Monty IV

»Klar, Trainer. Ich bin gleich wieder soweit. Meine Linke hing zu weit unten. Das hat Monty gut gemacht.«
Schau an, der Leo! Ein Lob aus seinem Munde! Wenn das nichts ist. Er steht auf, lässt sich vom Trainer die Handschuhe sauber machen und dann geht es weiter. Natürlich bleibt dieser Treffer in der Folge nicht ungesühnt. Leo hämmert auf mich ein, als wäre ich ein Sandsack. Ich habe es einzig meiner Deckung und den Gesetzen der Physik zu verdanken, dass ich nicht wie ein Stück Hackfleisch aussehe. Nach fünf Runden bin ich fix und fertig und auch Leo holt tief Luft.
»Danke, Mann«, sagt er, während er seine Handschuhe auszieht, »das war noch mal richtig gut zum Auskotzen.«
›Toll, Leo, lass mich deine Tüte sein!‹, denke ich mir und nehme seinen Dank, so es denn einer war, wortlos entgegen. Ich streife mir den Kopfschutz ab, ziehe die Handschuhe aus und wickle meine Bandagen von meinen Händen. Alles riecht furchtbar nach Schweiß und ich kann schon jetzt den Muskelkater des nächsten Tages spüren. Mein Trainer verabschiedet Leo zum Duschen und gibt ihm noch ein paar Worte mit auf den Weg, was er noch besser machen könnte. Dann kommt er zu mir und setzt sich neben mich.
»Das war deine beste Trainingsleistung bisher, weißt du das?« Er klopft mir mit einer Hand auf die Schulter. Das tut gut. »Wenn du noch ein paar Wochen so weiter machst, kannst du bald deinen ersten Kampf machen.«
Ich boxe erst seit etwa einem Jahr. Natürlich habe ich zwischen ein paar Monty-Python-Folgen auch einmal Rocky gesehen. Aber das war nicht der Grund. Mich faszinierte die Athletik und dass man beim Boxen Kraft, Schnelligkeit und Ausdauer gleichermaßen trainiert. Von mir aus hätte es auch beim Trainieren bleiben können. Machen wir uns nichts vor, beim Sparring im Ring zu stehen, ist etwas anderes, als auf einen Sandsack einzuschlagen. Der schlägt nämlich nicht zurück. Wenn Leo aber eine volle Viertelstunde seine Fäuste fliegen lässt, dann bleiben trotz guter Doppeldeckung ein blaues Auge, geschwollene Augenbrauen und eine dicke Nase zurück. Doch wenn der Schmerz dann vorbei ist, wandelt er sich in Zufriedenheit und Stolz. Möglicherweise liegt uns die Sache mit dem Kampf Mann gegen Mann doch ein bisschen mehr im Blut, als wir es wahr haben wollen. Auf jeden Fall bin ich sehr zufrieden mit mir und ja, so langsam wird es Zeit für meinen ersten richtigen Kampf.
»Hey, Monty, was meinst du? Willst du bei den nächsten Meisterschaften mitmachen?«
»Ja klar! Auf jeden Fall.«
»Schön. Ich glaube, dass du das richtig gut machen wirst.« Entweder ist der Trainer ein richtig guter Lügner oder er glaubt wirklich an mich. Ich entscheide mich für die zweite Variante und gehe duschen. Unter der Dusche merke ich schon, wie mir jeder Muskel brennt. Die Tropfen, die auf mein Gesicht schlagen, treffen in jedem Fall eine wunde Stelle. Ich traue mir kaum, meinen Kopf mit meinen Händen zu berühren. Abgesehen davon bekomme ich die auch nicht mehr so gut hoch. Endlich bin ich fertig, greife zu meinem Handtuch und trockne mich ab. Unsere Duschräume haben den Charme der späten 70er beibehalten. Die Fliesen sind blassblau und die ehemals weißen Fugen sind längst grau, wenn nicht von Schimmelablagerungen schwarz. Wir sollen deshalb nie ohne Badelatschen zum Duschen gehen. Ich schaue auf meine Füße. Mindestens einen Teil meiner Duschausrüstung vergesse ich immer. Wenigstens habe ich heute ein Handtuch und Duschgel dabei.
Mit meinem Fahrrad fahre ich nach Hause und habe dabei das Gefühl, dass sogar der Fahrtwind auf meinem Gesicht schmerzt. Meine Eltern haben beide Spätschicht, sodass ich sie heute nicht sehen werde. Die Treppen hinauf zu unserer Wohnung im vierten Stock fallen mir noch schwerer als die Viertelstunde Fahrt und endlich bin ich wieder zu Hause. Eine Scheibe Vollkornbrot liegt in einem Weidenkorb bereit, dazu ein Zettel mit dem Hinweis, dass ich alles andere im Kühlschrank finde. Vollkornbrot! Mann, Emma, könntest du doch jetzt nur hier sein und meine Wunden lecken! Ich würde dir glatt etwas von meinem Brot abgeben. So gut es meine Gesichtsmuskeln zulassen, kaue ich mein Abendessen und denke dabei noch einmal an mein Sparring zurück. Der Trainer hatte recht. Das war wirklich gut, auch wenn ich natürlich nach Punkten gegen Leo verloren hätte. Aber ich sah gut aus und schon in ein paar Wochen oder Monaten hätte ich eine Chance gegen ihn. Nach dem Essen putze ich mir die Zähne und lege mich ins Bett. Ich presse mir einen Kühlakku aufs Gesicht und kuschele mich an meinen Teddy.
Manchmal sagt mir Norman, dass er glaubt, dass ich zu alt für ihn sei. Ich drücke ihn dann noch mehr an mich und versichere ihm, dass wir ewig zusammenbleiben werden. Natürlich sage ich niemanden, dass ich mit meinem Teddy rede. Obwohl er ja meistens anfängt. Manchmal lässt er mich nicht schlafen, weil er sich unbedingt noch ein Problem von mir anhören will. Es nervt ihn, wenn ich dauernd von Emma erzähle. Und er besteht darauf, dass ich ihn umdrehe, wenn ich ganz zärtlich zu mir selbst bin. An dieser Stelle unserer Beziehung finde ich etwas genierlich. Ich meine, wir entwickeln uns schließlich alle weiter und was kann ich dafür, dass Norman es nicht tut?
»Tut es sehr weh?«, fragt er mich besorgt und legt seine weiche Tatze auf meine Wange.
»Ja, schon. Aber er hat auch ganz schön eingesteckt, glaub mir. Beim nächsten Mal nagele ich ihn in der Ecke fest und lass ihn nicht raus.«
»Ich weiß. Eines Tages wirst du ihn besiegen.«
»Ja, Norman, das werde ich. Nun sollten wir versuchen, ein bisschen zu schlafen. Bevor Mama uns weckt.«
Nicht immer muss Norman etwas sagen. Es reicht schon, wenn er bei mir ist und ich seine Tatze halten kann.

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