Monty X

»Hilft ja nichts, Leo. Ich soll dir Nachhilfe geben und länger als eine Stunde wird es nicht dauern.«
Leo legt seine Hanteln beiseite, langt nach einem offensichtlich schon leicht verhärteten Handtuch und wischt sich mit einer kaum vermuteten weichen Stelle den Schweiß aus der Stirn. Dann wirft er es in eine Ecke, in der es wie ein Ziegelstein an die Wand kracht.
»Soll ’n das bringen?«, fragt er mich mit einem Gesichtsausdruck, der mich unweigerlich an den Nihilismus des Moments denken lässt, »Ich muss trainieren, das ist viel wichtiger als der Scheiß!«
»Dass du in Mathe und Deutsch besser wirst, das soll es bringen. Mehr nicht«, entgegne ich ihm resolut.
»Brauch ich nicht. Ich komm auch ohne Mathe und Deutsch über die Runden, wirst schon sehen. Ich habe alles, was ich brauche. Die Arbeit nach der Schule ist schon fast klar und ne scharfe Alte hab ich immer wieder mal.« Seine rechte Hand verschwindet für längere Zeit zwischen seinen Beinen, als will er damit zeigen, dass er keinesfalls beschäftigungslos ist.
»Schon gut, ich kann auch gehen, wenn du keine Lust hast. Muss es aber der Hakenberg sagen, nicht dass ich am Ende noch Ärger bekomme.«
Er sieht mich an wie eine Raubkatze ihre Beute kurz vor dem Sprung und sagt: »Pass bloß auf, dass du keinen Ärger bekommst, ja! Wir machen jetzt schön die blöde Nachhilfe und dann schwirrst du ab und sagst der Hakenberg, dass alles in bester Ordnung ist, klar?«
»Klar doch, mach ich.«
Ich ohrfeige mich gedanklich für meine christliche Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft. Soll Leo später doch sonst wo arbeiten, Krimineller oder Legionär werden, mir doch egal!
In der folgenden halben Stunde versuche ich Monty mit der Geduldigkeit einer Schnecke, die einen Marathon zu absolvieren hat, in die Geheimnisse der mathematischen Logik einzuführen. Eher kann ich den blinden Schachspieler wieder sehen lassen oder auf dem Meer laufen, als diesem Dummkopf zu einer Erweiterung seines Horizonts zu verhelfen. Was ich auch sage, und wie ich es auch anstelle, Leo sieht mich an, als will ich ihm ernsthaft einreden, dass man vom Boxen blöde werden kann oder dass die Erde keine Scheibe ist. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob er weiß, welcher Planet sich um welchen dreht. Was mich aber immer wieder beunruhigt, ist der Blick, den ich auch aus dem Ring kenne. Und für den Moment habe ich nicht das Gefühl, dass ich eine gute Deckung hätte.
»Gut. Das wars für heute«, sage ich völlig entnervt und packte meine Sachen zusammen.
»Schöne Scheiße, sage ich dir«, fasst Leo seine wichtigsten Erkenntnisse der ersten Nachhilfestunde überraschend zutreffend zusammen.
»Nächste Woche wieder?«, frage ich in der Hoffnung, dass einem von uns beiden etwas zustoßen wird oder das gesamte Weltsystem zusammenbricht.
»Echt, schon wieder? Scheiße, Mann! Bock hab ich zwar nicht, aber du kannst ja mal kommen.« Er schaut zum Fenster raus und ich überlege, ob ich ihn unterbrechen sollte oder nicht. Ich habe Angst, dass er für einen Moment mental in sich geht und das von mir Gehörte gerade erst verarbeitet, gewissermaßen einen Datentransfer in seinem Hirn herstellt. Vielleicht sollte ich ihn besser nicht stören.
»Wenn das jetzt dauernd so ist, sehen wir uns beim Training und dann immer noch bei mir. Und wenn du mir hier zu sehr auf den Sender gehst, haue ich dir beim Training einfach eine rein, cool!«
Ich schaue Leo entsetzt an und sage: »Das meinst du jetzt aber nicht ernst, oder? Schließlich mache ich das hier auch nicht freiwillig. Ich habe genügend andere Sorgen und Besseres zu tun, glaub mir.«
»Hast du eine Freundin?«
Warum sollte ich mit Leo über so etwas reden? Hat er, bloß weil er mein Nachhilfeschüler und Sparringspartner ist, Anspruch auf diese vertraulichen Informationen? Sollte ich mich gerade mit ihm auf diese intime Stufe begeben, wo er Anstieg und Kurvendiskussion maximal eine sexuelle Komponente beimisst? Ach, ist doch egal, was er denkt, wenn er es überhaupt tut.
»Nein, habe ich nicht«, sage ich deshalb ganz ehrlich.
Leo schaut mich an und legt dabei seine Stirn in Falten. Seine Augen sind zusammengekniffen und kalt. Fast wie beim Sparring.
»Du bist komisch«, sagt er endlich, »Jeder Kerl von uns will eine Freundin haben und tut alles dafür, dass er mal einen Stich bekommt. Aber du«, er kratzt sich ausgiebig zwischen seinen Beinen und ich hoffe, dass das nichts mit mir zu tun hat, »machst gar nichts. Ab und zu sieht man dich mit Miss Bildung abhängen, aber das kann nicht dein Ernst sein, oder?«
»Wir haben denselben Schulweg!«, insistiere ich forsch.
»Und du willst gar nichts von ihr, das glaube ich dir nicht.«
Wenn ich es recht bedenke, kann es schon sein, dass ich etwas von Frauke wollen würde, wenn sie denn auf einem Bordstein stünde und mich dazu befragte. Nur müsste sie eben den ersten Schritt machen, doch das tat sie bisher nicht. Deshalb transformiere ich meinen bisher schrecklichsten Gedanken gerade vor Leo in hörbare Worte.
»Ich glaube, dass sie koitophob ist.«
Leo schaut mich an, als wäre ich gerade einem Raumschiff entstiegen. Er hebt seinen rechten Arm und zeigt ganz vorsichtig mit dem Zeigefinger auf mich. Ich kann deutlich das Schwarze unter seinem Fingernagel sehen. Dann sagt er leise: »Dein Problem ist dein Kopf. Du denkst zuviel nach. Du solltest dich eher hier«, dabei greift er sich wieder kräftig in den Schritt, »verbessern, damit du mal einen Stich landest. Vielleicht will sie einfach nur nicht ficken.«
»Sag ich doch, koitophob!«
Leo winkt ab:
»Wie auch immer. Du schaffst es auch noch. Sind wir eigentlich fertig? Ich muss los.«

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