Monty V

»Aaaaa!«
Ich stehe sofort im Bett. Ein markerschütternder Schrei hat mich geweckt. Meine Mutter steht vor mir, die Hände inzwischen vor ihren Mund gepresst, die Augen aufgerissen und das blanke Entsetzen verbreitend. Langsam komme ich zu mir, setze mich und schaue sie an.
»Mama, was ist los?«
»Du fragst, was los ist? Hast du dich mal angeschaut?« Sie schnappt hörbar nach Luft. »Dein linkes Auge ist blitzblau und blutunterlaufen, deine Wangen und deine Stirn sind geschwollen und deine Nase kann es von der Größe her mit einem Gorilla aufnehmen! Und dann fragst du, was los ist? Wahrscheinlich haben sie dir bei der Gelegenheit auch noch das Hirn weich geklopft!«
Ich betaste vorsichtig mein Gesicht. Es fühlt sich größer an als sonst und es schmerzt. Dass es ganz schön doll schmerzt, würde ich natürlich nie zugeben. Deshalb sage ich in beruhigendem Tonfall zu meiner Mutter: »Das hat niemand. Und es geht mir gut, mach dir keine Sorgen. Es tut noch ein kleines bisschen weh, aber morgen sieht das alles schon ganz anders aus, glaube mir.«
Ich schwinge meine Beine aus dem Bett, finde meine Latschen und schleppe mich ins Bad. Nach dem Pinkeln schaue ich blinzelnd in den Spiegel. In Ordnung, ich sehe nicht gerade aus wie der Gewinner eines Boxkampfes. Und Werbung für den Sport bin ich auch nicht. Wenn ich mit der Visage aber aufrecht und mit einem Lächeln in die Schule gehe, stelle ich schon was dar. Meine Mutter steht inzwischen hinter mir.
»Wir sollten uns das mit dem Boxen noch einmal überlegen. Warum spielst du nicht weiter Schach? Das ist bei Weitem ungefährlicher.«
Ich bin überhaupt kein Morgenmuffel. Aber gerade verschlechtert sich meine Laune deutlich. Was mir niemand glauben wird, nicht einmal das Jugendgericht bei einer möglichen Entgleisung der Situation, ist, dass es nicht meine, sondern ihre Schuld ist.
»Mama,« herrsche ich sie an, »das mit dem Schach hat sich erledigt. Ein für alle Mal! Das ist mein letztes Wort!«
»Aber warum denn? Du warst doch gut!«
Ich war wirklich gut. Stadtmeister im Schach und im Blitzschach im selben Jahr, Landesmeister der Jugend und in meinem Alter spielte ich schon in der Männermannschaft in der Landesliga. Das ist alles andere als schlecht. Was meine Mutter aber nicht weiß: Ich habe ein ganz entscheidendes Spiel verloren. Ein popeliges Landesligaspiel an Brett drei. Doch mein Gegner war nicht irgendwer. Er war deutscher Meister. Im Blindenschach. Mann, Mutter! Ich habe im Schach gegen einen Blinden verloren! Das ist, als ob du im Boxen gegen jemanden ohne Arme verlierst. Wenn ich gegen einen Blinden nicht gewinnen kann, wie soll mir das gegen Sehende gelingen? Ich war nach dieser Niederlage am Boden zerstört. Klar hatte ich auch einen Riesenrespekt vor meinem Gegner, der sich das komplette Spiel und dessen Entwicklung, den Standort aller Figuren, die nächsten Spielzüge und die gesamte Taktik lediglich in seinem Kopf vorstellte. Man kann so schon etwas übersehen und was machte der? Spielte das Spiel auf einem Nebenbrett mit Blindenschrift auf den Feldern nach und machte mich platt. Das tat viel mehr weh, als die Schwellungen in meinem Gesicht. Und meine Eltern mit ihrer Monty-Python-Veranlagung durften von dieser Sache nie etwas erfahren. Ich kann mir ihre Bemerkungen dazu auch ohne ihre Kommentare aus einigen Folgen der Pythons zusammensuchen.
»Mama, ich war sicher nicht schlecht. Aber ich will auch was für meinen Körper tun. Und außerdem ist Boxen unglaublich cool!«
Sie schaut mich an, legt ihren Kopf zur Seite und wartet. Das kenne ich zur Genüge. Sie wird jetzt wieder anfangen, so eine Familiengeschichte draus zu machen. Sie macht eigentlich aus allem eine Familiengeschichte. Das ist mir auch immer noch lieber, als die Phasen, in denen sie mir Probleme einreden will, über sie ich mit ihr reden sollte. Allerdings habe ich gerade weder ein Problem, noch will ich mir ihr darüber reden. Das heißt, wenn ich eins hätte, will ich als Allerletztes darüber reden und wenn schon, dann nicht mit meiner Mutter. Allenfalls Norman müsste sich mein Leid anhören. Er hat ja auch das meiste Verständnis für mich. Wir kennen uns halt schon ewig.
»So etwas tust du mir also an! Glaubst du nicht, dass ich es verdient hätte, anders von dir behandelt zu werden? Monty, ich habe dich unter Schmerzen geboren! Ich habe deinem Vater fast die Hand zerquetscht und hätte es auch getan, wenn der nicht ohnmächtig geworden wäre! Das haben wir alles für dich getan! Und was machst du? Setzt deine Gesundheit, deinen Grips und dein Leben aufs Spiel, weil etwas cool ist!«
Mit einem bedeutungsschwangeren Blick lässt sie mich stehen und ich schaue wieder in den Spiegel. Ich lächle mich an. Sieht ausnehmend bescheuert aus, weil nicht ein Muskel reagiert wie üblich. Und nun soll ich also zum Frühstück mit meinen Eltern gehen. Toll! Aber wie hieß es so schön bei »Das Leben des Brian«: Lass uns zur Steinigung gehen! Obwohl bei mir der Dialog besser passt:
»Habe ich eigentlich eine große Nase, Mama?«
»Hör endlich auf, immer nur an Sex zu denken!«
Ich spritze mir etwas Wasser ins Gesicht, trockne mich ab und gehe aus dem Bad in die Küche. Dort sitzen meine Eltern. Das Tribunal meiner Steinigung. Vorwurf: Verfall der Sitten, Hirnverlust, Sohn wird zum schlagenden Asi.

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