Grass’sche Gegenrede und das merkwürdige Verhalten eines zu kleinen Königs

Ach, der Günter! Hat auf seine alten Tage, gar nicht lange nach der leise wiederkehrenden Erinnerung an eine kleine SS-Episode seinerseits, gemutmaßt, die Autoren der Gegenwart seien unpolitisch und ein verweichlichtes Volk ohne Mumm. Ohne dass es dieses Einwands bedurft hätte, habe ich heute den Einwohnerantrag des Goethegymnasiums Rutheneum in Gera unterschrieben. Nicht, weil ich gegen das Kunsthaus bin. Sondern weil ich für den Schulcampus bin. Und um hier mal eine politische Weisheit zu posten, die auch auf einen Kalender passen würde:
Wenn man sich für eine Sache entscheidet, bleibt es nicht aus, dass man es gleichzeitig gegen eine andere tut. Wichtig ist aber vor allem die Entscheidung.
Und als kleines Bonbon für die kleinen Mächte in unserer kleinen Stadt kommt hier noch die Geschichte vom kleinen König:

Es war einmal ein kleiner König in einem kleinen Königreich. Dieser König hatte eine richtig tolle Idee für sein Reich. Weil es niemand besuchen wollte und auch keiner so recht wusste, warum man hinfahren sollte und was es in diesem Land zu sehen gibt, dachte sich der König eine Attraktion aus. In seinem kleinen Land lebte früher einmal ein Maler. Er war nicht unbedingt allererste europäische Liga, so wie van Gogh oder Rembrandt zum Beispiel, aber erste Bundesliga war er allemal. Und weil dieser Maler die einzige Person war, die jemals aus diesem Land richtig bekannt geworden ist, dachte der König, dass es doch nicht schlecht wäre, wenn das Land so hieße wie dieser Maler. Wenn dann erst alle Menschen in der Welt wüssten, dass eben dieser herausragende Maler aus dem tollen Land des Königs kam, dann würden ganz viele in sein Land kommen. Weil sie so neugierig sind. Weil sie sehen wollen, wie der Maler gelebt hat, wo er zur Schule gegangen ist und welche Bedingungen notwendig sind, damit man so ein toller Maler wie er wird. Vielleicht würden sie dann auf seinen historischen Spuren durch das Land des Königs pilgern. Denn so schön pilgert man nämlich nur in dem Land des kleinen Königs. Das war eine wirklich tolle Idee, dachte der König so für sich. Also erließ er ein Dekret und von nun an hieß das Land genauso wie der Maler. Nicht alle fanden den Einfall des Königs so gut wie selbiger, aber wozu war er denn König geworden, wenn er nicht wenigstens einmal der Bestimmer sein durfte!? Der Zufall spielte dem König danach prächtig in die Hände. Denn in dem kleinen Königreich gab es ein großes, sehr komisches Gebäude, das von außen wie ein Gefängnis aussah. Man mag es kaum glauben, aber es war früher einmal eine Bank. Zwar war es eine Zeit, in der die meisten Banker tatsächlich ins Gefängnis gehörten, aber das ist eine ganz andere Geschichte, für die unser kleiner König nichts kann.

Dieses Haus also stand schon lange leer, weil es die Bank, die es zuvor aus dem Zehnten der Menschen finanziert hatte, nicht mehr brauchte. Also dachte der König, dass es genau das richtige Haus sei, um dort dem berühmten Maler zu huldigen. Es sollte die Pilgerstätte sein und ein Schrein zu Ehren des Malers konnte dort errichtet werden, denn Platz war ja genügend da. Aus aller Welt würden Sammler und Interessierte kommen und sich das Haus und die Bilder des Malers anschauen. Millionen und Abermillionen von Menschen konnte der kleine König vor seinen inneren Augen sehen, wenn er sie einmal schloss. Was allerdings ganz selten vorkam, denn die meiste Zeit hielt er die Augen für sein Land und die Sorgen und Nöte der Menschen offen. Die vielen Besucher würden natürlich nicht nur kommen, um sich das Haus und die Bilder des Malers anzuschauen! Nein, sie würden sich auch das tolle Land mit den noch tolleren Menschen und dem tollsten kleinen König der Welt ansehen! Das wird ein Spaß, dachte der König. Und vielleicht dachte er auch daran, dass man ihm dereinst ein Denkmal vor das Haus des Malers setzen wird. Ein großes sogar.
Der König sammelte ein paar Getreue um sich, die sich an die Umsetzung seiner Vision machten. Es gab die schon erwähnten Meckerer und Besserwisser. Aber die gibt es ja immer. Nicht nur im Märchen. Diese ewigen Neider, die den Blick für das große Ganze nicht haben, die in ihrer Engstirnigkeit keinen Platz für Visionen finden. Aber diese Leute waren dem König egal. Und außerdem war er ja der Bestimmer. Genauso bestimmte er, dass es auch keine komischen Menschen geben durfte, die das Kunsthaus bis zur feierlichen Eröffnung mit ihrem eigenen Gekrakel oder gar zur Belustigung des Pöbels nutzen wollten. In eine Mercedes-Garage stellt man nun mal keinen Dacia! Aber das würden seine Untergebenen auch noch lernen. Basta! Der kleine König war vor allem geduldig. Und er wusste, dass die klügsten Ideen immer auf die dümmste Umgebung treffen. Galileo ging es ja auch nicht besser.
Doch, wie das eben im Märchen ist. Die Helden machen auch Fehler und dafür lieben wir sie umso mehr. Manchmal begeben sie sich aber auch unnötig in Gefahr und wir stehen machtlos vor der Szenerie. So, wie wir Schneewittchen zurufen wollen: „Iss diesen Apfel nicht, er ist vergiftet!“, so wollen wir auch dem kleinen König immer helfen, damit er immer die richtigen Entscheidungen trifft.
Doch eines Tages, keine böse Schwiegermutter weit und breit, und ausgerechnet bei einem wichtigen Ball, entfuhren ihm die Worte, die einem König eben nicht entfahren dürfen. Einem König darf nämlich im besten Falle gar nichts entfahren. Er sagte auf dem Ball zu seinen eigenen Ehren so laut, dass es alle geladenen Gäste hören konnten: „Kultur ist zunehmend ein wichtiger Standortfaktor für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes!“ Das meinte er natürlich in Bezug auf seine tolle Idee mit dem bekannten Maler. Er glaubte ja daran, dass sein namensgleiches Land bald einen großen Aufschwung erfahren würde.
An diesem Abend waren die Gäste natürlich entweder Sympathisanten, oder aber betäubt. Auch ein König schaut, dass nicht zufällig die böse dreizehnte Fee auf der Matte steht. Seine Gäste badeten sich in Freude und Selbstherrlichkeit.
Doch wir wissen es natürlich besser. Schon bald werden sie sich die Augen reiben. Ein Aufschrei wird durch das kleine Land des kleinen Königs gehen. Moment! Das geht doch gar nicht! Das ist doch alles nur ein Märchen! Das hat nichts mit unserer Wirklichkeit zu tun! Kunst und Kultur waren schon immer die Folge von Wohlstand. Gerade Kultur braucht zunächst wirtschaftliche Entwicklung, Wohlstand und Bildung als Grundlage. Aber Kultur schafft keinen Wohlstand. Was, wenn schon bald auch die anderen braven Bürger des kleinen Reiches mit dem Namen des Malers das erkennen werden? Was wird dann aus dem kleinen König und seiner großen Idee? Galileo können wir nicht mehr fragen.

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