Ordnung muss sein!

Es war einer der ersten richtig warmen Tage des Jahres. Die Natur erwachte bereits, die Bäume wurden wieder grün und es roch schon gar nicht mehr nach Frühling, sondern schon ein wenig nach Sommer. Ich hatte den ganzen Morgen über an den letzten Seiten eines Manuskripts gearbeitet, das an diesem Tag auf jeden Fall abgeschickt werden musste, wenn ich noch am Wettbewerb teilnehmen wollte. Und ich hatte mir vorgenommen, dass ich es mit dem Fahrrad zur Post fahren würde, um das tolle Wetter zu genießen. Kurz nach elf schnappte ich mir mein Fahrrad und radelte los. Durch Untermhaus hindurch, vorbei am Naumannplatz und dann bog ich mit einem herrschaftlichen Gefühl in die Orangerie ein, die so menschen- wie der Brunnen wasserleer war. Ich genoss den Fahrtwind und die Sonne auf meinem Gesicht. Alles fühlte sich stimmig an, sodass ich es als gutes Omen für das auf dem Gepäckträger befindliche Manuskript deutete. Möglicherweise würde es mir dieses Mal gelingen, die Jury zu überzeugen, meine Geschichte zu mögen.
Aber vielleicht ist es auch wichtig und notwendig, die Träumer immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück zu holen. Jedenfalls sah ich aus Richtung Theater zwei Polizisten auf Fahrrädern auf mich zukommen und wer glaubt schon daran, dass das Ergebnis eines kreativen Prozesses in dem Briefumschlag hinter mir mit der Präsenz staatlicher, mithin einschränkender Gewalt vereinbar ist?
Doch, zum Glück, hielten sie bei einem jungen Herrn an, mit dem sie ins Gespräch kamen und ich nahm mir vor, schnell und elegant an ihnen vorbei zu fahren, um die negative Energie auf gar keinen Fall in Richtung meines Manuskripts strömen zu lassen. Ich fuhr also froh gestimmt auf das Trio zu. Kurz bevor ich sie passieren wollte, scherte der Fußgänger unter ihnen aus und stellte sich mir in den Weg. Ich bremste, er zückte einen Ausweis und sagte: „Guten Tag, ich bin Argus Auge vom Ordnungsamt. Bleiben Sie bitte stehen.“
Ich tat wie mir geheißen. „Sind Sie aus Gera?“
„Ja“, antwortete ich wahrheitsgemäß, unsicher, ob das schon meine erste Straftat war oder nicht. Die beiden Polizisten waren an ihre Räder gelehnt in ein Gespräch vertieft und bekamen also nichts mit. Glück gehabt, dachte ich.
„Gut“, fuhr Herr Auge vom Ordnungsamt fort, „dann wissen Sie sicher, dass Sie im Bereich der Orangerie nicht Fahrrad fahren dürfen!“ In seine Stimme hatte sich inzwischen ein deutlicher Befehlston eingeschlichen und eine zart knospende, aber schon fordernde Oktave, die eher der SM-Szene zugeschrieben werden konnte.
„Nein, das weiß ich nicht“, sagte ich ehrlich. „Aber es wundert mich, dass die Herren Polizisten hier mit dem Fahrrad fahren dürfen und ich nicht.“
Herr Auge blickte mich missbilligend an und fühlte sich offenkundig bestätigt, den Richtigen angehalten zu haben, denn neben dem unerlaubten Befahren eines zu dieser Zeit völlig menschenleeren Weges schien ich auch noch die Staatsgewalt nicht ausreichend ernst zu nehmen. Ein dicker Brocken also.
„Diese Herren“, hob er die Stimme nun im Stile eines Staatsanwalts, „fahren hier auch in Erfüllung ihrer dienstlichen Pflichten!“ Und beide Dienstpflichterfüller nickten zur Bestätigung. Solche Leute lauschen also immer mit.
„Sehen Sie“, wandte ich mich ein wenig zu freundlich an Herrn Auge, „das ist bei mir genauso. Ich fahre hier nämlich auch in der Erfüllung meiner dienstlichen Pflichten mit dem Rad. Diesen Brief hier“, ich deutete hinter mich, „fahre ich nämlich zur Post, um ihn mit einer dienstlich gekauften Marke zu versehen und in meinem streng dienstlichen Interesse abzuschicken.“
Auges Augen waren nun alles andere als freundlich. Bürgerfreundlich schon gar nicht mehr. Was würde er nun tun? Mir eine Uniform geben? Als Ausdruck meiner Dienstlichkeit? Den Brief selbst zur Post bringen, damit ich nicht mehr durch die Orangerie fahren müsste? Oder gar die Polizisten zum Schieben ihrer Drahtesel ermahnen, damit sie künftig mit einem besseren Beispiel vorangehen? Weit gefehlt! Denn in Auges Hirn arbeiteten die Synapsen anders. „Nun gut. Sie steigen jetzt bitte ab und schieben Ihr Fahrrad bis zum Ausgang. Wenn Sie das so machen, belasse ich es bei einer mündlichen Ermahnung.“
Wie darf man sich bei einem öffentlich-rechtlich Bediensteten für soviel Großmut bedanken? Hätte ich ihm um den Hals fallen sollen? Ein Päckchen Kaffee ins Ordnungsamt schicken? Wäre das dann eine dienstliche Fahrt zur Post? Musste ich als Kind in solchen Fällen nicht immer den ganzen Weg zurückgehen? Doch der Renitent in mir gewann. „Und wenn ich es wieder täte, rein dienstlich, versteht sich?“
„Dann müssten Sie ein Ordnungsgeld in Höhe von 15 Euro entrichten.“
Mit Herrn Auge und der Stadt war also nicht zu spaßen. Ich stieg ab, schob mein Rad bis zum Theater und fuhr zur Post.
Als ich auf meinem Rückweg in die Orangerie einfuhr, sah ich am anderen Ende, wie mein Freund Argus einen anderen Rüpel vom Fahrrad wies. Soviel dienstliche Fahrten konnte es unmöglich geben. Wahrscheinlich einer ohne Brief. Rücksichtloser Freizeitradler. Recht so, Argus, immer drauf. Ich konnte also beruhigt weiterfahren.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s