Voyeure Teil 1 (von 2)

Es ist spät geworden an diesem Samstagabend. Sie sind viel zu müde, um irgendwohin zu gehen, aber es lief ein guter Krimi, der sie fesselte. Kurz nach Mitternacht gehen sie ins Schlafzimmer und sie stellt sich an das Fenster und betrachtet den Sternenhimmel.
»Sieh nur, wie schön die Sterne leuchten und wie klar der Himmel ist. Und hier«, sie nimmt dieses Ungetüm von Pflanze auf dem Fensterbrett ins Visier, »unsere Amaryllis wirkt ganz toll im Licht des Mondes.«
Er liegt bereits auf dem Bett und erwartet sie. Das, was wirklich ganz toll im Mondlicht aussieht, ist die Silhouette ihres nackten Körpers. Also steht er auf und drängt sich an ihren Rücken, legt seine Arme um sie, berührt ihre Brüste und küsst ihren Nacken.
Sie bekommt eine Gänsehaut und schüttelt sich. »Ist es nicht eine wunderschöne Nacht?«
Er kramt in seinem Kopf nach einer entsprechenden Antwort. Eine, mit der er die Vollkommenheit des Augenblicks nicht gefährdet. Etwas Tiefsinniges, gleichzeitig aber auch hinreichend Erotisches, etwas, das sie in dieser famosen Stimmung hält. Gerade will ihm etwas einfallen, da fällt sein Blick an ihrem Hals vorbei auf das Nachbarhaus in ein schwach beleuchtetes Zimmer. Er lässt ab von ihren Brüsten, nimmt ihren Kopf in beide Hände und justiert ihn auf seine Blickrichtung.
»Schau mal, unser Nachbar wichst!«
»Wo?«
»Na, da gegenüber! Auf dem Sofa! Siehst du ihn nicht?«
»Nein!«
Er muss lachen. Sie sammelt emsig jede Information ihrer Umgebung, um daraus ein stimmungsvolles Bild einer zarten, wunderbar romantischen Frühlingsnacht zu spinnen, aber das Wesentliche in ihrem Blickfeld entgeht ihr.
»Du solltest dich auf die wichtigen Dinge in deiner Umgebung konzentrieren. Nicht auf den Mond oder unsere Pflanze hier, sondern unseren Musterknaben dort drüben!«
Nun kann sie ihn auch erkennen. Er liegt auf die Seite gedreht auf der Couch und hat seinen Kopf auf seinen linken Arm gestützt. Das flackernde Licht auf seinem Gesicht verrät den laufenden Fernseher. Ansonsten hat er nur eine Lampe hinter dem Sofa eingeschaltet. Seine rechte Hand bewegt sich hastig zwischen seinen Beinen.
»Glaubst du wirklich, dass er sich gerade einen runterholt? Das geht doch viel zu schnell! Und so beiläufig, als würde er eine Tüte Chips in sich hineinschütten. Der ist doch gar nicht bei der Sache!«
»Glaub mir, er wichst! Die Situation ist eindeutig. Er ist allein, schaut sich einen Erotiklangweiler an und holt sich mal eben einen runter. Nicht mehr und nicht weniger!«
»Aber er ist dabei so gelangweilt, so lustlos! Da kann er es doch auch sein lassen! Machst du das auch so?«
Er fährt mit seinen Händen über ihre Brüste und haucht ihr ins Ohr:
»Seitdem ich mit dir zusammen bin, natürlich nicht mehr. Aber früher habe ich schon mal Hand angelegt. Und wenn ich es getan habe, dann nur bei Kerzenlicht, einer romantischen CD, die im Hintergrund spielte und ganz gemächlich. Dazu habe ich mir meist eine Duftkerze angezündet und meinen ganzen Körper vorher mit ätherischen Ölen eingerieben.«
Während er das sagt, beginnt er, seine Körpermitte langsam an ihrem Becken zu reiben. Sie entzieht sich ihm und geht einen Schritt nach vorn. Er folgt ihr und legt wieder die Arme um ihren Körper.
»Das glaubst du doch selbst nicht! Du hättest es auch in Sekundenschnelle auf einer Bahnhofstoilette hinter dich gebracht, einen winzigen Reiz deines Sinneszentrums vorausgesetzt. Und schau dir das doch mal an! Es sieht auch so aus, als hielte er ihn nur mit Daumen und Zeigefinger.«
Er sieht noch einmal genau hinüber, versucht dabei über ihre Bemerkung über seine frühere Hast hinwegzugehen und ja, tatsächlich, ihr Nachbar schrubbt mit den Fingern völlig gelangweilt an seinem Ständer herum. Und der verdient maximal das Prädikat »Semiständer«, und das auch nur unter Freunden.
»Er scheint auch nicht richtig hart zu sein, wenn du mich fragst. Schau mal genau hin!«
Doch sie ist mit ihren Gedanken längst viel weiter.
»Wenn ich das so sehe, weiß ich genau, was wir ganz dringend brauchen!«
»Ich auch! Wird ein Fernglas reichen, oder besser gleich ein Nachtsichtgerät?«
Ihr Ellenbogen bohrt sich in seine Magengrube.
»Du bist ein schlimmer Voyeur! Wenn wir dort so einfach reinschauen können, kann man das auch bei uns. Also brauchen wir blickdichte Gardinen!«

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