Monty III

»Wir machen noch fünf Runden zu je drei Minuten. Also, gebt alles, was ihr habt, Jungs!«, ruft unser Trainer.
Ich klettere in den Ring. Der Trainer kommt auf mich zu, ich stecke meinen Zahnschutz in den Mund und er setzt mir den Kopfschutz auf, den Jan vorhin getragen hat. Mein Kopf flutscht hinein wie in einen nassen Handschuh. Kann ich da Blut riechen? Der Geruch nach Angst und Schweiß, in Ordnung. Aber ist das wirklich Blut? Leo steht in seiner Ecke und tänzelt von einem Bein auf das andere. Er schüttelt seine Arme aus und pendelt mit seinem Oberkörper hin und her. Mit seinem Gewicht von siebzig Kilogramm auf knapp einssiebzig ist er ein sehr kompakter, aber athletischer Typ, der seine Kraft explodieren lassen kann. Die Beweglichkeit in den Hüften und sein gutes Auge kommen noch hinzu. Die Deckung ist noch zu verbessern, aber dafür hat er zum einen noch eine Menge Zeit und zum anderen wurde er im Verlauf seiner fünfundvierzig Kämpfe noch nicht so oft gezwungen, seine Deckung zu gebrauchen. Bis auf den einen Kampf gegen Tobias Kammholz, der ihm im letzten Jahr den Weg zur deutschen Meisterschaft versperrte. Ein lupenreiner Leberhaken schickte Leo zu Boden. Seitdem trainierte er noch besessener als zuvor. Er wird es allen zeigen. Im diesjährigen Finale der Südwestdeutschen Meisterschaften traf er wieder auf Kammholz. Er drosch von der ersten Sekunde an auf ihn ein, als wollte er ihm den Frust des gesamten letzten Jahres einverleiben. Tobias war die einzige Zielscheibe, die Leo für seine Verbitterung hatte. Jämmerlich war Kammholz letztes Jahr bei den Deutschen ausgeschieden. Bereits in der Vorrunde musste er die Segel streichen. Aber ihm, Leo, wäre das ganz sicher nicht passiert. Und das musste Kammholz neulich bitter bezahlen.
Nun steht der Löwe mir gegenüber, bereit, mich zu töten. Oder mir zumindest die Gewissheit zu geben, dass es sich so anfühlt. »Zur Kreuzigung links rum. Jeder nur ein Kreuz.« Das Leben des Brian. Diese Komiker können mir manchmal sogar helfen. Es geht aber um das Leben des Monty. Um meins. Also, auf in den Kampf!
Unser Trainer brüllt »Zeit!«, was sowohl für den Beginn als auch als Signal für das Ende einer jeden Einheit steht. Leo könnte gut Werbung als boxendes Duracell-Häschen machen. Er ist größer als ich und dazu noch kräftiger. Warum der Trainer ausgerechnet mich gegen ihn stellt, ist höchst fraglich. Vielleicht soll ich ihm auch nur als kleiner Aperitif dienen, nachdem er sich im Grunde schon voll verausgabt hat. Er kommt auf mich zu und ich stelle mich noch darauf ein, wie ich dieser viel zu schnellen Führhand ausweichen kann und ihn vielleicht unter Bedrängnis bringe. Da erwischt er mich mit einem Jab mitten auf die Nase. Die Tränen schießen mir sofort ins Gesicht. Und noch während ich den Schlag verdaue, erreicht mich aus dem Nichts ein rechter Haken im Bauch. Leo ist verdammt schnell.
›Mann, Monty, jetzt bloß nicht vermöbeln lassen! Finde deine Linie, bleib kompakt in der Deckung und arbeite mit der Linken.‹ In meinem Kopf ist alles klar. Es ist ja eigentlich auch ein einfacher Sport. Meine Fäuste gehorchen mir und ich bringe eine stabile Doppeldeckung zustande, auf die Leo erbarmungslos eintrommelt. Während er dies tut, versiegt meine Atmung wie eine Pfütze in der Serengeti. Ich baue mich derweil gedanklich auf. Leo, was für ein banaler Name! Wie er mich so grimmig anschaut, während er auf mich eindrischt, der Leo. Ich schaue in seine Augen. Die Augen des Löwen. Oder sind es doch die Augen des Tigers? Ist ja am Ende völlig egal. Es sind die Augen eines Kätzchens. Eines kleinen, süßen Wollknäuels mit riesigen, angsterfüllten Augen, für das Sheba ein Fest ist. Ich stelle mir Leo als zitterndes Kätzchen vor, wie es mit weit aufgerissenen Augen vor mir steht und zittert. Fast könnte ich lachen, hätte er nicht in diesem Moment eine Lücke in meiner Deckung gefunden. Doch die Vorstellung seines neuen Äußeren bringt mir wieder Luft und ich schaue durch meine Deckung hindurch, sehe, wie seine Linke etwas zu sehr hängt, und schlage einfach meine rechte Gerade in Richtung seiner Miezekatzenaugen. Wumm! Leo geht zu Boden.
»Zeit!«, schreit der Trainer, »Monty, was soll das? Wir sind im Sparring, nicht im Wettkampf!«
»Aber seine Deckung hing viel zu weit unten«, sage ich, so gut es der Mundschutz zulässt.
»Das spielt doch keine Rolle. Unser Leo muss in drei Wochen nicht nur fit, sondern vor allem gesund sein!«
Na, das ist ja toll! Ich darf mich vermöbeln lassen und wenn unser Kätzchen mal eine Pfote nicht ordentlich vor die Schnurrhaare bekommt, bin ich schuld. Der Trainer beugt sich zu Leo, schaut ihm in die Augen und streicht über seinen Kopf, als läge er im Sterben. »Alles klar, Leo?«

2 Kommentare zu „Monty III“

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