Monty VIII

Frau Hakenberg steht in der nächsten Stunde vor uns und hält unsere Leistungstests aus der letzten Woche in ihren Händen. Sie ist eine alte und resolute Lehrerin, die im Zweifel mindestens zwei Diktaturen hinter sich hat. Mit uns wird sie deshalb locker fertig und man sagt, dass sie in einem Jahr in Rente gehen wird und es dann Zeit für eine junge Nachwuchslehrerin wird. Wegen mir könnte sie noch ein paar Jahre dranhängen. Zwar läuft sie leicht gebeugt nach vorn und ihr grauer Dutt zeugt von einem Modeverständnis älterer Art, doch trotzdem mag ich sie, weil sie mir Mathematik nahebringt, wie es ganz bestimmt nicht jede kann. Würde ich allerdings eine Umfrage in meiner Klasse machen, dann stünde wohl »alter Drache« relativ weit oben in der Beschreibung ihrer Wesensart.
»Wisst ihr, ich habe eine sehr gesunde Einstellung zu meiner eigenen Leistung. Wenn es also nur schlechte Noten gäbe, würde ich sogar einen Gedanken dahingehend verschwenden, dass ich daran schuld sein könnte. Das muss ich aber nicht, weil es Menschen in dieser Klasse gibt, die das verstehen, was ich euch erzähle.«
Sie läuft festen Schrittes durch den Raum und lässt ihre Worte lange nachklingen. Ich schaue nach unten auf die Tischplatte und denke bei mir, dass Frau Hakenberg maximal verärgert ist. Manchmal kann sie locker sein, aber wenn wir sie enttäuscht haben, dann ist sie richtig mies drauf.
»Wenn wir also in unserem, im Grunde sehr einfachen Mathe-Test zwei Einsen haben, dann ist es fraglos möglich, alles richtig zu haben.«
Wieder zehn Schritte und eine ebenso lange Pause.
»Warum es dann Schüler gibt, die eine so schlechte Sechs schreiben, dass es schon eine Sieben sein müsste, ist mir schleierhaft.«
Sie bleibt vor Leo stehen. »Lieber Leo, wenn das weiter so geht, sehe ich schwarz für dich. Schwarz heißt hier: Versetzungsgefahr! Mir ist auch völlig egal, wie gut du in deinem Sport bist! Wenn es nicht besser wird, kommst du so lange zur Nachhilfe am Nachmittag, bis es endlich klappt!«
Leo schaut sie an und ich bin mir nicht sicher, ob er gerade verstanden hat, dass er einer der Sechser ist. Frau Hakenberg bringt aber gleich eine völlig überraschende und inakzeptable Lösung ins Spiel: »Vielleicht helfen dir unsere beiden Einser, Frauke und Monty weiter. Was haltet ihr beiden davon, Leo Nachhilfe zu geben?«
»Gar nichts!«, entfährt es Frauke sofort, »Leo ist ein Macho und ich habe Angst davor, zu ihm nach Hause zu gehen. Meine Eltern lassen ihn auch nicht in unser Haus und in der Schule bin ich schon genug. Es scheidet also alles aus. Nicht, dass ich mich rausreden will, aber ich glaube, dass Monty die bessere Wahl ist. Außerdem lernen sie dann voneinander. Leo wird besser in Mathe und in Zukunft sieht Monty vielleicht nicht mehr so zerstört aus wie heute.«
Frauke beendet ihren Stakkato-Vortrag. Nun schauen alle zu mir und feixen. Auch Frau Hakenberg nimmt Notiz von mir. Sie schaut über ihre Lesebrille und fixiert mich blinzelnd. Sie sollte sich noch eine Brille für die Ferne besorgen. »Monty! Was ist dir denn zugestoßen?«
»Ich war gestern beim Boxtraining.«
»Nach Punkten war es sicher eine Niederlage, oder?«, fragt Frau Hakenberg, die mir jetzt nicht mehr so sympathisch ist wie früher.
Das Lachen meiner Mitschüler wird leiser und sie fragt: »Wäre es für dich denkbar, Leo zu helfen?«
Mir wird warm und in meiner Körpermitte ziehen sich alle Organe zusammen, als hätte Leo mit einem kräftigen Schlag draufgehauen. Frau Hakenberg sagt noch etwas darüber, dass es nicht schaden könne, wenn dem Leo eine solide Wissensbasis mit auf den Weg in den Profisport gegeben wird. Und, wer weiß das schon, vielleicht wird Leo als Weltmeister nach dem Zählen seiner Einnahmen seinem Privatlehrer Monty eine SMS schicken und ihm danken, dass er ihm damals so geholfen hat.
Alle Augenpaare ruhen auf mir. Sogar Leos und ich weiß nicht so recht, ob er flehend schaut oder drohend. Ich sehe ihn wie Rocky Balboa nach dem Sieg im Weltmeisterschaftskampf mit geschwollenem Gesicht im Ring umhertaumeln. Er weiß nicht, wo ich bin, doch er fühlt mich. Wir sind mindestens mathematisch verbunden. Er reißt seinen Weltmeistergürtel nach oben und brüllt: »Monty, ich hab’s geschafft!« Dann torkelt er zu einer Ecke des Rings, stellt sich auf Seile, zeigt seine Muskeln und schreit: »Monty, was habe ich dir gesagt? K.O. in der achten Runde und die Summe aller Runden ist 36!« Mann, das wird ein Fest!
»Monty? Na, was sagst du?« Frau Hakenberg steht nun direkt vor mir.
»Willst du nicht so nett sein und Leo helfen? Er wird es sicher zu schätzen wissen, wenn du ihm Nachhilfeunterricht gibst.«
Dann bricht es aus den anderen heraus:
»Genau!«
»Ja, Monty ist Richtige!«
»Wenn das einer kann, dann nur Monty!«
So höre ich die Stimmen meiner fiesen Mitschüler durcheinander. Ich fühle mich in die Ecke gedrängt. An den Seilen stehend, schlagen alle auf mich ein. Und Leo ist mittendrin. Wenn ich ihn fragen würde, was ein Abakus ist, würde er glauben, ich zaubere mit diesem Wort ein Kaninchen aus einem Hut. Trotzdem wirkt die Situation bedrückend. Meine Rettung ist weder ein Abrakadabra, noch der Gong, sondern ein deutliches »Ja!«.
Alle freuen sich. Alle, bis auf Leo und den Idioten, der gerade »ja« gesagt hat. Und so muss ich Leo nun jeden verdammten Dienstag und Donnerstag helfen. Ich bin sechszehn Jahre alt und habe andere Sorgen! Ich habe gegen einen Blinden im Schach verloren. Meine Eltern sind Monty-Python-Junkies, die ich zwar nicht eintauschen möchte, die aber gehörig einen an der Pfanne haben. Nur ein einziges Mädchen hat bislang ein Auge auf mich geworfen und die ist behindert. Nein, das ist sie natürlich nicht. Sie ist eingeschränkt. Und Emma? Nun habe ich noch weniger Zeit für sie oder aber die Zeit, die ich damit verbringen könnte, ihr näher zu kommen. Vielleicht wird sie gar nicht auf mich warten. Und das Klassentreffen in zwanzig Jahren sagt sie ab, weil ihr fünftes Kind vom dritten Mann Angina hat. Das Leben ist ungerecht. Und ob Leo die Sache begreift, steht in den Sternen. Was aber dem Ganzen die Krone aufsetzt: Heute ist Dienstag!

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