Monty II

Sie trat kurz nach meinem fünfzehnten Geburtstag in mein Leben. Wobei das mit dem Treten nicht stimmt. Sie schwebte vor meine Augen. Und ganz genau genommen hat sie mit meinem Leben gar nichts zu tun. Ich weiß nicht einmal, ob sie weiß, dass ich lebe und dieselbe Luft auf demselben Planeten atme wie sie. Nur ist es eben so, dass mir die Luft wegbleibt, wenn sie nur ein paar Schritte von mir entfernt in den Pausen auf einer Bank sitzt und unglaublich sexy in ein Brot beißt. Handgeschmiert von ihrer Mutter, die wahrscheinlich genauso schön wie sie ist. Saftige Vollkornscheiben, zwischen denen sich hauchdünn geschnittene Putenbrustformschnitten befinden. Aber sie wird wohl auch darauf achten und von Meisterhand fachmännisch gegartes Frischfleisch in ihren Mund führen, von dem sie sich am Ende der Mahlzeit mit ihrer Zunge die letzten Krümel leckt. Emma ist außerirdisch. Unerreichbar schön, sogar beim Essen. Vielleicht verliebt man sich wirklich immer in die, die man nie haben kann. Ich sage mir immer, dass diese unerreichbare Liebe meine erste Prüfung im Leben ist. Wenn ich auf eine stehen würde, die ich jederzeit haben könnte, wäre die Sache doch nur halb so reizvoll. Halb? Nicht mal einen Bruchteil.
Ein paar Jungs haben es im Gegensatz zu mir drauf und kommen in ihre Nähe. Es wird auch gemunkelt, dass sie schon was mit einem Achtzehnjährigen gehabt haben soll. So richtig mit allem Drum und Dran. Ich hätte auch gern was mit ihr gehabt. Sogar ohne die Extras. Einfach nur ihre Nähe genießen, den Duft ihrer blonden Haare einatmen und ganz nah bei ihr stehen, wenn sie lächelt. Oder in ihr Vollkornbrot beißt. Das würde mir schon reichen. Wenn ich dabei die Lachfalten von ihr bestaunen könnte und das Gefühl hätte, ich könnte deren Linien mit meinem Zeigefinder nachzeichnen. Und nicht zuletzt wäre so dicht neben ihr ein Gefühl zwischen uns. Eine unsichtbare Macht, die uns verbindet wie ein chemisches Element, das nur durch unsere Bindung besteht, wie eben Wasser nur mit Wasserstoff und Sauerstoff sein kann. Nur unsere Gemeinsamkeit ergäbe eine lebensfähige Verbindung. Genau dieses Urwissen hätte ich neben ihr und niemand könnte es mir nehmen. Keiner von all den Idioten, die nur auf ihre Brüste schauen, die sicher schon respektable Formen aufweisen. Oder auf ihre umwerfende Figur, mit der sie für eine Eieruhr Modell stehen könnte. Ihren Augenaufschlag hat sie mit Sicherheit nie geübt, das hat sie nicht nötig. Wie eine Bürste in der Autowaschanlage, wenn sie sich das erste Mal in Bewegung setzt, werden ihre unendlich langen Wimpern nach oben geworfen, um ein paar blaue Augen frei zu geben, die jeden Jungen entwaffnen. Auch wenn er nicht einmal ein Messer einstecken hat. Du willst einfach nur sterben, ganz gleich, ob du noch dein ganzes Leben vor dir hast oder nicht. Weil du weißt, dass es sich nicht lohnt, die kommenden fünfzig Jahre nach etwas so Schönem zu suchen. Du hattest es ja schon. Bloß eben nicht für dich.
Emma wird immer meine große Liebe bleiben. Auch wenn ich sie nie bekommen werde. Vielleicht wird sie es beim zwanzigjährigen Klassentreffen bereuen, dass sie sich nicht mit mir abgegeben hat.
›Schau an, der Monty. Ist ein richtig schöner Mann geworden. Das hätte ich gar nicht gedacht. Und Leo ist völlig aus der Form gegangen, der Oberstecher.‹ Und ich werde am anderen Ende der Tafel sitzen, sie mit diesem Blick anschauen, der ihr nur eins sagen kann: Du hättest mich haben können! Und obwohl ich natürlich ganz cool tun werde und lässig an einem Männergetränk nippe, dreht es mir den Magen um, weil ich es nie geschafft habe, sie zu küssen. Sie im Arm zu halten und in genau dem Moment zu blinzeln, wenn ihre Pupillen unter ihren Augenlidern wegklappen und sie sich dem Kuss mit mir hingibt, als würden wir nur für diese paar Sekunden leben. So wird es werden, aber mir wird sie nicht glauben, wenn ich es ihr heute sage.
»Monty!«
Mein Trainer. Ich bin jetzt dran.
»Träum nicht so viel herum, sondern konzentrier dich! Du musst immer voll bei der Sache sein, sonst wird das nichts. Komm in den Ring, Leo hat noch nicht genug und in drei Wochen sind die Meisterschaften.«
Ach ja, die Meisterschaften. Unser Über-Leo muss zu den Meisterschaften und soll dort natürlich absolut fit sein. Er hat vor ein paar Wochen die Landesmeisterschaften gewonnen und wurde letztes Wochenende Südwestdeutscher Meister. Damit ist er für die Deutschen Meisterschaften qualifiziert. Ein absolutes Novum in unserer Kleinstadt. Einer aus unserer Mitte hat es geschafft! Leo kann Deutscher Meister der Jugend werden. Und ganz sicher wird er dasselbe auch noch bei den Junioren und später bei den Senioren schaffen. Danach käme der Weltmeistertitel der Amateure und schließlich wird Leo der erste Profiboxer unserer Stadt. Und Weltmeister der Berufsboxer natürlich auch.

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