gesamter Körper gegen eine Bewegung. Doch sein Kopf signalisierte ihm, dass es keinen Zweck haben wird, sich zu wehren. Der Mann erhob sich, kam um den Schreibtisch herum und umfasste Alexanders Arm. Dann begleitete er ihn langsam zu einer Tür auf der anderen Seite des Büros. Er öffnete diese, lächelte Alexander an und schubste ihn mit einer geübten und sehr bestimmten Bewegung hinaus. Alexander fiel. Von oben hörte er noch die Stimme des Mannes.
»Wir sind ja keine Unmenschen. Und da Sie es unbedingt wissen wollten, sage ich es Ihnen gern. Im Durchschnitt war es einmal pro Quartal. Und es hat Ihren Partnerinnen statistisch gesehen nur jedes achte Mal gefallen. Sie waren also echt mies.«

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