Monty VII

»Hallo Monty, was hat man dir denn angetan?«, fragt sie schon von weitem. »Du gehst doch nicht wirklich zum Boxen? Das ist ein Sport für Dummköpfe wie Leo, aber doch nichts für dich!«
Typisch Frauke. Superschlau in der Schule, aber keine Ahnung, was für das Leben wichtig ist. Glaubt sie wirklich, dass es auch nur eine Frau kratzt, wie toll ich in Mathe bin? Und gibt es eine, die ausreichend Mitleid mit mir hat, weil ich gegen einen Blinden im Schach verloren habe? Vor allem: Will ich Mitleid? Will ich eine, die auf mich abfährt, weil ich gut in der Schule bin und gegen optisch Benachteiligte beim Schachspiel verliere? Welche Mädchen ziehe ich damit an? Wohl nur solche wie Frauke. Und Frauen wie Frauke will keiner. Sicher, obwohl sie keine Schönheit ist, respektieren wir sie. So, wie sie ist. Und weil niemand auf dieser Welt perfekt ist, hat auch sie einen Nachteil, der zudem ein großer ist. Ihr rechtes Bein nämlich ist etwa drei Zentimeter kürzer als das linke. Zumindest hat sie mir das einmal im Vertrauen erzählt. Ich glaube, dass es mehr Zentimeter sind, aber ich will sie nicht verärgern. Außerdem bin ich manchen Tag ganz froh darüber, dass wir gemeinsam zur Schule gehen. Dann bin ich nicht immer allein. Auch wenn mit ihrem Humpeln länger braucht als ich. Ein paar aus unserer Klasse rufen sie nur noch bei ihrem Spitznamen, der durchaus die Achtung vor ihren geistigen Fähigkeiten widerspiegelt. Aber eben auch ihre Behinderung dokumentiert. Ich glaube, dass es Leo war, der sie als erster »Miss Bildung« nannte. Nur sprach er es so schnell aus, dass zunächst niemand erkannte, dass Leo tatsächlich witzig mit Sprache umgehen konnte. Erst auf Nachfragen und einen ausgeschlagenen Zahn später (es traf Alex, unseren Klassen-Nerd) deklamierte er ganz langsam: »Mann, ihr Penner! Miss … Bildung! Sie ist einfach schlau, oder nicht?«
»Guten Morgen Frauke! Boxen ist nicht nur was für Dummköpfe, glaub mir. Und außerdem habe ich Leo gestern ganz schön zugesetzt.«
Sie legt ihren Kopf zur Seite und ich weiß, dass das nur so wirkt, weil sie einfach dasteht. In Momenten wie diesem glaube ich, dass sie gar nicht so schlecht aussieht, die Frauke. Aber dann kommen solche Ideen in meinen Kopf wie: Monty & Frauke Hannich haben sich heute das Ja-Wort gegeben. Furchtbar! Ich sollte Norman um seine Meinung fragen, vielleicht kann er mir einen sinnvollen Rat geben.
»Ich weiß nicht«, sagt Frauke, »gesund siehst du jedenfalls nicht aus. Ohne die Beulen und blauen Flecken gefällst du mir besser.« Wenn man es sehen könnte, wäre ich jetzt knallrot im Gesicht.
»Heute Nachmittag gehe ich übrigens wieder zu meiner Oma. Sie will mir wieder eine Geschichte erzählen. Magst du mitkommen?«
Eigentlich würde ich schon mögen, aber andererseits komme ich mir immer ein bisschen kindisch vor, wenn ich mit Frauke vor deren Oma sitze und im Grunde schönen Geschichten zuhöre. Andererseits ist das sowas von abgrundtief unmännlich. Eher ausweichend frage ich:  »Weißt du schon, worum es dieses Mal gehen wird?«
»Nein, sie hat immer eine neue Geschichte auf Lager, die sie sich nur für mich und einmalig ausdenkt. Und für dich auch, wenn du dabei bist.«
»Du solltest sie aufschreiben, sammeln und veröffentlichen, meinst du nicht?«, weiche ich noch viel weiter aus. Mein Papa wäre bestimmt stolz auf mich. Ich weiß, wie man mit Frauen redet.
Frauke bleibt stehen und grinst mich an. Ihr Kopf ist wieder in einer deutlichen Schräge. Ich lege meinen Kopf in die gleiche Richtung und lache sie an.
»Nein, das werde ich nie tun. Ich trage sie lieber in meinem Herzen. Es mag egoistisch sein, aber es sind nur meine Geschichten. Sie gehören mir und denen, mit denen ich sie direkt teilen will.«
Manchmal macht mir Frauke furchtbar Angst.
Wir kommen in der Schule an, alle übersehen mich und meine Verletzungen und schon sind die ersten beiden Stunden vorbei. In der Pause stehe ich allein in einer Ecke und es fällt natürlich noch immer keinem Menschen auf, dass ich heldenhaft meine Beulen zur Schau stelle. Leo hat nicht einmal eine Schramme und läuft wie immer sein Revier auf dem Schulhof ab. Wenn Leo nicht trainiert, baggert er Mädels an. Keine ist vor ihm sicher, nicht einmal Emma. Wobei ich gar nicht darüber nachdenken will, was passiert, sollte er sich Emma nähern. Leo besitzt nicht einmal das Gen, das einen normalen Teenager rechtzeitig vor Enttäuschungen und unbedachten Annäherungsversuchen warnt. Er geht drauf los und ist präsent. Den Rest besorgen Zufall, Glück, Gott, die Dummheit der Weiber und was weiß ich noch. Es gibt zum Glück eine Schwachstelle in Leos Leben, doch die kommt meistens zu spät raus. Zumindest zu spät für die Mädels, die ihm völlig erlegen sind. Leo ist im Grunde doof. Richtig doof. Er mag ein Instinktboxer von außergewöhnlichem Talent sein, aber Algebra hält er mit Sicherheit für eine schlecht schmeckende Arznei. Ich verdrücke gerade mein Pausenbrot, da klingelt es schon wieder.

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