Der Roman IHRES Lebens

Nehmen wir an, dass ein Roman hier anfängt. Und es steht eben nicht am Anfang, dass einmal dieses oder jenes war. Auch nicht, dass der Herr und die Frau Protagonist soundso in gewisser Weise aussehen, dieses oder jenes tun oder lassen, sich verlieben oder hassen.
Nein.
Wir stehen am Beginn eines Romans der freien Wahl.
Also können Sie sich nun auswählen, wer SIE gern sein möchten. Ist das nicht toll? Schon deutlich vor Weihnachten einen Wunsch erfüllt zu bekommen? Nochmal ganz von vorn anfangen können? Sie dürfen nun etwas oder jemand sein, das oder der Sie schon immer sein wollten, sich aber nie getrauten, weil Sie einfach nicht dazu kamen. Aus Mangel an Gelegenheiten, Geld oder Chuzpe.
Vielleicht gefällt Ihnen etwas Bodenständiges, weil Sie in letzter Zeit ein bisschen zu viel Unsicherheit im Leben hatten und die Aussichten für die Zukunft nicht so rosig erscheinen. Dann würde ich Ihnen gern eine Festanstellung in einem großen, über die Jahre gut gewachsenen Unternehmen in einer krisenfesten Branche anbieten. Ein Beschäftigungsverhältnis so sicher, wie ein unsinkbares Schiff!
Doch Sie wissen ja, wie das mit den unsinkbaren Schiffen ist. Der Wind und die See wissen davon nie etwas. Und gerade in Zeiten wie diesen … Merken Sie etwas? Alle Menschen sprechen immer von Zeiten wie diesen, obwohl sie gar keine anderen haben! Welche anderen Zeiten als diese, in denen sie leben, könnten sie auch verwalten, bemängeln oder verfluchen?
Nun also, gerade im Moment, wo alles den Bach hinunter und die Börse weiter in den Keller geht, erscheint kein Metier als das Rechte, das von allen wirtschaftlichen Unwägbarkeiten verschont bleibt. Mein Großvater mütterlicherseits betonte immer, dass die Berufswahl genau das abdecken müsse, was ganz bestimmt zu jeder Zeit benötigt wird. Man könne sich allen gedanklichen Unrat in die Haare schmieren, wenn man sich an den Bedürfnissen seiner Mitmenschen vorbei selbst verwirklichen wolle. Um ihn hier ganz unverblümt zu zitieren: »Gefressen, geschissen und gestorben wird immer.«
Sie können sich also gern als Gastronom, Taucher in einem Klärwerk oder Bestatter sehen. Doch so recht erstrebenswert scheinen mir diese Professionen bei aller Wertschätzung nicht zu sein.
Möglicherweise ist in Ihrem Fall etwas ganz und gar Einmaliges, gewissermaßen die Königin unter den sicheren Berufen besser, wo wir allerdings schon bei ihrer Majestät, der Beamtenlaufbahn wären. In einem Roman der freien Möglichkeiten bereits gleich zu Beginn das Korsett des Beamtentums anzulegen, erscheint mir ein wenig hausbacken, aber vielleicht ist es ja gerade das, was SIE im Moment brauchen?!
Um Sie nicht zu stark Vorurteilen und falschen Verdächtigungen des Pöbels gegenüber den Beamten auszusetzen, nehmen wir einfach an, Sie hätten ein solides Studium gewählt und abgeschlossen und sind nun ein Jurist im Staatsdienst. Also hätten Sie eine universitäre Ausbildung, eine absolut sichere Arbeitsstelle und, wenn man so will, auch einiges Ansehen. Diese Profession eröffnet Ihnen nicht zuletzt alle Chancen in politischer Richtung, wobei wir uns hier nicht auf eine Partei festlegen wollen, schließlich stehen wir noch am Anfang aller Möglichkeiten.
Wenn Sie nun über den Beginn Ihres Romans schauen, dann wirkt es sicher ein wenig befremdlich.
Sie als freier Mensch holten sich aus freien Stücken und ohne etwas bezahlen zu müssen ein Schriftstück wie dieses hier. Und noch ehe Sie es richtig in Ihren Händen (oder besser: in der Maus) halten und ins Lesen und Scrollen kommen, hat man Ihnen eine Beamtenurkunde aufs Auge und Ihr Leben in den Skat gedrückt. Das ist nicht meine Absicht und deshalb nehmen wir einfach an, Sie sind viel freigeistiger, als man es den Beamten, der Sie natürlich nie und nimmer sind, abnehmen würde. Also waren Sie schlau genug, nicht Jura zu studieren. Sie (wer, wenn nicht SIE?) haben rechtzeitig Ihren Verstand eingeschaltet und etwas Kreatives auserwählt. Deshalb sind Sie heute in der Werbung tätig. Das hat Leichtigkeit, Charme und Esprit. Und, allen Kritikern zum Trotz, sind Sie auch jemand, der dieser aktuell gefühlten oder tatsächlichen (man weiß es immer nicht genau) Krise etwas abgewinnen kann. Denn in jedem Laden, der zahlungsunfähig wird und bei allen Kaufhauspleiten gibt es Schilder für Angebote und Ausverkaufswerbung zuhauf zu gestalten. Selbstredend machen Sie auch die andere Werbung. Die für die Hochglanzmagazine, aber Sie sind ja schließlich kreativ und wirtschaftlich denkend, weshalb Sie immer wieder eine Nische finden werden.
Passt Ihnen auch nicht?
»Nö, kann ich nicht, alle anderen sind eh besser und überhaupt habe ich mir alle Träumerei längst abgeschminkt. Ich muss das jetzt halt weitermachen und außerdem, wo kämen wir denn hin, wenn alle nur das machen würden, was ihnen Spaß macht!«
Klar. Wenn Sie so denken, dann kommen wir natürlich mit der kreativen Leichtigkeit nicht weiter. Und bei all dem, was die Zukunft voller Rettungsschirme und Hebel bringen wird, wäre es doch schön, wenn wir ALLE auf Nummer sicher gehen. Sie könnten sich in der logischen Folge einzig und allein als Arbeitsloser (I oder II, Ihre Wahl) im noch nicht geschriebenen Roman Ihres Lebens versuchen. Ach, das ist Ihnen nun wieder zu wenig Aufregung?
Dann sind Sie sehr wahrscheinlich Sozialversicherungsfachangestellte(r)! Und Sie sehen die kompletten Jahre bis zur Pensionierung bequem und sicher vorgezeichnet. Wenn sie diese dann erleben sollten, hoffen Sie, dass Sie sich noch ein wenig Ehrgeiz und Freude am Leben bewahrt haben, um Ihre längst verschwundenen Träume aus dem Grab zu holen, in dem Sie bald selbst liegen werden. Sehr schön! Na dann haben wir ja endlich ein Ergebnis. Sie haben es mir aber auch nicht leicht gemacht! Willkommen in dieser Geschichte, die nun leider gar keinen Plot mehr hat und aus diesem Grunde hier endet.

 

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