Monty I

Neulich spreche ich mit meiner großen Tochter über Literatur. Dabei kommen wir auch auf meine Bücher zu sprechen.
»Papa, darf ich mal ›Ein Mann unter Druck‹ lesen?«
»Erst, wenn du über 16 bist.«
»Warum das denn?«
»Weil es P16 ist.«
»Aber ins Kino darf ich auch schon in P16-Filme, wenn ein Erwachsener dabei ist.«
»Siehst du, da hast du es. Beim Lesen ist ja auch kein Erwachsener dabei.«
»Was darf ich dann lesen? ›Spatzenmuse‹ habe ich schon zwei Mal gelesen. Und eine Fortsetzung gibt es ja noch nicht.«
Ich ignoriere den stillen Vorwurf hinsichtlich meiner Schreibfaulheit und sage: »Lies die Weihnachtsgeschichte!«
»Es ist aber noch nicht Weihnachten.«
»Dann kannst du halt nichts von mir lesen. Gedulde dich einfach. Ich schreibe eine Geschichte nur für dich, die auf deine Altersgruppe zugeschnitten ist.«
»Ehrlich? Nur für mich?«
»Ja, nur für dich.«

So schnell bin ich also in diese Nummer reingeraten. Und nun werde ich, hinter dem Rücken meiner Tochter, in diesem Blog hier eine P14-Geschichte schreiben. Nur für dich, Sophie. Ach ja, für dich, lieber Wilfried Korm, ist sie natürlich auch.

Monty I

Dieses extrovertierte Gehabe fehlt mir völlig. Es geht mir ab, macht mir keinen Spaß, ja es nervt. Die anderen in meiner Gruppe lassen es immer raus, wie sie es nennen. Ich habe schon so oft in den Tiefen meiner Seele gekramt und jedes Mal herausgefunden: Nein, ich bin nicht so! Ich kann mich ganz allein für mich und im Stillen freuen. Das heißt nicht, dass ich diese Freude nicht genießen würde. Wahrscheinlich ist sie sogar viel tiefer und hält länger an. Aber das verstehen diese Idioten sowieso nicht. Insbesondere nicht Leo, der gerade wieder wie sein entfernter Namensgeber herumstolziert, als würde er uns eine Beute präsentieren. Immer wieder schlägt er sich dabei mit den Fäusten vor die Brust und gibt dazu brüllende Laute von sich. Leo ist so ziemlich der Beste in unserer Boxergruppe. Gerade hat er Jan in einem Sparring über vier Runden gezeigt, was er alles drauf hat und Jan eben nicht. Leo hat ganz klar gewonnen, auch wenn kein Kampfrichter eine Wertung abgegeben hat. Sein Gehabe ist mir total peinlich und eigentlich würde ich gern zu Jan gehen und ihn trösten. Nicht wegen der Schläge, die er einstecken musste, sondern wegen des affigen Verhaltens, das Leo an den Tag legt. Es mag ein ganz toller Ausdruck seiner Gefühle sein, über den jeder Therapeut freudig frohlocken würde, dass der gute Leo so schön im Reinen mit sich ist und seine Emotionen wunderbar zeigen kann. Mich kotzt er an. Nehmen wir einmal an, ich hätte den Jan so vermöbelt wie er. Nicht, dass ich auch nur im Entferntesten das Zeug dazu hätte, aber ich denke jetzt einmal daran, dass ich es schaffen könnte. Jan liegt also genauso geplättet in der Ecke wie jetzt und ich registriere, dass ich gegen ihn gewonnen habe. Springe ich herum wie ein Raubtier, johle ich ich wie ein hirnamputiertes Tier auf Drogen? Nein! Ich genieße es ganz für mich im Stillen. Trete vielleicht hinaus an die frische Luft, atme tief ein, spüre in jeden Muskel meines Körpers hinein und genieße einfach nur die Ruhe. So bin ich.
Und ich heiße Monty. Kein Scherz. Was sich meine Eltern dabei gedacht habe, wird wohl immer im schwammigen Nirwana einer hormonell gestörten Schwangerschaft und dem neunmonatigen Alkoholkonsum meines Vaters verborgen bleiben. Sicher, sie waren absolute Monty Python Fans. Aber ist das ein Grund, sein eigenes Kind so zu nennen? Nur gut, dass sie nicht glühende Anhänger der Schwarzwaldklinik oder von Denver und Dallas waren. Obwohl. Denver Hannich ist auch nicht viel schlechter als Monty Hannich. Als ich endlich begriffen hatte, was meine Eltern mir angetan haben, suchte ich nach einem tieferen Sinn in meinem Namen. Nach langem Suchen fand ich einen Hinweis: Monty kommt vor allem im englischen Sprachraum vor und heißt in der übersetzten Bedeutung: Hügel der Macht des Menschen. Das kann ja nur bedeuten, dass der Mensch einen Hügel macht! Und wo machen wir Menschen Hügel? Ja wohl nur auf dem Klo. Soviel also zu meinem Namen. Wenn ich alt genug bin, werde ich meinen Vornamen ändern lassen und danach in eine andere Stadt ziehen, in der mich niemand kennt. Dann wird mein richtiges Leben anfangen. Eins ohne Monty Python und mit echten sozialen Bindungen.
Ich habe es langsam satt. »Wie heißt du?«
»Monty.«
»Wie bitte?«
»M o n t y.«
»Nö, he?«
»Doch. Kein Scherz.«
»Wie Monty Python oder was?
»Nur wie Monty Python, nicht wie was.«
So in etwa laufen meine Namensvorstellungen bei Partys und Wettkämpfen ab. Werde ich dabei in ein Gespräch über die alte Komikertruppe verwickelt, kann ich natürlich mit Fachwissen glänzen, denn ich heiße ja nicht ohne Grund so. Während bei anderen Kindern Märchen-DVDs so lange gespielt wurden, bis der Player glühte, bekam ich mindestens einmal in der Woche einen der Spielfilme zu sehen und zwischendurch wurden reichlich Häppchen durch die Sammler-Edition der Python-Serie gereicht. Manche Sachen fand ich durchaus lustig. Warum sich meine Eltern aber immer wieder scheckig lachen konnten, wenn das Karnickel als Bewacher einer Höhle ein paar Ritter killt, erschloss sich mir nie.
Vielleicht ist die Sache mit meinem Namen aber nur ein böser Traum. Schon morgen werde ich aufwachen als Lukas Hannich. Bei der Gelegenheit werde ich auch stärkere Oberarme und schnellere Beine haben. In einem Sparring werde ich Leo grün und blau schlagen und in einem Anflug von Gehässigkeit werde ich mir mit meinen Fäusten auf die Brust trommeln und Urlaute von mir geben. Das ist ein schöner Traum. Doch ich sollte wohl insgesamt weniger träumen. Dann hätte ich auch nicht solche Probleme mit Emma.

 

3 Kommentare zu „Monty I“

    1. Von wegen! Das dauert sogar noch viel länger als sonst. Monty I heißt ja nicht zum Spaß Monty I, sondern weil es der Beginn einer längeren Fortsetzungsgeschichte ist. Ein Gärtner wird aus heutiger Sicht nicht drin vorkommen, aber ein paar Figuren werden noch folgen. Und für den treuen Lesefreund marioS. poste ich heute eine etwas andere Geschichte. In knapp 15 Minuten wird es soweit sein.

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