Monty IX

Auf mein Klingeln öffnet mir Leos Mutter. Sie sieht mich mit der Geringschätzung an, mit der sie auch einen Zeugen Jehovas bedenken würde, und winkt mich mit einer lässigen Handbewegung in die Wohnung.
»Komm rein! Leo ist in seinem Zimmer. Hinten rechts.«
»Guten Tag und vielen Dank!« antworte ich, wie ich es beigebracht bekommen hatte, halte es aber für reichlich unangebracht. Leos Mutter ist eine gutaussehende Frau, sicher, doch sie ist auch ein Stück weit verloddert und man sieht ihr die verlorenen Träume und Männer der letzten zehn Jahre an. Als ich meinem Vater kurz vor meiner Abfahrt von meiner neuen Freizeitbeschäftigung erzählte, schnalzte er mit der Zunge, sah sich um, ob Mutter uns nicht beobachtete oder belauschte, und sagte: »Frau Selder ist ein heißer Feger. Nimm dich vor ihr in acht!« Dabei zwinkerte er mit seinem linken Auge, zog die Augenbraue nach oben und noch bevor er seine Zigarette wieder in seinen Mund steckte, zeigte er mir seine flatternde Zunge und grinste verschwörerisch. Nun stehe ich vor Frau Selder, bestaune ihre enorme Anatomie und freue mich einen langen Augenblick aufs Großsein.
Sie mustert mich von oben bis unten und zurück und sagt: »So sehen also die Schlauberger von heute aus. Hm. Aber aufs Aussehen kommt es ja nicht an. Hauptsache, du hast was in der Birne. Darfst sie dir dann aber nicht mehr so zermatschen lassen!«, sagt sie, auf meinen Kopf zeigend.
Sie verschwindet im Zimmer zur Linken und schlägt die Tür zu, noch bevor ich sehen kann, wohin sie sich verzogen hat. Langsam gehe ich den Korridor nach hinten und klopfe an die Tür mit der Aufschrift »Betreten verboten!«
Leo öffnet mir, sichtbar verschwitzt und mit einem Gesichtsausdruck gerade erworbener Geistesschwäche. »Willst ’n du?«
»Wir hatten uns für heute wegen der Nachhilfestunde verabredet«, sage ich vorsichtig und bereue im selben Moment, für das Wohl eines Mitmenschen eingetreten zu sein. Ich habe das schwer zu verleugnende Gefühl, dass jede Stadt ihren Deppen verdient.
»Echt?« grunzt Leo, kratzt sich betont ausdauernd zwischen den Beinen, als suche er dort nach dem Heiligen Gral und ergänzt mit dem ihm eigenen Esprit: »Schöne Scheiße!«
Leo sieht für eine halbe Ewigkeit in den Korridor, als wollte er feststellen, ob jemand uns beobachtet, oder der Messias im Anmarsch ist und schiebt mich dann hastig in sein Zimmer. Dieses ist knapp zwei Meter breit und fünf Meter lang und besteht im Wesentlichen nur aus einer Matratze. Davor liegen ein paar Hanteln, die Leo wieder in die Hände nimmt, nachdem wir eingetreten sind und schließlich liegen verstreut in allen Richtungen ein paar Bücher und Hefte mit offensichtlich jugendgefährdendem Inhalt herum. Eine P.M. oder eine Geolino kann ich jedenfalls nicht ausmachen.
»Was glotzt du so?« fragt Leo.
»Cooles Bett. Cooles Zimmer. Überhaupt so«, sage ich und wundere mich über den Verlust meiner Muttersprache. Leo kann unmöglich in der Schule besser werden, wenn selbst mir als seiner Nachhilfe große Teile meines Wortschatzes in seiner Bude flöten gehen. Inzwischen hebt und senkt er eine Hantel und bläst die Backen auf. Auf seiner Stirn glänzt Schweiß und in der Luft kämpfen Ausdünstungen aller Art um die Vorherrschaft.
»Hm«, meldet sich Leo zu Wort, »die Weiber fahren auch total drauf ab.« Ich sehe mir Leo an, lasse meinen Blick durch sein Zimmer gleiten und bleibe an einem undefinierbaren Fleck auf seinem Laken hängen.
»Und was ist nun mit Mathe?«, höre ich mich zaghaft fragen.
»Muss das sein? Muss mein Training machen, sonst schimpft der Trainer wieder. Du weißt doch, dass ich bei der Meisterschaft richtig reinhauen will. Warst übrigens gestern nicht schlecht, ehrlich!«
»Danke«, sage ich und obwohl er wirklich ein Schwachkopf ist, freue ich mich über ein Lob aus seinem Mund. Trotzdem überkommt mich ein Gefühl des Zweifels. Denn obwohl ich einer der Besten in der Klasse bin und Leo dagegen nur über rudimentäre Kenntnisse des Schulstoffs verfügt, haut er mich auf die Bretter, hat bereits einen beachtlichen Bartwuchs und weitreichende Erfahrungen mit Frauen. Ich frage mich deshalb, ob es nicht sinnvoller ist, die Zeit nicht beim Schachspiel, Lernen oder sonstiger geistiger Zerstreuung zu vergeuden. Statt dessen scheint es lukrativer, das Leben in all seinen Facetten zu studieren. Leo jedenfalls hat zwischenmenschliche Erfahrungen wie ein Achtzehnjähriger. Etwas neidisch schaue ich auf ihn, wie er seine Hanteln bewegt. In wenigen Monaten wird er Deutscher Meister in seiner Altersklasse sein und in diesen stinkenden Käfig eine Neue bringen, die er auf der bis dahin noch immer nicht gereinigten Matratze flachlegt. Ich dagegen werde weiter auf das Einsetzen meines Bartwuchses und anderer körperlicher Veränderungen warten. Doch bis es so weit ist, habe ich diese Aufgabe zu erfüllen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s