Männerschmerzen

Es gibt Zeiten im Leben, da glauben wir an die Unsterblichkeit. Nichts scheint ferner als Gebrechen, Golfspielen und Tod. Die Welt ist ein wunderbares Universum voller Wünsche, Träume und Möglichkeiten. Das muss so bis Ende Zwanzig sei. Es ist alles noch machbar, Enttäuschungen und Resignationen scheinen fern. Der Körper funktioniert tadellos und die Geistesleistung ist im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten ausgeschöpft.
Doch dann, ganz schleichend ab Anfang Dreißig, beginnt der Verfall. Es zwickt beim Aufstehen, es kneift beim Zubettgehen und zwischendurch rumort es dann und wann. Der Exodus der eigenen Unsterblichkeit ist spätestens dann eingetreten, wenn MANN zum Arzt muss. Also nicht zum Zahnarzt, zum HNO oder zum Orthopäden. Nicht, weil es eine Sportverletzung zu behandeln gilt. Nein, weil MANN zum Arzt für Männer muss. Das ist der Anfang vom Ende.
Für Frauen mag dies unverständlich sein, weil sie ihren Frauenarzt in noch zu ertragender Regelmäßigkeit beehren und sie diesem zudem gestatten, Hand an und in ihr Allerheiligstes zu legen. Ganz zu schweigen von diesen bestialischen Werkzeugen, die er zum fadenscheinigen Vorwand einer gelungenen Untersuchung in sie einführt.
Um es kurz zu machen: Ein Mann geht zum Arzt, wenn er wirklich krank ist. Vorsorge ist etwas für Rentner und Hypochonder. Oder Politiker. Lieber beißen wir uns mannhaft auf die Zähne und verschieben einen Arztbesuch, bis wir schlussendlich gefahren werden müssen. Liegend, ohne Tränen. Aber freiwillig zu einer Vorsorgeuntersuchung? Nein! Ausgeschlossen!
Vorsorge wovor denn? Wir Männer haben grundsätzlich alles im Griff, wozu insbesondere unser Körper und unsere Gesundheit gehören. Wenn dann aber doch dem Drängen der geliebten Partnerin unter den sirenenhaften Versprechungen eines Lebens voller zwischenmenschlicher Verlockungen und allzeit beschwerdefreier Zuwendungen doch nicht mehr nachgegeben werden kann, lässt sich ein Arztbesuch nicht mehr vermeiden.
Es ist zwar etwas, das in der Entwürdigung irgendwo zwischen einem gewonnenen Ticket für ein Tokio-Hotel-Konzert und dem Wiederanziehen der eigenen Jugendweiheklamotten liegt, aber für unsere Frauen machen wir auch das.
Natürlich schieben wir die Sache erfolgreich auf. Doch unsere Versuche, dies zu tun, sind zu offensichtlich, als dass unsere Frauen nicht darauf kommen würden. Darum präsentieren sie uns einen für uns vereinbarten Termin. Der Tag rückt näher und das einzige, was wirklich hilft, diese Gewissheit zu ertragen, ist die wunderbare männliche Erfindung des Vergessens. Deshalb sind wir auch wie vom Donner gerührt, wenn an einem schicksalsträchtigen Tag der Vorsorgetermin völlig überraschend dick, fett und rot im Kalender steht. Dabei stehen nicht nur die Uhrzeit und der Name des Arztes dort. Hinter, unter und zwischen den Zeilen stehen die Erwartung und Enttäuschung der Frau ebenso wie Drohung und die Gewissheit, wer hier eigentlich die Hosen anhat.
Im Wartezimmer sitzen nur alte Herren und zum Glück ist dort kein, wenn auch nur entfernter Bekannter, mit dem man ins Gespräch kommen müsste. Worüber würden zwei eigentlich noch im Saft stehende Vorsorgeuntersucher auch miteinander sprechen?
»Was machst du denn hier?«
»Ach, öhm, ich habe da vom letzten Fußballspiel einen leichten Blasenanriss. Nichts wirklich Schlimmes. Es geht von den Schmerzen her, aber ich wollt halt mal danach schauen lassen. Und du?«
»Ich will mich über Penisverkleinerungen informieren. Nur, damit ich im Bilde bin. Wegen der Kosten und so.« Männergespräche eben.
Es ist schön, wenn es niemand erfährt. Doch zum Glück ist niemand da, der wirklich fragen könnte. Ganz unbehelligt von irgendwelchen Nachfragen wird das Wartezimmer trotzdem zum Vorsaal des Hades und dann ist es soweit. Die Untersuchung.
Statistiker haben herausgefunden, dass von den Männern zwischen 31 und 45 nur jeder fünfte zu Vorsorgeuntersuchungen geht. Jeder, der die Schwelle vom Warte- zum Untersuchungszimmer überschritten hat, fragt sich, warum er nicht einer von den anderen Vieren ist. Einer von den Helden, die zu Hause warten und jedes Anzeichen von Älterwerden bis hin zum Tod mannhaft ignorieren. Stattdessen ergreift ein seltsam vertrauensselig schwadronierender Arzt die Initiative und bietet sich an, aus reinen Vorsorgegesichtspunkten sakrosankte Teile des männlichen Körpers zu ertasten. Allerdings aus einer Richtung, die zunächst gar nicht logisch erscheint. Vielmehr nimmt alles die Dimension einer Hinrichtung an. Während sich der ängstliche Patient sorgenvoll nach vorn beugt, und sich dafür ohrfeigen könnte, dem Drängen der gesunden Partnerin nachgegeben zu haben, hört er hinter sich das klinische Geräusch von Einmalhandschuhen, die über geübte Finger gestülpt werden. Wenn er wieder zu Hause ist, wird er seiner Partnerin zeigen, wer die Hosen anhat!
Schon beginnt die absolute Entwürdigung. Es ziemt sich an dieser Stelle nicht, über eventuell auftretende Begleiterscheinungen fremdkörperverursachter Berührungen im tiefsten Inneren zu plaudern. Es sollte nur jeder Mann sofort den Behandlungsraum verlassen, wenn er, vornüber gebückt, die Untersuchung stolz erduldet, neben ihm aber erst der linke und dann der rechte Arm des Arztes erscheinen, ohne dass die Untersuchung vorsorgetechnischer Art spürbar unterbrochen wurde.

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